Soeben hat die Regierung die Weichen dafür gestellt, dass auch am Standort Solothurn eine Regionale Kleinklasse (RKK) starten kann. Ab Februar sollen in der Solothurner Weststadt, im Gebäude des Sonderpädagogischen Zentrums Bachtelen, Schülerinnen und Schüler mit massiven Verhaltensauffälligkeiten gefördert werden. Kürzlich hat der Regierungsrat die Zusammenarbeit zwischen dem Volksschulamt und dem Kinderheim Bachtelen in einer Leistungsvereinbarung definiert.

Darin rechnen die kantonalen Behörden mit einer Klasse von 12 Schülerinnen und Schülern, entsprechend grosszügig fällt die Schuljahrespauschale aus (536 000 Franken). Die Laufzeit des Vertrags dauert bis Ende Juli 2018, und damit bis zum Abschluss des aktuellen Schulversuchs «Spezielle Förderung». Vorgängig muss der Kantonsrat allerdings erst noch die Gelder im Rahmen der Budgetdebatte im Dezember freigeben.

Die Spezialklasse in Solothurn ist die letzte von insgesamt fünf geplanten – und jetzt realisierten – Standorten im Kanton. Ein Blick auf die Anzahl Schüler an den Standorten in Herbetswil, Olten, Dornach und Grenchen lässt aber daran zweifeln, ob es das Angebot in diesem Umfang auch tatsächlich braucht.

700 000 Franken für 5 Schüler

Die Regionale Kleinklasse in Herbetswil, die im Herbst 2012 als eine Art kantonale «Versuchsstation» eingerichtet worden ist, zählt neun Kinder. Nur gerade eines hat den Status eines RKK-Schülers. Alle anderen gehören zur Gruppe der Sonderschüler – und damit nicht zur eigentlichen Klientel der Spezialklasse. Bei Schülern der Regionalen Kleinklasse besteht die Möglichkeit, dass diese nach spätestens neun Monaten wieder dem Unterricht in der Regelklasse folgen können – so will es jedenfalls die Theorie. Bei Sonderschülern kann die Förderung länger dauern. 

Die Regionale Kleinklasse in Olten, die es seit Oktober 2014 gibt, besuchen derzeit gerade mal fünf Kinder, zwei weitere dürften in den nächsten Monaten noch dazugekommen. Einer der Schüler hat auch hier eine Sonderschulverfügung. Im Mai dieses Jahres hat der Kanton die Leistungsvereinbarung mit der Privatschule Olten bis 2018 verlängert. Die Schule erhält für den Aufbau und die Bereitstellung des Angebots eine Schuljahrespauschale von 700 000 Franken, ab August dieses Jahres geht der Kanton dabei von zwei Klassen mit insgesamt 20 Plätzen aus. Die Gelder für die Jahre 2016 bis 2018 müssen auch hier erst noch vom Parlament genehmigt werden.

Seit erste Hälfte Jahr führt das Kinderheim Bachtelen in Dornach eine Regionale Kleinklasse. Zu Beginn des neuen Schuljahres hat die gleiche Institution in Grenchen, am Hauptsitz des Sonderpädagogischen Zentrums, im Auftrag des Kantons eine weitere Förderklasse eröffnet. In Dornach besuchen zwei RKK-Schüler und ein Sonderschüler die Spezialklasse. In Grenchen sind es drei Kinder, wobei demnächst noch zwei Schüler aus dem Raum Solothurn dazustossen.

Alle fünf gehören immerhin zum eigentlichen Adressatenkreis der Regionalen Kleinklasse. Für beide Standorte hat der Kanton, wie für die Regionale Kleinklasse in Solothurn, mit dem «Bachtelen» Verträge abgeschlossen. Auch diese gehen von Klassen in der Grösse von je 12 Schülerinnen und Schülern aus, die Schuljahrespauschalen liegen bei je über 500 000 Franken.

