Solothurn

Kanton bezahlt Bauern, die gut zum Boden schauen

Bauer Martin Flury macht beim Humus-Projekt mit, damit auch die nächste Generation intakte Böden hat.

Bauer Martin Flury macht beim Humus-Projekt mit, damit auch die nächste Generation intakte Böden hat.

Der Kanton Solothurn bezahlt seit letztem Jahr Bauern, wenn sie besonders gut zum Boden schauen. Warum dies sinnvoll ist, erklärt Landwirt Martin Flury.

Martin Flury steht inmitten von 180'000 Sonnenblumen. Bis über seinen Kopf hinaus ragen die gelben Blüten, knapp vier Tonnen Sonnenblumenöl wird es daraus geben. Bis zu seinen Knien wuchert grüner Klee. Das soll auch so sein, hat doch der Deitinger den Klee zusammen mit den Blumen angesät.

Die verschiedenen Krautarten haben sich mittlerweile auf dem ganzen Feld ausgebreitet und verhindern so, dass Unkraut wächst. Bedeutet für Flury: Er muss keine Pestizide spritzen. Daneben bringt der Klee weitere Vorteile: Er verhindert, dass bei starkem Regen Humus davon geschwemmt wird, dank des Klees werden Nährstoffe besser im Boden gebunden und Ende Jahr, nach der Sonnenblumenernte, wird er auf dem Feld stehen gelassen und zu Humus.

Untersaat nennt sich dieser Prozess. Ziel der ganzen Übung: den Humus im Boden vermehren. Für die Fruchtbarkeit des Bodens und damit für die Fähigkeit der Bauern, Lebensmittel zu produzieren, ist die Humusschicht extrem wichtig. Das wissen auch die Verantwortlichen des Kantons Solothurn und haben deshalb vor einem Jahr ein Pilotprojekt lanciert. Bauern, die zum Beispiel mit einer Untersaat extra gut zum Boden schauen, werden finanziell unterstützt. Es gibt eine ganze Reihe von Massnahmen, die vergütet werden. Zum Beispiel den Mist am Feldrand kompostieren, bevor man ihn auf dem Feld verteilt. Oder Kunstwiesen mehrere Jahre lang stehen lassen statt nur zwei bis drei. Bereits über 200 Landwirte machen mit. «Wir sind sehr zufrieden, wie das Programm angelaufen ist», freut sich Felix Schibli, Leiter des Amtes für Landwirtschaft. «Es zeigt, dass sich die Bauern stark für den Boden engagieren.» Denn, das betont Schibli, es werde nicht einfach grosszügig Geld verteilt. «Die Teilnehmer müssen viel leisten.»

Zum Beispiel müssen sämtliche Arbeitsschritte digital erfasst werden, in einem sogenannten «Humusbilanz-Tool». Wie setzt sich der Boden zusammen, welche Kulturen werden angepflanzt, welche Massnahmen werden angewendet. Auf dieser Grundlage rechnet das Tool aus, ob der Humus zu- oder abnimmt und ob der Bauer etwas an seiner Bewirtschaftung ändern sollte. «Ein sehr interessantes Tool», findet Flury. «Denn von Auge sieht man nicht, oder der Humus abnimmt oder nicht.»

Es ist auch nötig, weil sich die Bauernbetriebe verändert haben

Bauern dafür bezahlen, dass sie extra gut zum Boden schauen. Dass dies überhaupt nötig ist, hat damit zu tun, dass sich Bauernhöfe verändert haben. Früher habe jeder Bauer noch die ganze Palette gehabt, erklärt Schibli: Tiere, Ackerbau, Obstbau, Wiesen. Damit Landwirte heute aber überleben können, müssen sie sich immer stärker spezialisieren. Bedeutet für manche: weniger oder gar keine Tiere mehr. Dadurch fehlen Gülle oder Mist, die dem Boden organisches Material zurückgeben würde.

Flury hat vor einigen Jahren seinen Betrieb umgestellt, hat seine Milchkühe verkauft und sich auf den Gemüseanbau spezialisiert. Einzig 28 Aufzuchtrinder betreut er noch. Dabei fallen weniger Gülle und Mist an, die Humus-Bilanz ist ins Negative gefallen. «Ich nehme dem Boden so viel weg: Zuckerrüben Kartoffeln, und überall ist bei der Ernte etwas Erde mit dran.» Deshalb sei es für ihn gar keine Frage gewesen bei diesem Projekt mitzumachen. «Schliesslich ist es ja auch in meinem eigenen Interesse, zum Boden Sorge zu tragen.»

Der Fokus des Projekts liegt ganz klar auf der Fruchtbarkeit des Bodens. Gleichzeitig bringt das Projekt aber einen netten Nebeneffekt mit sich, den man bei der Lancierung gar nicht unbedingt auf dem Radar hatte: Und zwar speichert die Humus-Schicht Kohlenstoff. Je mehr Humus es hat, umso mehr CO2 kann gebunden werden. Etwa 1600 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert die ganze Humusschicht weltweit. Zum Vergleich: Das ist etwa doppelt so viel, wie in der Atmosphäre und etwa dreimal so viel, wie in der gesamten Vegetation gespeichert wird.

Humus könnte nicht nur ein Mittel im Kampf gegen den Klimawandel sein, gleichzeitig hilft er auch, die Folgen davon abzuschwächen. «Die Humusschicht ist wie ein Schwamm», sagt Flury. «Je mehr es davon hat, umso mehr Wasser kann im Boden gespeichert werden.» Für Pflanzen gerade in Zeiten mit immer extremeren Witterungsbedingungen sehr wichtig.

Fruchtbare Böden und gleichzeitig ein Mittel gegen den Klimawandel: Wie kommt es, dass diese Massnahmen nicht schon lange gang und gäbe sind? Das hat zum einen damit zu tun, dass einige davon ziemlich aufwendig sind. Zum Beispiel die Untersaat: «Das kann man nicht bei jeder Kultur und vor allem nicht bei jedem Boden machen», so der Deitinger Landwirt Flury. «Man muss die Bodenverhältnisse schon gut kennen. Und dann kommt es auch noch stark auf die Witterung an.» Und zum andern liegt es auch daran, dass viele der Massnahmen gar nicht neu sind. Gerade die Gründüngung kommt seit Jahren zur Anwendung. Was neu ist: Dass statistisch erhoben wird, welche Massnahmen wie viel bringen. Am Ende des Pilotprojekts, in sechs Jahren, wird dann ausgewertet. Es soll sich zeigen, welche Massnahmen praxistauglich sind – und welche vielleicht auch nicht.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1