Wirtschaft

Josef Maushart zum Frankenschock: «Die Solothurner Industrie hat die Krise gemeistert»

Josef Maushart ist Präsident des Industrieverbandes Inveso.

Josef Maushart ist Präsident des Industrieverbandes Inveso.

Den im Januar 2015 ausgelösten Frankenschock habe die Solothurner Industrie inzwischen mehrheitlich überwunden, sagt Josef Maushart, Präsident des Industrieverbandes Inveso. Die Firmen könnten sich überdies auf eine längere Wachstumsphase einstellen. Denn die für die Exportindustrie wichtigsten Wirtschaftsräume bewegten sich wirtschaftlich gesehen aufwärts, und die Problematik um den starken Franken habe sich abgeschwächt.

Zweieinhalb Jahre nach dem Frankenschock: Die Horrorszenarien für die Solothurner Industrie mit Massenentlassungen, Verlagerungen ins Ausland oder Betriebsschliessungen haben sich nicht bewahrheitet. Wurde zu stark auf Panik gemacht?

Josef Maushart: Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze war für sehr viele Unternehmen ein schwerwiegender Einschnitt. Und dieser hat zu hohen Ertragseinbussen geführt. Die Thematisierung des Problems hat sicherlich dazu beigetragen, dass Massnahmen überhaupt frühzeitig von ganz vielen Firmen ergriffen worden sind. Insofern war die «Panikmache» an sich nicht unbegründet, weil eben erst durch die Sensibilisierung aufs Thema die nötigen Schritte eingeleitet wurden. Sie haben dazu geführt, dass die Auswirkungen nicht so schlimm waren wie ursprünglich befürchtet. Zudem hat der Aufschrei der Branchenverbände sicherlich bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zur Einsicht beigetragen, dass man lieber ein weiteres Anwachsen der Bilanzsumme in Kauf nimmt, als den Wechselkurs zum Euro kritisch nahe an die Parität driften zu lassen.

Insbesondere auf dem Arbeitsmarkt hat sich die Lage beruhigt. Mit einer Quote von 2,6 Prozent liegt Solothurn auf dem Niveau von vor der Krise, und es herrscht praktisch Vollbeschäftigung ...

... aber dies ist nicht die relevante Kennziffer. Entscheidender ist die Zahl der Stellensuchenden, und dort sind es dann nach wie vor knapp 7000 Menschen. Für den Kanton Solothurn mit rund 100'000 Beschäftigten, umgerechnet auf Vollzeitstellen, eine relativ hohe Zahl. Die Arbeitslosigkeit ist zwar in der Summe nicht wesentlich angestiegen gegenüber dem Zustand mit einem Wechselkurs von 1.20 Franken. Aber aus meiner Sicht ist sie, basierend auf international vergleichbaren Berechnungsgrundlagen, gleichwohl relativ hoch. Die Schweiz nimmt in Europa nicht mehr den Spitzenplatz ein. Bereits in Süddeutschland oder in einigen anderen europäischen Ländern ist die realistisch gemessene Arbeitslosenquote tiefer.

Ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt also beunruhigend?

Wir haben eine Vielzahl von Menschen im Arbeitsmarkt drinnen, die nur schwer zu vermitteln sind. Aufgrund der Zuwanderung und des Strukturwandels ergibt sich ein erheblicher Qualifizierungsbedarf für diese auf Stellensuche befindlichen Personen, um sie dauerhaft richtig und sinnvoll im Arbeitsmarkt integrieren zu können. Wir dürfen uns also nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.

Was braucht es dann, damit die Zahl der Stellensuchenden sinkt?

Wir müssen dafür sorgen, dass wir nicht nur die gut ausgebildeten Berufskräfte weiter qualifizieren, sondern müssen vor allem bei den beruflich schwach qualifizierten Menschen ansetzen. Es muss gelingen, diese überhaupt in den Weiterbildungsmarkt hineinzubringen. Da steht der Kanton Solothurn innerhalb der Schweiz im Bereich der Nachholbildung sehr gut da. Aber es ist immer noch ein Tropfen auf den heissen Stein.

