«Die meisten Opfer vermeiden diese Konfrontation», so Anwältin Andrea Gfeller in ihrem Plädoyer. Zuvor hatte ihre Mandantin, die 25-jährige Nicole P.*, den Schritt ins Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt gewagt, um dort jenem Mann zu begegnen, der vor zwei Jahren so brutal in ihr Leben getreten war. Es sei ein Teil der Verarbeitung. «Und sie will dem Täter die langfristigen Folgen seines Handelns zeigen.»

Es ist der Auffahrtsmorgen 2013, als P. am Joggen ist. Auf dem Nachhauseweg begegnet ihr Marco A.* Der grossgewachsene Mann packt die zierliche Frau, reisst sie zu Boden und hält ihr den Mund zu. «Ich hatte Todesangst!», beschrieb das Opfer ihre Eindrücke vergangenen Mittwoch. Und sie sei sicher gewesen: «Der bringt mich um oder vergewaltigt mich!»

Dreimal Frauen angegriffen

Was an diesem Morgen in Marco A.s Kopf vorging, konnte das Gericht nicht vollständig klären. Fest steht aber: A. hat bereits 2011 und 2012 drei Frauen auf ähnliche Weise angegriffen. Wie auch im jüngsten Fall allerdings erfolglos. Ob dies aus der Gegenwehr der Opfer resultierte oder A. von sich aus abliess, darüber wurden sich die Anwälte nicht einig. Das grösste Rätsel stellte aber das Tatmotiv dar. Dabei drehte sich vieles um die Frage, ob Marco A. Nicole P. tatsächlich zu sexuellen Handlungen zwingen wollte. Das Gericht kam im Urteil zum Schluss, dass die Aussagen der Opfer keine Hinweise auf ausgeführte oder versuchte sexuelle Handlungen enthielten.

Täter hat Borderline-Störung

Wie aber kommt ein Mann Anfang vierzig dann dazu, junge Frauen anzugreifen? Die Antwort darauf wurde unter anderem in A.s Lebenssituation in den Jahren 2011 bis 2013 gesucht. Wie er aussagte, habe er vor Jahren ein Burnout erlitten und mit Ende dreissig nochmals eine Lehre angefangen, was ihn stark belastet habe. Dazu seien erhebliche Beziehungsprobleme und Streit mit seiner Ex-Frau um den gemeinsamen Sohn gekommen.

Aber auch die psychische Verfassung des Täters brachte Licht ins Dunkel. Der psychiatrische Gutachter Lutz-Peter Hiersemenzel kam zum Schluss, A. leide unter einer Borderline-Störung. Und nahm die «unerfreuliche» Tatsache zur Kenntnis, dass diese Störung sowie die begangenen Delikte in den Therapiesitzungen der letzten zwei Jahre zu wenig stark behandelt wurden. Stattdessen habe der Fokus bisher auf der Gewalttherapie gelegen, die aber offensichtlich erfolgreich verlaufe.

Jedes Mal dasselbe Muster

Es gebe «frappante Parallelen» zwischen den drei Angriffen, so Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt. Der Beschuldigte sagte aus, er habe sich an allen drei Tagen überfordert gefühlt und sei dann jeweils spazieren gegangen «um den Kopf freizukriegen.» Druck und Ängste hätten sich aber nicht gelegt, Frustration und Wut zugenommen. «Ich war wütend, dass es anderen Menschen so gut geht und mir so viel abverlangt wird.» Dieses Gefühl habe auch der Anblick der joggenden Nicole P. ausgelöst.

Die junge Frau, die bis dahin tatsächlich selbstbewusst und unbeschwert durchs Leben ging, leidet nach eigener Aussage bis heute unter dem Vorfall. «Ich bin noch immer schreckhaft. Und ich kann nicht mehr alleine joggen gehen.» Sie sei aber überrascht ob der grossen Fortschritte, die sie bereits gemacht habe. In den Monaten nach der Tat sei sie arbeitsunfähig und «wie ein kleines Kind gewesen».

Haft wird aufgeschoben

Das alles tue ihm leid «und ich schäme mich zutiefst», betonte der Angeklagte wiederholt. Er höre das häufig, so Stefan Altermatt. «Ihnen glaube ich aber, dass es kein reines Lippenbekenntnis ist.» Seit seiner Entlassung aus der U-Haft habe A. sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Er sei kooperativ und zeige sich in der Therapie sehr motiviert. Weiter habe er seine Beziehungen sowie seine berufliche Situation stabilisieren können. Umstände, die zur Milderung der Strafe beigetragen haben, die letztlich 13 Monate Haft beträgt.

Vorgehalten wurde A. aber, dass er sich nach den ersten Übergriffen keine Hilfe geholt hat. Weiter bestehe ein hohes Rückfallrisiko, weshalb eine bedingte Strafe ausgeschlossen sei. Die Haftstrafe wird aber zugunsten einer umfassenden Therapie aufgeschoben. Hierbei stützten sich die Richter auf die Einschätzung Hiersemenzels, dass der Therapieerfolg gestört werden könne, wenn A. aus seinem jetzt stabilen Umfeld herausgerissen werde.

*Namen geändert.