21 Formationen haben sich für die Teilnahme am Solothurner kantonalen Jugendmusikfest 2017 in Grenchen (19. bis 21. Mai) angemeldet. Bei so viel Nachwuchs müsste man meinen, dem Blasmusikwesen geht es bestens. Doch vielerorts ist das Gegenteil der Fall, denn immer mehr Musikvereine klagen über Mitgliederschwund oder müssen sogar aufgeben: Jüngstes Beispiel ist die Musikgesellschaft Bettlach. Was läuft hier falsch?

Ein Blick in die Musikwelt zeigt: Noch nie wurde so viel musiziert und gesungen, und dies erst noch in teilweise hervorragender Qualität. Bei der Blasmusik kommt es vor, dass Jugendformationen an Wettbewerben besser abschneiden als gestandene Musikvereine. Dazu zählen die Brass Band Berner Oberland Junior und die BML Talents, die Nachwuchsband der Bürgermusik Luzern, die in Grenchen am Solothurner Jugendmusikfest zu erleben sein werden. Natürlich, das sind Eliteformationen mit entsprechend hohem Anforderungsprofil.

Doch sie zeigen, was mit Einsatz und Begeisterung möglich ist. Und diese Begeisterung, gepaart mit dem Willen, etwas zu leisten, spürt man durchwegs bei Jugendmusikformationen.
Bleibt die Frage, warum die Begeisterung nicht anhält, wenn es darum geht, von der Jugendformation in den Musikverein zu wechseln. Was können die Vereine diesbezüglich tun oder kann allenfalls der Solothurner Blasmusikverband unterstützend wirken? Wir befragten Christian Röthlisberger, Präsident des Solothurner Blasmusikverbandes, und Stefan Berger, Mitglied des Vorstandes und zuständig für die Jugendkommission.

Soll sich Verband einmischen?

Im Verbandsvorstand sei das Problem des Mitgliederschwunds in den Vereinen immer wieder ein Thema, sagt Christian Röthlisberger. «Aber dass der Verband diesbezüglich aktiv eingreifen würde, habe man bis jetzt nicht erwogen.» Es sei fraglich, ob es die einzelnen Vereine überhaupt zulassen würden, wenn sich der Verband in ihre Angelegenheiten einmischte. «Und falls ja, wie weit. Schliesslich soll die Autonomie eines Vereins gewahrt bleiben. Darauf wird grosser Wert gelegt.» Der Verband sehe seine Aufgabe unter anderem darin, den Vereinen bzw. deren Mitgliedern Möglichkeiten anzubieten, um sich weiterzubilden, sowohl administrativ als auch musikalisch. «Allerdings ist es allgemein bei Kursen oft so», fügt Stefan Berger bei, «dass jene mitmachen, die ohnehin schon aktiver sind als andere.»

Untätig will aber der Verband bezüglich Mitgliederschwund nicht bleiben. Im kommenden Jahr wird ein Seminar für Vereinscoaching ausgeschrieben. «Wir gehen davon aus, dass jeder Verein für sich selber verantwortlich ist», betont Röthlisberger. «Aber der Verband will mit diesem Seminar eine Plattform bieten, auf der man Probleme erörtern und gemeinsam mit professioneller Hilfe Lösungen suchen kann.» So wird im Seminar eine zentrale Frage sein: «Was unternehmen Musikgesellschaften, um zu neuen Mitgliedern zu kommen?»

Was tue ich für den Verein?

Bereits seit mehreren Jahren führt der bernische Kantonal-Musikverband Vereinsführungs- bzw. Coachingkurse durch. Mit welchem Erfolg? «Die Kurse wurden gut besucht und deren Inhalt sehr geschätzt», berichtet Thomas Bieri, Präsident des BKMV. Auf grosses Interesse seien die Themen Kommunikation sowie Konfliktbewältigung gestossen. «Aber leider konnte der aktuelle Trend des Mitgliederschwunds nicht aufgehalten werden.» Anderseits fragt sich, wie die Vereinslandschaft aussehen würde, wenn diese Kurse nicht durchgeführt worden wären.

Was versprechen sich Christian Röthlisberger und Stefan Berger vom Seminar für Vereinscoaching? Übereinstimmend sind sie der Meinung, dass es schon viel Wert sei, einmal den Ist-Zustand des Vereins offen und ehrlich zu analysieren. «Jedes einzelne Mitglied sollte sich die Fragen stellen: Was bedeutet für mich persönlich der Verein? Was tue ich für ihn?», sagt Röthlisberger. Und Berger ergänzt: «Die soziale Komponente ist sehr zentral. Wenn nämlich das Klima im Verein schlecht ist, so ist es unnötig zu fragen, warum Jugendliche nicht mitmachen wollen.» Zum Einsatz für den Verein gehöre ferner, persönliche Kontakte zu den Musikschulen und den Jugendmusikformationen zu pflegen und damit aufzuzeigen, wie es nach der Zeit in der Jugendmusik weitergehen kann.

Was war der Antrieb?

Und damit kommen wir zur eingangs gestellten Frage, warum so viele in der Jugendmusik mitmachen, aber nachher nicht in eine vereinsmässig organisierte Musikgesellschaft eintreten. Möglicherweise hat der oder die Jugendliche bis jetzt gar nicht bewusst und hauptsächlich wegen der Musik mitgemacht, sondern weil die Gruppe so toll funktioniert hat. War jedoch – und ist noch immer - die Musik der Antrieb, so stehen eben sehr viele Möglichkeiten offen. Wer kann es den Jugendlichen verübeln, dort mitzumachen, wo es ihnen am besten gefällt?