Endstation Pflegeheim: Die Mutter ist zum Kind, der Sohn ist alt geworden. Jeden Sonntag besucht er seine demente Mutter, jeden Sonntag die gleichen Rituale. Marcus Mislin, der mit dem Stück «Du bist meine Mutter» von Joop Admiraal sein Debüt am Theater Orchester Biel Solothurn gibt, spielt beide Rollen in «Personalunion» und zwingt durch seine intensive Präsenz den Zuschauer zur Teilnahme an beiden Menschen gleichermassen.

Sätze wie Mantras

Die Mutter wird angezogen, es wird ein kleiner Spaziergang unternommen, die Mutter wird zurückgebracht. Es werden Personen memoriert, Sätze wie Mantras wiederholt: «Ich kann gut stehen…», «Sina hat Tabletten bekommen», «Ich will nicht mehr.» Sätze, auf die der Sohn lakonisch antwortet, die so auf einer bestimmten Realitätsebene andocken – kleinste gemeinsame Teilmenge. Aber diese ritualisierten Besuche sind nicht Grau in Grau. Die Mutter freut sich – jedes Mal neu – am Mantel, an der Bluse, den Beeren, am Gesang der Amsel. Und am mitgebrachten Schoggidrink und Pudding.

Sie ist auch nicht nur in ihrer eigenen Welt versunken, sondern zeigt ihrem Sohn gegenüber Empathie: Ob ihn die Sonne nicht blende, und wie es beruflich gehe… Doch eine Antwort darauf erwartet sie selten. Konflikte werden angetönt – «sei froh, dass du kein Mädchen geworden bist» –, aber im Vagen belassen. Kurze, klare Momente blitzen auf. Beispielsweise, wenn der 62-jährige Sohn der 88-Jährigen erklärt, dass Albert Einstein der Mann war, der die Zeit durcheinanderbrachte. «So wie ich», zeigt sie sich erfreut. Und klar muss man schmunzeln, wenn die Mutter den Aufenthaltsraum durchquert und kommentiert: «Die hier können einem leidtun.»

Eines Tages stürzt die Mutter, wird bettlägerig – und wird ganz zum Kind, das nach der eigenen Mutter fragt. Sie erkennt ihren Sohn nicht mehr: «Woher kennen wir uns eigentlich?» - «Du bist meine Mutter.»

Authentisch, nie lächerlich

Sehr geglückt ist in der feinfühligen Inszenierung von Deborah Epstein der Einsatz von Videofilmen (Florian Barth): Alte Familienaufnahmen laufen erst unaufdringlich über Trennwände, um sich dann über die ganze Bühne zu legen – Erinnerungsfluten, die die Mutter einnehmen. Und der Horizont verkleinert sich. Zu Beginn des Stücks werden noch grossartige Landschaften gezeigt, am Schluss – unterbrochen von Kirchenfenstern – Makroaufnahmen von Blumen. Nicht weniger schön, nur der Blickwinkel hat sich geändert. Der Basler Marcus Mislin hat in seiner äusserst anspruchsvollen Doppelrolle absolut überzeugt – so glaubt man manchmal, wirklich zwei Personen auf der Bühne zu sehen. Subtil nimmt er die Rolle der alten Frau an, zittert, stützt sich auf, zeigt die enorme Kraftanstrengung eines zerbrechlichen Körpers – dies mit einem Gesichtsausdruck zwischen verschmitzt, abwartend, staunend, unsicher. Dann der fliessende, souveräne Wechsel in die Rolle des Sohnes… Nie gibt Mislin Mutter oder Sohn der Lächerlichkeit preis. Aber er ermöglicht dem Zuschauer mit seinem Spiel, dass er ruhig lachen darf. Dies in Momenten, in denen man lachen muss, weil man nicht weinen will.

«Du bist meine Mutter» des niederländischen Autors, Schauspielers und Filmemachers Joop Admiraal (1937-2006) wurde 1981 uraufgeführt. Das autobiografische Bühnenstück wurde mit dem Louis d’Or, dem höchsten niederländischen Theaterpreis, ausgezeichnet. Die spätere Verfilmung erhielt den Pulitzer-Preis.

Aufführungen im «Kreuz»: Mo bis Sa, 15. bis 20.9., Mo bis Fr, 22. bis 26.9.
Jeweils 20 Uhr. Mehr Informationen unter www.theater-solothurn.ch