Auf einen Kaffee mit...
«Kaminfeger ist der schönste Beruf, den es gibt»

«Chemifägerin» Corinna Basile aus Mümliswil verteilt gerne Glücksgefühle. Die 31-Jährige liebt ihren Beruf, den sie als schönsten überhaupt bezeichnet.

Andreas Kaufmann
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Manchmal wird Kaminfegerin Corinna Basile aus Mümliswil von Unbekannten angesprochen, die gerne ein bisschen mehr Glück hätten.

Manchmal wird Kaminfegerin Corinna Basile aus Mümliswil von Unbekannten angesprochen, die gerne ein bisschen mehr Glück hätten.

Andreas Kaufmann

Kaum jemand verliert diese kindliche Gewissheit, wenn er erwachsen wird: dass es Glück bringt, einem Kaminfeger die Hand zu schütteln. Es kann also nur ein gelungenes 2014 werden, wenn man sich kurz vor Jahresende mit «Chemifägerin» Corinna Basile auf einen Kaffee trifft. Die 31-Jährige übt ihren Beruf mit Leidenschaft aus. Und ja, es kommt öfters vor, dass sie in ihrer markanten schwarzen Arbeitskluft mit rotem Halstuch auf der Strasse von wildfremden Leuten angesprochen wird – für ein bisschen Glück.

Für Basile keine lästige Alltäglichkeit, sondern etwas, was sie stets von neuem freut: «Wenn Sie beim Lotto gewinnen, rufen Sie mich einfach an – und wir teilen den Betrag», erwidert sie jeweils augenzwinkernd. Auch Kindern, die in wenigen Tagen eine Prüfung haben, bitten zuweilen um eine Glück bringende Berührung. Und stossen bei Basile auf ebenso offene Ohren – wie wenn sie zum Hochzeitsspalier oder für einen Geburtstagsauftritt angefragt wird.

Früher war kein Volksglauben, keine Sehnsucht nach Brauchtum nötig, um einen solchen Glücksbringer gerne zu Hause zu haben. Setzte sich doch im Kamin der leicht entzündliche Glanzruss – auch Pech genannt – ab. Durch Entfernen dieser Rückstände minimierte man damit auch das Brandrisiko. So durfte man sich nach dem Besuch des Kaminfegers wieder sicherer fühlen – und glücklicher.

Im Büro verloren

Doch wie gerät man heute überhaupt in eine Männerdomäne – ungeachtet des schönen Brauchs des Glücksbringers? Zwar meint sie nachträglich scherzend: «Ich bin ungeschickt im Service, kann keine Haare gerade schneiden und wäre im Büro verloren.» Dennoch waren die Gründe massgebend, die für diese Berufswahl sprechen – und nicht jene, die gegen alles andere sprechen. Schon als Kind geriet sie wegen ein wenig Dreck nicht aus dem Häuschen.

Mit 16 dann packte sie das Interesse, eine Lehre als Kaminfegerin zu machen. Ihr Lehrmeister und ihre Arbeitskollegen nährten ihre Begeisterung an diesem Beruf, dem «schönsten, den es gibt», wie sie schwärmt.

Heute arbeitet sie im Betrieb von Kaminfegermeister Heinz Glauser in Wolfwil, wohnt aber mit ihrem Ehemann und dem zweieinhalbjährigen Sohn in Mümliswil, wo sie auch herstammt. «Die Schwarze chöme ebe vo Mümliswil», zitiert sie in alter Dorftradition.

Berufsbild verändert sich

Das Berufsbild hat sich seit früher verändert: «Viele haben noch Bäseli und Rute im Kopf», doch die Technologie, die nötig ist, ist sehr komplex geworden – und die Arbeit nicht weniger. Zum Cheminée, Kachel- oder Schwedenofen oder zum Heimherd sind Zentralheizungen hinzugekommen. Auch die boomenden Pelletheizungen halten die Berufsgattung auf Trab. Und selbst wer eine wartungsarme Wärmepumpe-Anlage besitzt, hat oft noch ein Heizsystem zur Unterstützung für Übergangszeiten.

Alljährliche Weiterbildungen halten Basile und ihre Berufskollegen auf dem neuesten Stand. Zudem stösst der Kaminfeger mit seinem Beruf teilweise in den Bereich des Monteurs vor, «da kommt es durchaus vor, dass man Dichtungen auswechselt oder andere Montagearbeiten ausführt». Nur zwei Dinge hätten sich nicht verändert, stellt sie grinsend fest: «Der Brenner ist immer noch vorne, der Kamin hinten.»

Kontakt mit Menschen

Doch nicht nur die technischen Herausforderungen machen den Beruf für Basile interessant. Wenn sie nicht gerade in einem anonymen Wohnblock die Zentralheizung unter die Lupe nimmt, kommt sie viel mit Menschen in Kontakt. «Einige Kunden habe ich noch nie gesehen. Die hinterlassen mir einfach den Schlüssel bei einem abgemachten Versteck.» Oder dann wird Basile zum Kaffee eingeladen und berät die Kunden, wie sie auch in Zukunft «guet chöi füüre».

«Unser Besuch ist bei einigen Leuten so stark verankert, dass sie sogar Telefonanrufe mit dem Hinweis abwimmeln, dass sie eben gerade den Kaminfeger im Haus haben.» Respekt, aber auch Vertrauen – diese beiden Dinge sind Basile sicher, wohin sie auch kommt. Sie erinnert sich auch an einen konkreten Fall, wo ein Ehemann ihr den Hausschlüssel überreichte, um im Schlafzimmer das Kamintürchen zu reinigen – wo nichtsahnend noch die Gattin schlummerte.

Den schmutzigsten Auftrag an den sie sich erinnern mag, hatte Corinna Basile in einer Lachsräucherei: «Nach dem Entfernen des Glanzrusses war ich von oben bis unten schwarz.» In solchen Situationen ist sie dann auch froh, am Abend zu ihrer Familie heimzukehren und den Russ des Tages abzuwaschen.

Eines bleibt aber trotz Duschen sichtbar an ihr haften: das sprichwörtliche Glück – nicht nur als Fügung, sondern auch als Haltung und Perspektive: Glück ist, was sie am Morgen empfindet, bevor sie zur Arbeit fährt und am Abend, wenn sie wieder heimkehrt – vom schönsten Beruf der Welt.