Sind in der Solothurner Industrie Arbeitsplätze verschwunden?

In der Summe wurde die Zahl der industriellen Arbeitsplätze nur wenig abgebaut. Denn den Industriefirmen ist es in bemerkenswerter Weise gelungen, insbesondere dank einer starken Innovationskraft im Bereich der Produkte wie auch der Produktionsprozesse, ihre Ertragskraft wieder herzustellen und teilweise das Geschäftsvolumen sogar auszuweiten. Die Industriefirmen haben sich nicht auf starre Preise in Schweizer Franken konzentriert. Vielmehr waren sie flexibel bei der Preisgestaltung und haben vorübergehend sinkende Margen in Kauf genommen, um eben die Beschäftigungslage aufrechtzuerhalten. Das führte insgesamt dazu, dass weniger Stellen abgebaut wurden, als ursprünglich zu erwarten war.

Was waren denn die Zutaten für das Rezept «Überleben am Markt»?

Die erwähnte Preisflexibilität war entscheidend. Die Firmen haben sich dafür entschieden, die Arbeit zu halten und nicht den Preis. Die zweite Beigabe heisst Innovation und nochmals Innovation. Im Bereich der Produktion wurde weiter automatisiert, um die Ertragslage wieder in den Griff zu bekommen und im Bereich der Produkte hat man sich noch stärker bemüht, innovativ zu sein. Diese herausragende Innovationsfähigkeit hat viel mit unserem dualen Ausbildungssystem, welches echte Fachkräfte «produziert», und der KMU-Struktur, die ein rasches Reagieren ermöglicht, zu tun.

Hat die Solothurner Industrie die Krise überwunden?

Das ist so. Die Solothurner Industrie hat die Krise bemerkenswert gut gemeistert, ohne einen grossen Aderlass auf der Personalseite durchführen zu müssen.

Die Zeichen für die Zukunft sehen besser als auch schon aus. Europa als wichtigster Exportmarkt, insbesondere Deutschland, ist in der Wachstumsphase. Wie entscheidend ist das für die Solothurner Industrie?

Die Konjunktur in der EU ist nicht nur für Solothurn, sondern für die ganze Schweiz alles entscheidend. Wir sind zu klein, um eine eigene Binnenkonjunktur aufrechterhalten zu können. Mit einer Exportquote für Waren und Dienstleistungen in der Höhe von 48 Prozent des Bruttoinlandproduktes sind wir eines der exponiertesten Länder der Welt und sind natürlich von der Wirtschaftsentwicklung im Ausland abhängig. Nun haben wir eine seltene Konstellation, in welcher die USA und die EU Fahrt aufnehmen, China seine «Mini-Krise» überwunden hat und Indien stark unterwegs ist: Das ist eine geballte Ladung, welche die positive Entwicklung in der Schweiz und im Kanton Solothurn entscheidend mitträgt.

Auch an der Währungsfront ist die Entspannung sichtbar. Der Franken hat sich mit fast 1,14 Franken gegenüber dem Euro abgeschwächt. Kann damit die Industrie leben?

Die Unternehmen haben es geschafft, sich innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren von einer kritischen Linie von 1,20 Franken auf eine solche von 1,10 und aktuell auf 1,14 Franken hinzubewegen. Die Industrie kann heute mit diesem Kurs leben. Auch deshalb, weil das Vertrauen in die Nationalbank vorhanden ist, dass sie weiterhin bereit ist, zu intervenieren, wenn erforderlich. Die SNB sagt bis heute, dass der Franken überbewertet sei. Das gibt den Unternehmen eine gewisse Sicherheit, dass sich der Franken nicht kurzfristig stark aufwertet. Für Investitionsentscheide ist das sehr wichtig.

Wird die Industrie also auf den Wachstumskurs einschwenken?

