AKW-Störfall
Jodtabletten landen bald in jedem Briefkasten

Diesen Herbst erhält jeder Einwohner des Kantons Solothurn eine Packung Jodtabletten. Bislang wurden die Tabletten nur in den beiden Bezirken Olten und Gösgen verteilt.

Simon Wyss
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Die Jodtabletten werden künftig alle zehn Jahre verteilt werden. Keystone

Die Jodtabletten werden künftig alle zehn Jahre verteilt werden. Keystone

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Wer im Umkreis von 50 Kilometern eines Atomkraftwerks lebt, wird vom Bund künftig auch Jodtabletten erhalten. Nicht weniger als 4,9 Millionen Menschen in AKW-Nähe – darunter auch sämtliche Einwohner des Kantons Solothurn – erhalten somit bis Ende November Post.

Bisher waren die Medikamente lediglich in einem Umkreis von 20 Kilometern rund um Atomkraftwerke an die Bevölkerung abgegeben worden – im Kanton betraf dies nur die Gemeinden der Bezirke Olten und Gäu. Zum Umdenken bei den Bundesbehörden führten die Erfahrungen bei der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011. Die weitreichende Verstrahlung dort hatte deutlich gemacht, dass Vorsorgemassnahmen in einem grösseren Gebiet zwingend sind. Entsprechend hat der Bund die «Verordnung über die Versorgung der Bevölkerung mit Jodtabletten» abgeändert. Am 1. März dieses Jahres trat die revidierte Verordnung nun in Kraft.

AKW-Betreiber wollen nicht zahlen

Die AKW-Betreiber haben im Juni Beschwerde gegen die revidierte Jodtabletten-Verordnung erhoben. Diese ist derzeit noch hängig. Sie wollen damit verhindern, dass sie für die Kosten der Jodtabletten-Verteilung aufkommen müssen. Die Tabletten werden neu an alle Haushalte im Umkreis von 50 Kilometern rund um Atomkraftwerke verteilt. Der Verordnung fehle die Rechtsgrundlage, hiess es bei der Dachorganisation Swissnuclear. Die AKW-Betreiber müssen für Kosten von rund 30 Millionen Franken aufkommen. (szr)

Wirkung Medikamente

«Beim Einatmen von radioaktivem Jod aus einem Störfall besteht die Gefahr, dass sich dieses in der Schilddrüse ablagert. Das Risiko einer späteren Erkrankung an Schilddrüsenkrebs steigt», so Karin Jordi von der Geschäftsstelle für Kaliumiodid-Versorgung in Bern. Am meisten gefährdet seien dabei Kinder und Jugendliche. Jodtabletten sollen verhindern, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichern kann. Das Risiko einer Krebserkrankung würde somit sinken.

Nebenwirkungen treten laut Packungsbeilage selten auf und sind in der Regel harmlos. Dazu gehörten unter anderem Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Ausschläge, diverse Entzündungen und Gelenkschmerzen. Die Abgabe an Haustiere wird auf der Homepage der Geschäftsstelle für Kaliumiodid-Versorgung nicht empfohlen, da die Einnahme für Tiere eine massive Überdosierung darstellen würde.

Verteilung per Post

Der Bund verteilt die Tabletten ab Ende Oktober an die Haushaltungen, Betriebe und öffentlichen Einrichtungen. Die Medikamente werden per Post versandt. «Jede Person wird eine an sie adressierte 12er-Packung Tabletten in ihrem Briefkasten finden», erklärt Jordi. Die Kosten der Aktion müssen die Schweizer Kernkraftwerkbetreiber finanzieren (siehe Kasten). Die Medikamente sind trocken bei Raumtemperatur an einem für Kinder unzugänglichen Ort zu lagern. Falls eine Packung verloren geht, können die Tabletten zu fünf Franken in jeder Apotheke bezogen werden.

Informationen und Hinweise
www.kaliumjodid.ch