Wie beurteilen Sie den Zustand der Solothurner Industrie: Gesund, angeschlagen oder bettlägerig?

Josef Maushart: Die Diagnose lautet: gesund. Die allermeisten Betriebe starteten zwar mit sehr gemischten Gefühlen in das Jahr 2012. Einerseits waren die Auswirkungen der festgelegten Wechselkursuntergrenze Franken/Euro auf die jeweils eigene Erfolgsrechnung ungewiss, andererseits prägte die Unsicherheit über die globale Wirtschaftsentwicklung das Jahr 2012. Aber die reale Situation, sprich die Nachfrage, die Auslastung der Kapazitäten und die Beschäftigung, entwickelten sich viel besser als zu Jahresbeginn erwartet.

Erstaunlich ist, wie rasch sich die Industrie von der Krise 2009 erholt hat. Welches waren die Gründe?

Der Einbruch war tatsächlich massiv. Die Kapazitätsauslastung sackte auf durchschnittlich 70 Prozent ab; inzwischen liegt sie wieder bei 90 Prozent. Damit liegt das Niveau auf oder über dem langjährigen Durchschnitt. Der massgebliche Treiber war also die Nachfrage nach industriellen Gütern, die viel rascher gestiegen ist als erwartet. Dadurch konnten viele Betriebe die negativen Auswirkungen des Wechselkurses kompensieren. Daneben haben sich die Firmen der neuen Situation angepasst und rationalisiert, Prozesse optimiert und neue Produkte auf den Markt gebracht.

Bleibt der Wechselkurs die grösste Herausforderung?

Eine Anhebung der Untergrenze ist unrealistisch. Der Mindestkurs ist aber grundsätzlich eine verlässliche Arbeitsgrundlage. Der Kurs reicht aber nur dann zum Überleben, wenn ein Betrieb über einen guten Mix zwischen Ausgaben und Einnahmen im In- und Ausland verfügt. Wer dagegen zu 100 Prozent im Inland fertigt und zu 80 Prozent im Ausland verkauft oder von seinen Abnehmern gezwungen wird, in Euro zu verrechnen, wird in Ertragsschwierigkeiten kommen. Für diese Firmen ist es ein Kampf um jedes Jahr.

Der starke Franken ist Ausfluss der Schuldenkrise in Europa. Wie wirkt sich diese auf die hiesige Industrie aus?

Der Einfluss ist stark. Das jährliche Wirtschaftswachstum in der Eurozone betrug in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich 1,1 Prozent, gleichzeitig nahm die Staatsverschuldung jährlich um 2,6 Prozent zu. Das Wachstum war also schuldengetrieben, sprich durch den Staatskonsum. Wenn nun angesichts der Schuldenberge die öffentlichen Haushalte sparen, wird auch das Wirtschaftswachstum gedämpft. Die Solothurner wie die ganze Schweizer Industrie wird sich darauf einstellen müssen, mittelfristig in einer Umgebung von Nullwachstum in den wichtigsten Absatzmärkten zu leben.

Was muss die Solothurner Industrie unternehmen?

Sie muss das tun, was sie sehr gut kann und unlängst bewiesen hat. Nämlich hochgradig innovativ und sehr dynamisch sein; das heisst, die neuen Produkte müssen rasch auf die Märkte kommen. Zudem muss die Herstellung weiter automatisiert werden. Rationalisierungsprojekte sind Trumpf. Ziel muss sein, mit der gleichen Mannschaft den Ausstoss zu erhöhen oder versuchen, mit weniger Personal das heutige Volumen zu bewältigen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn eine Abkoppelung vom Euroland ist unmöglich.

Droht eine Rezession?

Nein, das nicht. Realität ist aber, dass sich das Wachstum in diesen Hauptmärkten entlang einer Nulllinie bewegen wird. Das bedeutet aber nicht für alle einzelnen Unternehmen eine Katastrophe. Hiesige Firmen sind gut darauf vorbereitet. Allerdings nur, wenn sie genügend finanzielle Mittel für Investitionen in Rationalisierungsmassnahmen haben.

Rationalisierungen bedeuten im Normalfall einen Abbau von Arbeitsplätzen. Steigt die Arbeitslosigkeit an?

Sie wird sich erhöhen, aber nicht zwingend in grossem Ausmass. Das hat primär demografische Gründe. Bereits heute scheiden in der Schweiz mehr Menschen aus dem Arbeitsprozess aus als neue eintreten. Die Arbeitslosigkeit wird in den nächsten Jahren aus meiner Sicht kein vordringliches Problem sein.

Das neuste Sorgenbarometer, basierend auf einer repräsentativen Umfrage, zeigt aber, dass die Arbeitslosigkeit als grösste Sorge genannt wird. Können Sie das nachvollziehen?

Vollkommen. Es ist etwas ganz anderes, die Arbeitslosigkeit als Individuum wahrzunehmen oder sie in einer statistischen Summe anzuschauen. Ein Beispiel: Ein Unternehmer kündigt seinen 100 Mitarbeitenden an, dass er aus wirtschaftlichen Gründen in sechs Monaten einen Angestellten entlassen werden müsse. Wie viele haben dann Angst um ihren Arbeitsplatz? Richtig, 100, obwohl dieses eine Prozent volkswirtschaftlich irrelevant ist.

