Flüchtlinge

Kanton Solothurn lehnt Hilfe von Privatpersonen ab

Im Aargau nahm Regierungsrätin Susanne Hochuli eine Asylbewerber-Familie zwar nicht bei sich auf, vermietete dem Kanton aber eine Wohnung auf ihrem Hof.

Im Aargau nahm Regierungsrätin Susanne Hochuli eine Asylbewerber-Familie zwar nicht bei sich auf, vermietete dem Kanton aber eine Wohnung auf ihrem Hof.

In einigen Kantonen werden dank einem Projekt der Schweizerischen Flüchtlingshilfe Privatpersonen bald Flüchtlinge aufnehmen können. Solothurn will nicht dazugehören.

Am Frühstückstisch mit einem Flüchtling die Marmelade teilen. Das können sich in der Schweiz immer mehr Leute vorstellen. Insgesamt 200 Familien und Institutionen schweizweit sind laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe mittlerweile bereit, Asylbewerber bei sich aufzunehmen. Sechs Gastfamilien auch im Kanton Solothurn. Während in den Kantonen Waadt, Aargau, Baselland und Bern Privatpersonen schon bald Asylbewerber bei sich aufnehmen können, erhält das Projekt im Kanton Solothurn von den Behörden eine Abfuhr.

«Wir setzen auf eigene kantonale Strukturen», so David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit. Die Zürcher Organisation ORS Service AG betreibe im Kanton Solothurn die Unterkunft sowie die Betreuung der Asylsuchenden. Dies habe bis jetzt immer gut geklappt. «Aktuell kann die Aufnahme der zugewiesenen Asylsuchenden wieder etwas besser gewährleistet werden», so Kummer. Stand Donnerstagmorgen: Von den 344 Plätzen (in insgesamt vier kantonalen Durchgangszentren und rund zehn dezentralen Asylzentren im ganzen Kanton) sind 339 belegt. Die Rechnung geht auf, knapp, aber sie geht auf. In den Wintermonaten erwartet das Amt für soziale Sicherheit etwas weniger Zuweisungen durch den Bund. Wegen den schlechteren Wetterbedingungen würden in dieser Zeit weniger Flüchtlinge die Reise über das Mittelmeer wagen.

Im Sommer, wenn sich die Überlebenschancen bei einer Überfahrt erhöhen, könnten es aber wieder mehr werden. So wie im Juli dieses Jahres: 120 Betten fehlten im Kanton Solothurn. Daraufhin wurde im Oktober das Asylzentrum Fridau in Egerkingen eröffnet und 80 neue Plätze wurden geschaffen. Etwa gleichzeitig musste aber die Zivilschutzanlage Grüngen mit 32 Betten in Biberist geräumt werden. Jeden Monat wechseln unterschiedlich viele Asylbewerber in eine feste Bleibe in den Gemeindestrukturen. Das klingt nach einem stetigen Balanceakt, um den Betten-Bedarf zu decken.

Wie lange die aktuellen Plätze noch reichen werden, ist unklar. Schon in drei Jahren läuft der befristete Vertrag bei der Fridau ab. Das heisst dann wieder: minus 80 Plätze. «Der Ersatz muss bereits heute geplant werden», so Kummer. Als Notreserve stehe dem Kanton noch die Gruppenunterkunft ALST in Olten mit 80 unterirdischen Plätzen zur Verfügung. «Wenn der Zuweisungsdruck vom Bund weiterhin hoch bleibt, müssen wir zusätzliche Kapazitäten schaffen», ist sich Kummer bewusst. Die Schaffung zusätzlicher Strukturen sei daher eine Daueraufgabe. Trotzdem scheint der Kanton für innovative Projekte wie das der Schweizer Flüchtlingshilfe nicht offen zu sein. Allfällige Löcher wolle er – zumindest auf kantonaler Ebene – nicht mit Privatunterkünften stopfen. «Für die relativ kurze kantonale Unterbringungsphase ist die Platzierung bei Privatpersonen nicht geeignet», so Kummer. Die Asylsuchenden halten sich in der Regel zwischen drei und fünf Monaten in den kantonalen Strukturen auf und werden dann in die Gemeinden transferiert.

Keine Mehrkosten

Ums Geld geht es dem Kanton also nicht. Und laut der Flüchtlingshilfe hätte er in diesem Punkt auch keinen Grund zur Sorge. «Mehrkosten würde das Projekt nicht geben», so Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Im Gegenteil; könnten Flüchtlinge vermehrt bei Privaten untergebracht werden, sei das für die ganze Gesellschaft ein Gewinn. «Die asylsuchenden Menschen finden sich im Schweizer Alltag viel schneller zurecht, wenn sie jemanden haben, der ihnen zur Seite steht und ihnen vorlebt, wie hier alles funktioniert.» Erfahrungsgemäss würden sich die Asylbewerber, die auf diese Art und Weise betreut werden, viel einfacher integrieren und schneller ihren Beitrag zum wirtschaftlichen und sozialen Leben leisten.

David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit sieht trotz der vielversprechenden Effekte der neuen Unterbringungsform zwar keine Möglichkeiten auf Kantons-, jedoch auf Gemeindeebene. «Die Gemeinden beziehungsweise Sozialregionen können selber entscheiden, wo und wie sie die zugewiesenen Asylsuchenden unterbringen.» Ein solches innovatives Modell könnte durchaus in einer Gemeinde angewendet werden. Privatpersonen, die einen Flüchtling oder eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen würden, müssten damit umzugehen wissen. «Sowohl die Asylbewerber als auch die Gastgeber müssten speziell betreut und unterstützt werden», sagt er. Extra-Geld vom Kanton gibt’s laut David Kummer dafür aber nicht. Und fördern wolle das Modell der Kanton auch nicht.

Hanspeter Müller, Leiter der Sozialregion Olten, bezeichnet das Projekt als «extrem wertvoll». Trotzdem komme es für die Region voraussichtlich nicht infrage. «Wir haben nichts in dieser Art in der Pipeline.» Der Grund: zu grosser Aufwand. Vor allem bei der Betreuung der Gastfamilien. Das Zusammenleben in gemeinsamen Räumen sei ein anspruchsvolles Unterfangen und könnte unvorbereitete Familien schnell überfordern. «Die Gastgeber müssten genügend für eine solche Aufgabe gecoacht werden, sonst wäre dies missbräuchlich», so Müller. «Solange der Kanton aber ein solches Projekt nicht fördert, führen wir es auch nicht durch», sagt Müller.

Nach der Absage des Kantons wollen sich die sechs Interessenten aus dem Kanton mittlerweile nicht öffentlich dazu äussern. Nicht mehr.

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