Die Gewaltdelikte sind stabil, der Drogenkonsum leicht rückläufig und der Drogenhandel auf tiefem Niveau ebenfalls stabil. Können Sie sich zurücklehnen?

Barbara Altermatt: Die Jugendlichen würden zurecht ihr Veto einlegen. Die Anzahl von Verurteilungen pro Deliktart und auch die Menge der Fallzahlen ist oft etwas vom Zufall abhängig. Wir sind aber tatsächlich seit mehreren Jahren in der Lage, wirklich mit den Jugendlichen arbeiten zu können und nicht einfach nur einen Fall nach dem anderen abzuspulen. Das schätzen viele Jugendliche. Die Jugendanwaltschaft ist ja im Unterschied zur Staatsanwaltschaft nicht nur für die Strafuntersuchung zuständig, sondern auch für den Strafmassnahmenvollzug.

Was ist Ihre Erklärung für diese rückläufige respektive stabile Entwicklung?

Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass viele Jugendliche den Kontakt mit anderen Jugendlichen vor allem über das Smartphone suchen. Dadurch kommt es automatisch zu weniger konfliktanfälligen direkten Begegnungen.

Das ist ein aussergewöhnlicher Erklärungsansatz ...

Man kann das jedenfalls nicht ausschliessen. Andererseits hatte die Zunahme an Gewaltdelikten ungefähr ab dem Jahr 2000 auch viel mit der Migration zu tun. Viele Junge und auch Erwachsene mussten erst ihren Platz in unserer Gesellschaft finden. Im Moment ist das kein Thema mehr. Das kann sich zwar wieder ändern. Es kommen weiterhin Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen in die Schweiz. Andererseits haben wir nach der ersten Migrationswelle richtig reagiert. Der Bund und auch die Kantone haben ihre Präventionsmassnahmen massiv verstärkt. Man hat unter anderem die Jugendpolizei aufgebaut, auch die Schulsozialarbeit wurde damals eingeführt.

Die Präventionsarbeit spielt also eine grosse Rolle – können Sie das genauer erklären?

Man hat gemerkt, dass man näher an die Jugendlichen herankommen muss. Prävention heisst unter anderem, dass man sich als Vertreter des Staates oder eben von der Polizei in den Schulen zeigt und über verschiedene Themen informiert. Über Pornografie oder auch Gewalt. Und dass man den Jugendlichen dann auch vor Augen führt, welche Folgen solche Verhaltensweisen für sie haben. Durch solche Informationsanlässe lernen die Jugendlichen die Polizei kennen. Und das hilft.

Inwiefern hilft es, wenn die jungen Leute die Polizei kennen?

Man weiss, der ist von der Polizei, und einen Polizisten hat man lieber zum Freund als zum Feind. Auch ein gewisser Respekt spielt mit. Bei solchen Informationsanlässen merken die Jugendlichen, dass man mit den Polizisten gut klar kommt. Jugendliche wollen sich zudem grundsätzlich von ihrer guten Seite zeigen. Ein anderer Teil der Prävention betrifft unsere Zusammenarbeit mit den beiden Suchtpräventionsstellen in Solothurn und Olten. Dort finden Abendkurse statt für Jugendliche zum Thema Sucht. Ein Schwerpunkt ist hier der Cannabiskonsum und weshalb er nicht legal ist.

Jugendliche werden von einer Strafe befreit, wenn sie einen solchen Kurs besuchen. Ist das nicht allzu einfach?

Diese Möglichkeit haben nur diejenigen Jugendlichen, die zum ersten Mal eine Anzeige wegen Cannabiskonsums erhalten. Neben dem Besuch des Kurses müssen sie noch einen kleinen Betrag von 30 Franken zahlen. Wenn sie den Kurs nicht besuchen, beginnt ein Verfahren. Sie werden vorgeladen, es entstehen für sie höhere Kosten. Letztes Jahr hat nur eine einzige Jugendliche das Angebot nicht angenommen.

