Interview

Jetzt äussert sich Kimberly-Clark Länderchef zum Verkauf: «Das alles geht mir sehr nahe»

Hugo ter Braak sagt, dass er alles gibt, um die Arbeitsplätze in Niederbipp zu retten. Mit einem erfolgreichen Verkauf.

Hugo ter Braak sagt, dass er alles gibt, um die Arbeitsplätze in Niederbipp zu retten. Mit einem erfolgreichen Verkauf.

Der US-Konzern Kimberly-Clark verlagert die WC-Papier-Produktion von Niederbipp nach Italien. Länderchef Hugo ter Braak arbeitet seit 21 Jahren in Niederbipp. Im Interview bezieht er Stellung zum Wegzug.

Hugo ter Braak durchlebt bewegte Tage. Erst am letzten Donnerstag vor einer Woche hat er seinen Mitarbeitenden in Niederbipp unterbreitet, dass ihr Arbeitgeber, der US-Hygieneartikelhersteller Kimberly-Clark, die Produktionsstätte im Oberaargau (hier wird vor allem Toilettenpapier produziert) zu verkaufen gedenkt. Oder, falls das nicht gelingt, per Ende April 2021 schliesst. Derweil laufen die Verkaufsgespräche auf Hochtouren. Wir konnten den Länderchef Schweiz/Österreich des US-Konzerns per Videoanruf interviewen.

Kimberly-Clark will die Herstellungsabläufe effizienter gestalten. Was geht in Norditalien effizienter als in der Schweiz?

Man darf das nicht auf der Mikroebene anschauen. Es geht nicht um Niederbipp gegen Norditalien. Wir haben die Produktionsstrukturen in ganz Westeuropa überprüft und wir kamen zum Schluss, dass es am meisten Sinn macht, wenn wir Hakle künftig in Romagnano produzieren und Kleenex in England. Wir sind der Meinung, dass wir unsere Marken so am besten weiterentwickeln und die Bedürfnisse unserer Kunden befriedigen können.

Das ist PR-Sprache.

Schauen Sie, es ist eine Medaille mit zwei Seiten. Unternehmerisch betrachtet, wenn man die Zahlen kennt, ist der Entscheid nachvollziehbar. Für jeden. Zugleich arbeite ich seit 21 Jahren für Kimberly-Clark in Niederbipp. Ich kenne viele unserer Mitarbeiter mit Namen. Da macht ein solcher Entscheid sehr betroffen, das geht mir nahe. Umso wichtiger ist es mir, dass wir dieses Werk verkaufen können. Damit die Jobs in dieser Region bleiben.

Vor anderthalb Jahren war Niederbipp noch ein Kronjuwel, die Schweiz eine der profitabelsten Ländergruppen. Warum ist das jetzt plötzlich anders?

Warum mein Vorgänger das so formuliert hat, kann ich nicht sagen. Aber man darf Niederbipp nicht mit der Ländergruppe Schweiz/Österreich gleichsetzen.

Warum?

Weil wir hier nicht nur für die Schweiz und Österreich produzieren. Und der Anteil an Eigenmarken ist sehr gross. Noch vor zehn Jahren produzierten wir 90 Prozent der Eigenmarken für unsere Region, heutzutage gehen 50 Prozent ins Ausland.

Was sind Eigenmarken?

Das sind Hygienepapiermarken unserer Kunden, vor allem Detailhändler wie Migros, Coop, Denner, Rewe oder Aldi. Diese Eigenmarken-Produktion beansprucht rund drei Viertel unserer Kapazitäten in Niederbipp.

Und dieses Geschäft ist weniger lukrativ?

Ja, gleichzeitig spielen aber viele Faktoren eine Rolle bei unserem Entscheid. EinWichtiger ist dieStärke desSchweizer Frankens. Dieses Beispiel habe ich unseren Mitarbeitenden auch gemacht. Bei der letzten Krise, der Finanzkrise 2008, kostete 1 Euro noch 1,67 Franken. Heute ist der Euro bei 1,07 Franken. Unsere Konkurrenz im Ausland ist im Vergleich zu uns um einen Drittel billiger geworden – ohne einen Finger zu krümmen.

Die Abwertung des Frankens geschah 2014. Warum kommt der Schritt jetzt?