Die sich jetzt abzeichnende Nachfrageerhöhung wird in der Solothurner Industrie kurzfristig zu höheren Investitionen und mehr Beschäftigung führen. Wir brauchen mehr Maschinen, um die Nachfrage befriedigen zu können, und wir brauchen mehr Personal, um die Maschinen bedienen zu können. Damit auch die langfristigen Investitionen wachsen und diese im Kanton Solothurn und nicht anderswo erfolgen, gilt es, noch einige Hürden zu meistern.

Welches sind die wichtigsten Hürden?

Ich denke an die unklare Situation mit der EU. Die Schweiz ist noch nicht in der Lage, Verträge, beispielsweise im Strombereich, mit der EU zu unterzeichnen. Die zweite Hürde ist die Unternehmenssteuerreform. Da müssen die Schweiz und der Kanton Solothurn versuchen, eine für alle stimmige Lösung zu finden. Die Reform betrifft insbesondere die grossen, international tätigen Unternehmen, die auch im Solothurnischen stark verankert sind. Ich bin zwar ein Freund der KMU-Wirtschaft, bin mir aber auch bewusst, dass viele Erfolge der Schweiz nur im Zusammenspiel den grossen, mittleren und kleinen Firmen möglich sind.

Stehen wir am Beginn einer neuen Boomphase?

Boomphase ist vielleicht übertrieben. Aber die wirtschaftliche Lage für die Solothurner Industrie hat sich stabilisiert. Und die meisten Firmen bewegen sich klar auf dem Weg hin zu einer weiteren Verbesserung.

Handelt es sich um ein Strohfeuer oder wird der Aufwärtstrend anhalten?

Da derzeit gleichzeitig in fast allen entscheidenden Wirtschaftsräumen wie den USA, Europa und Asien eine Trendwende hin zum Positiven stattfindet, glaube ich, dass wir vor einer längeren Wachstumsphase über die kommenden drei bis fünf Jahre stehen. Aber gleichzeitig findet im Solothurnischen ein Strukturwandel statt.

Wie manifestiert sich dieser?

Die klassische Industrie Metall, Elektro und Maschinen wird weiterhin stark vertreten sein im Kanton. Dort steigt aber die ausländische Konkurrenz. Es gibt zunehmend asiatische Anbieter, die zu tieferen Preisen ebenfalls gute Qualitäten liefern können. Im Maschinenbaubereich erstarken auch die Mitbewerber aus den Nachbarländern. Der Wettbewerb nimmt zu, was zu bescheideneren Wachstums- und Margen-Aussichten führt.

In welchen Branchen sehen Sie dann mehr Wachstumspotenzial?

Die Bedeutung der Branche Pharma, Biotechnologie und Chemie wird für die Schweiz weiter zunehmen. Schon heute steuert sie rund die Hälfte an die gesamten Exporte bei. Deshalb ist es sehr erfreulich, dass mit CSL Behring in Lengnau und Biogen in Luterbach zwei global tätige Biotechfirmen im Kanton oder in unmittelbarer Nähe mit bedeutenden Investitionen Fuss fassen. Die Chancen sind hoch, dass sich in Folge der Ansiedlungen ein eigentlicher Cluster im Bereich Biotech/Pharma/Chemie hier am Jurasüdfuss entwickeln wird. Das wäre nach dem sehr erfolgreichen Aufbau der Medtechindustrie eine zweite Chance, im Sinne des Strukturwandels wirtschaftlich und beschäftigungsmässig positive Entwicklungen zu ermöglichen.

Sie sprachen wiederholt von einer schleichenden Deindustrialisierung. Halten Sie daran fest?

Ja. Zwar werden wir in der Schweiz auch in zehn Jahren fast gleich viele Beschäftigte in der Metall- und Maschinenindustrie wie heute haben. Aber der Bedeutungsverlust ist nicht aufzuhalten. Die klassische Industrie wird gesamtwirtschaftlich betrachtet zulasten der neu aufstrebenden Branchen wie eben Biotechnologie und mittelfristig immer mehr internetbasierte Geschäftsmodelle verlieren. Insofern muss Ziel sein, aus der klassischen Industrie volkswirtschaftlich das Maximum herauszuholen und sich auf das «Neue» auszurichten.

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