«Kosten müssen sekundär sein»

Die fehlende Auslastung der Regionalen Kleinklassen beschäftigt auch das Volksschulamt. «Wir rechneten damit, dass die Klassen bei der Eröffnung eines Standorts innert kurzer Zeit voll sein werden», sagte Pascal Estermann gegenüber dieser Zeitung. Er leitet beim Kanton die Abteilung Heilpädagogisches Schulzentrum (HPSZ) und ist damit verantwortlich für die kantonal geführten Regionalen Kleinklassen. «Wir dachten sogar, dass wir mehrere Klassen pro Standort einrichten müssen.»

Die Leistungsvereinbarungen seien aber gerechtfertigt, ist er überzeugt. Egal nämlich wie viele Schüler eine Spezialklasse besuchen, brauche es Räume und mehrere spezifisch ausgebildete Lehrpersonen. «Wir finanzieren das ganze Angebot und nicht einzelne Plätze.» Mit der Einrichtung von Regionalen Kleinklassen komme der Kanton zudem einer politischen Forderung nach. 

Estermann: «Die Kosten müssen deshalb sekundär sein.» Der Kanton gebe dabei sein Möglichstes, damit das Angebot auch tatsächlich genutzt werde. Und wenn nicht, dann «funktioniert die Regelschule offenbar so gut, dass dort auch Schülerinnen und Schüler mit grösseren Verhaltensproblemen gefördert werden können.»

Klarheit bringen soll eine Evaluation, die das Volksschulamt in Zusammenarbeit mit den Regelschulen und den Regionalen Kleinklassen an die Hand nehmen wird. Gemäss Estermann sollen Schülerinnen und Schüler auch weiterhin erst dann eine Regionale Kleinklasse besuchen, wenn alle anderen Unterstützungsmassnahmen keine Wirkung mehr haben.

Er kann sich aber vorstellen, dass Kinder neu bereits ab der ersten Primarklasse eine Förderklasse besuchen können – und nicht erst ab der dritten Klasse. Überdenken müsse man zudem, ob die maximale Dauer für die Förderung in einer Kleinklasse nicht zu kurz ist. Estermann: «Die Integration innerhalb von neun Monaten erweist sich gemäss bisherigen Erfahrungen als sehr schwierig.»

Keine Akzeptanz bei Schulleitern

Die Schülerzahlen in den Regionalen Kleinklassen lösen bei Adrian van der Floe kaum Erstaunen aus. «Das neue Angebot hat keine Akzeptanz bei den Schulleitenden», hält er fest. Van der Floe ist selbst Schulleiter des Schulzentrums Derendingen-Luterbach, zudem präsidiert er den kantonalen Verband der Schulleitenden. Die Schulleiterinnen und Schulleiter haben eine zentrale Rolle im Zuweisungsprozess – gemeinsam mit dem Schulpsychologischen Dienst, den Eltern, dem Kanton und der Regionalen Kleinklasse. «Es fehlen bis jetzt die guten Erfahrungen mit der Reintegration in die Regelschule», nennt van der Floe einen wesentlichen Grund für die Zurückhaltung der Schulleitungen.

Er stellt dabei das Konzept der Regionalen Kleinklasse grundsätzlich infrage. Bei der entsprechenden Zielgruppe starten die Abklärungen in den meisten Fällen bereits im Kindergarten oder dann in den ersten beiden Primarschulklassen. Werden massive Probleme diagnostiziert, werden die Kinder in der Regel einer Sonderschule zugewiesen. Neben diesen Sonderschulen sind für den Schulleiter-Präsidenten niederschwelligere Angebote vor Ort sinnvoller als die Regionalen Kleinklassen.

Adrian van der Floe hat dabei gemeinsame Angebote von zwei oder drei Schulträgern im Sinn. Eine solche Nähe zur Regelschule fördere die Akzeptanz bei den Eltern und erleichtere auch die Integration der Schüler. «Das Geld, das jetzt für die Regionalen Kleinklassen ausgegeben wird, wäre für lokale Projekte sinnvoller eingesetzt», sagt van der Floe und macht kein Geheimnis aus seinem Ärger über die vom Kanton abgeschlossenen Leistungsvereinbarungen.

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