Das ist so, aber man verkauft deswegen ja nicht sofort ein Werk. Zudem ist das nicht der einzige Grund. Kimberly-Clark hat 2018 ein globales Umstrukturierungsprogramm gestartet. Man hat alle Produktionsstandorte geprüft. Und entschieden, in Westeuropa von vier auf drei Standorte zu reduzieren. Auch weil wir so gezielter investieren können.

Das erklärt den Zeitpunkt nicht.

Der Grund dafür, dass wir die Mitarbeitenden jetzt informiert haben, liegt darin, dass die Verhandlungen für den Verkauf weit fortgeschritten sind.

Was heisst die Verhandlungen sind weit fortgeschritten?

Wir waren mit vielen Interessenten in Kontakt. Jetzt sind wir noch mit einem potenziellen Käufer in Verhandlungen. Und uns ist die Transparenz gegenüber den Mitarbeitenden wichtig. Wir haben offen und ehrlich informiert.

Aber Sie sollen sehr hohe Forderungen stellen – und das in der Krise.

Das ist eine Behauptung. Kimberly-Clark hat grosse Konzessionen gemacht, auch weil es uns ein grosses Anliegen ist, dass diese Jobs in der Region erhalten bleiben. Das ist mir persönlich ein grosses Anliegen.

A propos persönlich: Die Produktion wird nach Norditalien verlegt. Was ist mit Ihrem Job?

Kimberly-Clark zieht sich nicht komplett aus der Schweiz zurück. Eine kleinere Organisation dürfte hier in der Region bestehen bleiben. Wo genau, ist noch nicht definitiv. Aber es werden zwischen 20 und 25 Mitarbeitende sein. Vor allem aus den Segmenten Marketing, Verkauf und Planung.

Sie haben beim Marketing für Hakle die Swissness ins Zentrum gestellt. Die spielt nun plötzlich keine Rolle mehr.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man in der Schweiz, in Niederbipp, fantastische Produkte herstellen kann. Aber ja, wir werden nicht mehr mit dem Swissness-Aspekt werben können, da gibt es strikte Auflagen.

Darum haben Sie nach unseren Artikeln die ganze Swissness-Kampagne von der Hakle-Seite genommen?

Es war ohnehin geplant. Das müssen wir ja, konnten es aber nicht machen, bevor wir informiert haben. Es war etwas unglücklich, dass es noch nicht passiert war, bevor Sie darüber schrieben. Wir werden im Übrigen auch das «Hakle – Swiss made» von der Fassade der Fabrik entfernen lassen in den nächsten Wochen. Das ist in die Wege geleitet. Alles andere wäre opportunistisch.

Sie werden wohl Kunden verlieren.

Wir müssen damit rechnen, dass es Konsumenten gibt, die ein Produkt aus der Schweiz kaufen wollen. Das haben wir intern angeschaut, die Zahlen dazu legen wir aber nicht offen. Zugleich muss man wissen, dass die meisten Hygienepapier-Produkte im Schweizer Handel aus dem Ausland kommen.

Künftig auch Hakle.

Ja, aber am Qualitätsanspruch wird sich nichts ändern. Die Qualitäten werden sich sogar noch verbessern.

Das müssen Sie sagen.

Wir haben viel Geld investiert, damit wir in Romagnano die Qualität produzieren können, die der Schweizer Markt verlangt.

Was heisst das?

Wir konnten dort zuvor maximal zweilagiges Papier herstellen. In der Schweiz aber wird kaum WC-Papier unter drei Lagen verkauft. Wir haben Romagnano zur modernsten Anlage aufgerüstet.

Auch wenn die Qualität stimmt: Sie können kaum mit Nachhaltigkeit werben in der Schweiz, denn die Transportwege werden grösser.

Ein grosser Vorteil von Niederbipp waren die für den Schweizer Markt kurzen Anfahrtswege aufgrund der zentralen Lage. Aber beim Thema Nachhaltigkeit in der Papierherstellung geht es nicht nur um den Transport.

Sondern?

Drei Faktoren sind zentral: der Zellstoff, das Wasser und die Energie. Und da werden wir per se keine Einbussen in Kauf nehmen mit dem Umzug nach Italien. Nachhaltigkeit bleibt also wichtig, muss sie bleiben, das erwarten die Konsumenten.

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