Neue Adressendungen
Kanton Solothurn könnte eine kleine Revolution im Internet verschlafen

Die globale Verwaltungsstelle Icann will neue Endungen der Webadressen zulassen. Der Kanton Zürich hat sich für die Top-Level-Domain «.zürich» beworben. Im Kanton Solothurn ist man bisher nicht aktiv geworden.

Sven Altermatt
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Das Internet wird lokaler, zumindest in Zürich: Die Kantonsbehörden wollen die Endung «.zuerich» vermarkten.

Das Internet wird lokaler, zumindest in Zürich: Die Kantonsbehörden wollen die Endung «.zuerich» vermarkten.

key/Montage: CKA

Ein kleines Gedankenspiel: Sie eröffnen irgendwo im Kanton Solothurn ein Restaurant und nennen dieses, sagen wir, «Ochsen». Um ihr Restaurant bekannt zu machen, wollen Sie auch eine Website einrichten. Doch dafür muss zuerst eine Webadresse her. Griffig und knackig soll diese sein. Vielleicht «www.ochsen.ch»? Schade, darunter firmiert längst der «Ochsen» aus Basel. Wie wäre es mit «www.restaurant-ochsen.ch»? Nichts zu machen. Die Adresse gehört dem Sempacher «Ochsen». Schon mal an «www.ochsen.solothurn» gedacht? Das wäre vortrefflich, ist technisch allerdings nicht möglich. Oder etwa doch?

Zürcher Unternehmen und Private können ihre Website bald nicht mehr nur auf «.ch» oder «.com» enden lassen, sondern auch auf «.zuerich».

Wer heute eine markige Adresse für seine Website sucht, hat meistens wenig Erfolg. Vergeben, besetzt, nicht mehr verfügbar – Webadressen mit gängigen Endungen sind kaum noch zu haben. Um der Verknappung von Adressen entgegenzuwirken, will die globale Verwaltungsstelle Icann neue Endungen zulassen. Im vergangenen Februar wurde eine erste Fülle frischer, sogenannter Top-Level-Domains aufgeschaltet. Neben geografischen Kennungen wie «.berlin» oder «.tirol» sind Thematische wie «.bank» oder «.nestle» darunter.

Auch der Kanton Zürich hat sich bei Icann um eine eigene Adressendung beworben. 300 000 Franken hat der Regierungsrat für seine Bewerbung ausgegeben. Man wolle sich schliesslich nicht in ein paar Jahren vorwerfen lassen, einen neuen Standard im Internet verschlafen zu haben.

Neue Nachnamen für Websites

Vier Fragen Dem Internet gehen die Namen aus – aber was heisst das eigentlich für Nutzer?

1. Was ist unter Top-Level-Domain zu verstehen?
Eine Top-Level-Domain ist die Endung einer Domain, auch Webadresse genannt. Die am häufigsten verwendete Top-Level-Domain ist «.com». Die Endung wird weltweit von 112 Millionen Webadressen gebraucht. In der Schweiz sind 1,2 Millionen «.ch»-Adressen registriert. Bisher gab es im Internet 21 generische Endungen wie «.com» und 280 länderspezifische wie «.ch» oder «.de».
2. Warum werden überhaupt neue Endungen zugelassen?
Weil dem Internet allmählich die Namen ausgehen. Bei gängigen Top-Level-Domains wie «.ch» oder vor allem «.com» sind prägnante Webadressen kaum noch zu haben. Die Lösung: Bei Endungen wird nicht mehr nur nach Ländern, sondern auch nach Themen oder Regionen unterschieden. Zu den ersten neuen Endungen zählen «.bike», «.singles» und «.berlin». Die globale Verwaltungsstelle Icann will nach eigenen Angaben den Wettbewerb unter Registraten anregen. Das sind die Firmen, die Webadressen verkaufen. Angesichts der hohen Gebühren vermuten Kritiker, dass es der Icann nicht zuletzt ums Geld gehe.
3. Was verändert sich mit den neuen Endungen für Internetnutzer?
Wahrscheinlich wird die Verwirrung grösser, weil es mehr Möglichkeiten gibt, wie eine Webadresse enden kann. Allerdings gelangen heute ohnehin viele Nutzer über Suchmaschinen auf eine Website. Gerade hier liegt eine Chance der neuen Top-Level-Domains. Ein Zürcher Restaurant könnte mit «.zuerich»-Adresse besser zu finden sein als unter der Endung «.ch».
4. Welche Kantone oder Städte
haben sich eine eigene Endung für Webadressen gesichert?
Bislang hat erst der Kanton Zürich eine Top-Level-Domain beantragt, heisst es beim Bundesamt für Kommunikation. Der Bund hat sich derweil die Endung «.swiss» gesichert. Ab Herbst soll es möglich sein, entsprechende Adressen zu registrieren. Ursprünglich hatte sich auch die Airline Swiss für «.swiss» interessiert, ihre Bewerbung dann aber zurückgezogen. (sva)