Ein solches Kursangebot ist doch recht aufwendig, wo sehen Sie den Nutzen?

Einer der insgesamt drei Kursabende richtet sich an die Eltern. Zu einem Teil geht es hier ganz allgemein um Erziehungsberatung. Damit sich die Eltern auch getrauen, den Kindern gewisse Grenzen zu setzen. Diese Unterstützungsarbeit der Eltern ist für mich einer der Gründe, das Angebot aufrechtzuerhalten.

Bei den Strafen kommt es neben Verweisen, Arbeitseinsätzen und Bussen eher selten zum Freiheitsentzug. Sind Sie besonders milde?

Auf alle Fälle wäre das nicht beabsichtigt. Im letzten Jahr haben wir 41 Mal einen Freiheitsentzug ausgesprochen. In den meisten Fällen auf Bewährung, weil es sich ja oft um ein erstes schweres Delikt handelt. Nur in einem einzigen Fall musste letztes Jahr jemand ins Gefängnis. Es ist allgemein bekannt, dass ein Freiheitsentzug nicht wirklich viel bringt. Wichtig ist, dass jemand sein Verhalten ändert. Dafür ist es aber in einer ersten Phase weniger wichtig, was man macht, sondern dass man etwas macht.

Ihre Aufgabe besteht wesentlich darin, kriminelle Karrieren zu verhindern. Wie machen Sie das?

Der Sozialdienst, der ein Teil der Jugendanwaltschaft ist, spielt eine wichtige Rolle. Wenn wir von der Jugendanwaltschaft feststellen, dass es bei einem Jugendlichen diverse Auffälligkeiten gibt, dann übernimmt der Sozialdienst die Grundabklärung. Seine Empfehlungen werden den Eltern im Beisein des Jugendanwalts eröffnet. Die Entscheidung liegt beim Jugendanwalt. Er erteilt einen Auftrag zum Vollzug.

Um was für Aufträge geht es da?

Dabei kann es sich zum Beispiel um eine persönliche Betreuung oder auch eine Bewährungshilfe handeln. Diese Aufgaben übernimmt dann der Sozialdienst. Sie führen regelmässige Gespräche mit den Jugendlichen durch. Die Jungen bekommen auch Aufgaben. Der Jugendanwalt ist von der Grundabklärung bis zum Ende des Vollzugs solcher Massnahmen in einer beratenden Funktion mit dabei. Er hat die Gesamtverantwortung und kann auch im Verlauf des Vollzugs Massnahmen justieren.

Und diese enge Begleitung nützt dann wirklich etwas?

Ja, denn die Jugendlichen müssen wirklich mitmachen. Andernfalls werden sie immer wieder vorgeladen. Es ist dabei eine grosse Herausforderung, sich über einen langen Zeitraum mit seinem eigenen Fehlverhalten auseinanderzusetzen.

Solche ambulanten Massnahmen sind im Vergleich zu teuren stationären Platzierungen immer wichtiger geworden?

Das ist ein schweizweiter Trend. In den letzten sechs Jahren ist es zu 40 Prozent weniger Platzierungen gekommen. Auch bei uns. Im Jahr 2012 hatten wir dafür noch ein Budget von 5,3 Mio. Franken. Jetzt sind es nur noch knapp über 2 Mio. Franken. Insgesamt waren letztes Jahr 17 Jugendliche in einer Institution untergebracht. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die Anzahl Verfahren vor Ort abgenommen hat. Wir haben damit mehr Zeit, um uns selbst um die jungen Leute zu kümmern. Weiter spielt mit, dass wir uns heute sehr genau überlegen, welche Betreuung jemand braucht und welche nicht. Auch aus Spargründen.

Welche Probleme sehen Sie für Ihre Arbeit in der Zukunft?

Es wäre schön, wenn die Bevölkerung und die Politik unser System weiterhin unterstützen. Wenn wir nicht mehr alle Massnahmen durchführen können, ist unser Erfolg nicht mehr gewährleistet.