Kürzlich haben Sie in einem Vortrag erwähnt, dass künftig die Wirtschaftsmusik in Asien spielen wird. Ist das wirklich so?

Das wesentliche Wachstum der industriellen Fertigung findet tatsächlich in Asien statt. Die Gefahr für unsere Industrie besteht darin, dass die Asiaten ihre Technologien schneller entwickeln und ihre Produkte rascher auf den Markt bringen. Wir dürfen uns also nicht zu Tode sparen, sondern müssen aktiv weiter in technologische Innovation und Automation investieren. Unternehmen, die das unterlassen, werden ein Problem mit der asiatischen Konkurrenz bekommen.

Hat Europa die Chinesen unterschätzt?

Ja, ganz klar. Wir haben einen Fehler wiederholt, den wir schon in den 60er-Jahren bei der Einschätzung des Potenzials von Japan oder in jüngerer Vergangenheit von Osteuropa gemacht haben. Wir dachten, die Asiaten sind nur billig, die kopieren nur. Heute sieht alles anders aus. Zum Beispiel lässt Apple seine iPads, iPhones oder iPods in China produzieren. Apple will nun die Produktion zurück in die USA holen, um festzustellen, dass das gar nicht möglich ist. In den USA sind nämlich die entsprechenden Produktionstechnologien gar nicht mehr vorhanden. Die westliche Industrie hat sich teilweise bereits in eine Abhängigkeit von Asien, speziell von China, begeben.

Wird China also nicht nur in der Massenproduktion von Gütern führend, sondern auch in der Technologie?

Wir werden in China bald Technologievorsprünge in Bereichen haben, die heute noch als eine europäische Domäne betrachtet werden. Ich verweise auf die soeben publizierten Zahlen im Patentbereich. Erstmals erfolgten 2011 in China mehr Patentanmeldungen als in den USA, dem Land, welches die Rangliste zuvor während Jahrzehnten anführte.

Wird sich der Werkplatz Schweiz je länger desto mehr auflösen?

Wenn wir die obige Entwicklung ernst nehmen und antizipieren, dann definitiv nicht. Speziell im Kanton Solothurn hat es eben sehr, sehr viele eigenständige und finanziell gesunde Mittelstandsfirmen, die mit ihren Produkten weltweit eine hervorragende Marktstellung haben und vielfach führend sind. Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft der Schweizer Industrie, solange wir uns nicht vom europäischen Markt abkoppeln. Da habe ich gewisse Bedenken.

Was meinen Sie konkret?

Ich denke an die hängigen strittigen Steuerdossiers zwischen der Schweiz und Europa sowie den USA. Diese Fragen müssen wir nun endlich abschliessend lösen.

Was hat das mit der Industrie zu tun?

Irgendwann wird die EU den Hebel ansetzen und versuchen uns zu zwingen, in den Steuerfragen zu kooperieren. Das Druckmittel dazu werden die Handelsbeziehungen sein. Wenn für die Schweizer Firmen der Zugang in die EU-Märkte blockiert wird, und wenn es nur durch Dienst nach Vorschrift ist, dann würden innert kürzester Zeit viele hiesige Aktivitäten ins europäische Ausland zwangsweise verlagert werden.

Warum?

Vorerst bleibt Europa der wichtigste Markt für die Schweiz. Um dort nicht diskriminiert zu werden, brauchen die Firmen einen Fuss im Ausland. Die Politik und die Schweizerische Bankiervereinigung spielen hier mit einem sehr hohen Risiko. Der Bankenverband ist sich wohl seiner Verantwortung den Banken gegenüber bewusst, aber offensichtlich nicht ihrer Gesamtverantwortung gegenüber dem Werkplatz Schweiz. Dessen Zukunft dürfen wir nicht riskieren zugunsten eines zweifelhaften Banking-Konzeptes. Ansonsten ist ein massiver Schaden für die produzierende Industrie zu befürchten, der viel höher sein wird als jener aus der Wechselkurs-Problematik.

Wie sieht Ihr Szenario für die Solothurner Industrie für 2013 aus?

Die meisten Firmen im Kanton Solothurn haben gelernt, mit den Rahmenbedingungen – hohe Unsicherheit bei den Kunden und ungünstige Wechselkursverhältnisse – umzugehen.

Gilt das generell?

Nein, ich sehe zwei Richtungen für die Firmen: Die eine wird zu leichtem Wachstum und einem besseren Ertrag führen, weil die ergriffenen Rationalisierungsmassnahmen wirken und neue Produkte lanciert werden können. Die andere Schiene betrifft Firmen, die schon in den vergangenen zwei bis drei Jahren mit Ertragsproblemen kämpften und deshalb nicht in Know-how und Maschinenpark investieren konnten. Dort kann es auch zu einem Personalabbau kommen. Auch Firmen, deren Herz im Ausland schlägt, könnten durch die ausländische Konzernzentrale aus Kostengründen zum Abbau gezwungen werden. In der Summe wird sich aber die grosse Mehrheit der Firmen positiv entwickeln. Es bleibt ein angespannter Zustand und niemand wird sich ausruhen können.