«Hat durchaus Potenzial»

Zürich ist bislang jedoch der einzige Kanton, der sich eine Top-Level-Domain gesichert hat. «Wir haben das auch geprüft», erklärt Beat Wyler, Leiter E-Government bei der Solothurner Staatskanzlei. «Aber dann haben wir auf eine Bewerbung verzichtet.» Die kantonalen Behörden seien mit «www.so.ch» und den daraus abgeleiteten Adressen wie «www.polizei.so.ch» bereits ausreichend bedient. Tatsächlich sind Webadressen mit zwei Zeichen den Kantonen und dem Bund vorbehalten, alle anderen Schweizer Domains müssen mindestens drei Zeichen haben.

Allerdings steht in Zürich auch nicht die eigene Nutzung im Vordergrund: Adressen mit «.zuerich»-Endung sollen verkauft werden und dem Kanton ordentlich Geld in die Kassen spülen. Betrieb und Vermarktung könnte dabei ein privates Unternehmen übernehmen. Wäre ein solches Modell dereinst auch im Kanton Solothurn denkbar? «Eher nicht», sagt Beat Wyler. Für ihn befinden sich die Kantonsbehörden ohnehin in einer defensiven Rolle.

Bei der Stadt Solothurn hält sich das Interesse derzeit ebenfalls in Grenzen. «Potenzial hätte eine eigene Endung wohl durchaus», sagt Hansjörg Boll. Allerdings fragt sich der Stadtschreiber, ob die öffentliche Hand überhaupt Webadressen-Dealer sein soll. «Wir werden diese Frage noch in aller Ruhe prüfen.»

Grosse Vorbilder

Nebst dem Vermarktungspotenzial denken die Zürcher Behörden auch an den Markenschutz. Der Kanton will selbst bestimmen, wer unter «.zuerich» auftreten darf. Die neuen Top-Level-Domains werden nach dem Windhund-Verfahren vergeben: Wer zuerst kommt, erhält den Zuschlag. Was also, wenn sich Private die Endung «.solothurn» unter den Nagel reissen? Dieser Gefahr sei man sich bewusst, erklärt Beat Wyler. «Das Missbrauchspotenzial scheint allerdings klein.» Eine Top-Level-Domain ist für eine Privatperson denn auch ziemlich kostspielig, schon weil es 185 000 Dollar kostet, eine Adressendung bei der Icann bloss prüfen zu lassen. Ob die Behörden bei einem privaten Betreiber auf ein Mitspracherecht pochen könnten, ist aus rechtlicher Sicht unklar.

Interessant ist die Frage, wie Suchmaschinen auf die neuen Adressendungen reagieren werden. Fachleute vermuten, dass damit bei Google prominentere Platzierungen möglich seien. Das ist vor allem für lokale Dienstleister attraktiv, wie Beispiele zeigen. In Berlin sind seit März rund 138 000 Adressen mit «.berlin»-Endung vergeben worden. Und in Wien hat die Stadtverwaltung zur Vermarktung ihrer Adressen eigens eine Firma gegründet, die Punkt Wien GmbH. Bewerben darf sich, wer eine Verbundenheit zur österreichischen Hauptstadt hat.