Sie sind Unternehmer, Tüftler und haben zahlreiche Firmen gegründet. Ist das Reservoir an potenziell erfolgreichen Jungfirmen gut gefüllt?

Felix Kunz: Auf jeden Fall. Es hat schweizweit sehr viele Firmen, die neue Ideen entwickeln und auf den Markt bringen. In der Region Solothurn ist das Potenzial sicherlich kleiner, das hat aber mit der Kantonsgrösse und der fehlenden Hochschule zu tun. Denn rund um eine Universität herrscht eine dynamischere Entwicklung, in welcher beispielsweise auch aus Diplom- oder Forschungsarbeiten plötzlich Start-ups entstehen.

Sie beurteilen als De-Vigier-Stiftungsratsmitglied jeweils 150 bis 200 eingereichte Projekte. Wie ist die Qualität?

Sie ist sehr hoch. Dementsprechend ist auch die Wahl der Sieger sehr schwierig. Eigentlich hätten jeweils mehr als fünf Jungunternehmer die Auszeichnung mit dem de-Vigier-Preis verdient.

Hat sich in der Start-up-Szene über die vergangenen zehn Jahre etwas verändert?

Der Einfluss der Hochschulen nimmt zu. Das heisst, Projekte aus dem universitären Umfeld sind heute stärker vertreten als vor zehn, zwanzig Jahren. Die Hochschulen bewegen sich heute näher an den Markt und sind aktiver in der Start-up-Szene unterwegs. Sie motivieren die Studentinnen und Studenten gezielter, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Das gilt offenbar auch für den de-Vigier-Preis, denn Tüftler, die in ihrer Werkstatt eine Innovation entwickeln und umsetzen, sind als Preisträger rar geworden.

Heute wird es immer schwieriger, ohne fremde Hilfe den ersten Schritt zum Unternehmer zu machen. Gerade die Fachhochschulen, die Universitäten oder insbesondere die technischen Hochschulen bieten eine Umgebung, die in Form von Labors oder Assistenten förderlich ist für diesen Schritt. Gerade die Bereiche Medtech, Biotech oder Medizin sind extrem komplex. Es sind jahrelange Prozesse, bis ein Produkt überhaupt Marktreife erlangt. Hinzu kommt, dass die – nicht abwertend gemeint – einfachen Erfindungen bereits mehr oder weniger erfolgt sind.

Aber gibt es die Tüftler noch?

Ja, sicher. Sie stehen aber weniger im Scheinwerferlicht. Wichtig zu wissen ist, dass beide Wege, ob aus der Hochschule oder aus der Werkstatt, zum Erfolg führen können. Die Ausgangslage ist für alle dieselbe: Letztlich muss es einen Markt für ein Produkt geben, sprich einen Kunden, der bereit ist, dafür zu zahlen.

Gilt bei Jungfirmen als Antriebsfeder nur der ökonomische Erfolg oder steckt da mehr dahinter?

Es ist mehr als der monetäre Hintergrund. Vielmehr geht es um die Freude und den Willen, mit einem Produkt eine Verbesserung für die Allgemeinheit zu erreichen, insbesondere im medizinischen Bereich.

Spüren Sie Herzblut?

Das ist zwingend. Denn ohne persönliches Engagement und eben Herzblut geht es nicht.
Gibt es Grundvoraussetzungen, damit ein Unternehmer erfolgreich arbeiten kann?
Die Idee für ein neues Produkt alleine genügt nicht. Es braucht immer auch eine Marktsicht, der angehende Jungunternehmer muss sich in die Rolle des Kunden versetzen können und dabei über Durchhaltewillen verfügen. Letztlich muss er auch ökonomisch orientiert sein. Zudem braucht es in den meisten Fällen ein Team, Alleingänge sind heute fast nicht mehr möglich. Kurz: Unterschiedliche Eigenschaften müssen in einer Person vereint ein. Und wenn das nicht möglich ist, muss der Initiant zum richtigen Zeitpunkt Fachleute mit den fehlenden Kompetenzen beiziehen. Wenn dieser Schritt zu spät erfolgt, ist das Projekt sehr oft zum Scheitern verurteilt.

Braucht es überhaupt Förderinstitutionen?

Auf jeden Fall. Es ist heute schwierig, in einer sehr frühen Phase der Geschäftsidee an das nötige Risikokapital zu kommen. Und da kann eine Stiftung wie De Vigier mithelfen. Einerseits durch das Fördergeld, aber noch vielmehr ist eine Bewerbung am Wettbewerb ein erster Härtetest für die Jungfirma. Die Macher müssen ihr Projekt überzeugend präsentieren, sie erhalten Expertenmeinungen mit Hinweisen auf Schwachpunkte und Verbesserungsvorschläge. Und die Kandidaten erhalten einen Auftritt in den Medien. Das hilft enorm bei der Finanzierung und Vermarktung. Die Auszeichnung ist also viel mehr als die geldwerte Leistung.

Hat es in der Schweiz genügend Risikokapital, um Jungfirmen von Beginn weg zu fördern?

Die Innovation ist sehr stark getrieben durch Grosskonzerne, die keine Finanzierungsprobleme kennen. Die Jungunternehmerszene, isoliert betrachtet, hat dagegen schon noch Potenzial. Im Vergleich zu den USA beispielsweise ist das Umfeld für Risikokapital hierzulande schwieriger. Das ist auch eine Mentalitätsfrage. Der Schweizer ist eher sehr vorsichtig und zurückhaltend im Gegensatz zu Amerikanern, die sich rascher begeistern lassen und dadurch auch grössere Risiken eingehen. Die heutigen Giganten wie Apple oder Microsoft sind aus Start-ups entstanden, weil es mutige Personen gab, die an deren Geschäftsideen geglaubt haben.