reCIRCLE
«Jede Box hat einen Effekt»: Diese Unternehmerin revolutioniert das Takeaway-System

Auf einen Kaffee mit… Jeannette Morath, der Gründerin von reCIRCLE – ein Start-up, welches Mehrwegverpackungen für die Gastronomie herstellt. Im Kanton Solothurn sind die violetten Behältnisse bereits im Umlauf.

Nadja Senn
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Die gebürtige Schaffhausserin Jeannette Morath will sich mit ihren Mehrwegboxen für eine sauberere Umwelt einsetzen.

Die gebürtige Schaffhausserin Jeannette Morath will sich mit ihren Mehrwegboxen für eine sauberere Umwelt einsetzen.

Nadja Senn

Immer mehr Menschen greifen heutzutage auf die Takeaway-Option zurück. Im Zuge der Coronakrise wurde diese zusätzlich belebt, da viele Restaurants auf Lieferdienste umstellten. Was Gastronomiebetriebe teilweise rettete, generierte viel Abfall. Ein Umstand, welchem die in Bern wohnhafte Jeannette Morath mit ihrem Start-up ReCircle entgegenwirken möchte.

«Früher war ich Reiseleiterin und jettete oft um die Welt. Irgendwann merkte ich, dass total viel Abfall rumliegt. Das geht gar nicht», erzählt die 50-jährige Mutter zweier Kinder beim Kaffee. Die Idee sei bei der Arbeit beim Departement für Entsorgung und Recycling entstanden, bei dem sie Beratungen zur Durchführung abfallfreier Veranstaltungen anbot. Diese Arbeit inspirierte sie dazu, das Konzept auch auf die Takeaway-Praxis auszuweiten. Sie sagte sich also kurzerhand: «Ich probiere das selber.»

Eine Masterarbeit als Funke für Firmengründung

Im Rahmen ihrer Masterarbeit führte Jeannette Morath mit den Boxen ein Pilotprojekt durch, das über einen Umwelttechnologie-Kredit vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) ermöglicht wurde. «Wir mussten alles aufbauen, da es nichts Takeaway-Spezifisches gab. Wir haben sogar die Box selbst entwickelt», so Morath. Das Pilotprojekt gab ihr den Mut, ihr Unternehmen auf die nationale Ebene zu bringen. Dies war jedoch kein leichtes Unterfangen: «Ich hatte extrem Mühe, die Finanzierung zu sichern.» Dies sei vor allem dem Umstand geschuldet gewesen, dass ihre Idee auf no-tech basierte. Ihr Vorhaben, die Takeaway-Kultur mit Mehrwegböxli zu revolutionieren, habe «bei den Bänkern für Schenkelklopfen gesorgt».

Dabei weiss die Unternehmerin: mit Mehrweg reich zu werden, ist unmöglich. Aber das suchten sie und ihr Team auch nicht. Obwohl das Produkt in den Haushaltsgeschäften durchaus teurer verkauft werden könnte, stellt sich die Leiterin des Start-ups dagegen: «ReCircle will Mehrwegverpackungen ökologischer, erhältlicher und vor allem zahlbar zumachen. Und deswegen kann das Produkt nicht teuer sein.»

Das bisherige Sortiment umfasst verschiedene Boxengrössen und einen Becher.

Das bisherige Sortiment umfasst verschiedene Boxengrössen und einen Becher.

Pyramide

«Simple, aber durchdacht»

Das Firmenkonzept ist einfach, aber ausgeklügelt: Beim Takeaway in einem Partnerrestaurant kann anstelle eines Einweggeschirrs eine ReCircle-Box gewählt und zusätzlich ein Depot von 10 Franken gezahlt werden. Nach dem Essen wird der Behälter entweder nach Hause genommen oder bei einem beliebigen Partnerrestaurant wieder abgegeben, wobei die zuvor bezahlten 10 Franken rückerstattet werden. Gibt man den violetten Behälter aber nicht wieder zurück, besitzt man eine Box fürs Leben. Denn: Sollten reCIRCLE Boxen oder Deckel zerkratzt oder kaputt sein, werden sie den Kundinnen und Kunden gratis gegen neuere ausgetauscht. «Wir wollen, dass der Kreislauf geschlossen wird. Wir geben der Verpackung quasi einen Wert, damit sie weder gehortet noch weggeschmissen wird», erläutert Morath.

Einige Zahlen

In einer Wegwerfbox befinden sich durchschnittlich 100 g CO2 (im Papier ca. 80, in Pet rund 180 Gramm). Pro Tag sind rund 50'000 reCIRCLE-Boxen in Gebrauch. Das sind Tonnen CO2, die täglich eingespart werden.

Zudem: Um einen Takeawaybehälter aus Papier – sprich die klimaneutralste Option in Sachen Wegwerfgeschirrs – mit der Box zu kompensieren, braucht es 15 Mahlzeiten. Bei einer schwarzen PET Box, welche schlussendlich nicht recyclet sondern verbrennt wird, muss man die Box 7 mal benutzen, damit eine bessere Ökobilanz aufgewiesen wird. Nomalerweise werden reCIRCLE Boxen mehrere Hundert mal genutzt.

Mit der Nutzung der Boxen sparen Gastrobetrirbe

Auch für die Gastrobetriebe ist das Konzept lukrativ. Die Partnerbetriebe bezahlen zwar die aubergine-farbenen Behältnisse, doch sie verkaufen sie für den gleichen Preis an ihre Kunden. Sie sind also kostenneutral. Zusätzlich kommen Partnerschafts- und Abonnementkosten dazu. Mit den Aboeinnahmen ersetzt reCIRCLE abgenutzte oder defekte Boxen kostenlos. Weil weniger Einweg eingekauft werden muss, und die Partnerschafts und Abokosten von reCIRCLE in der Regel tiefer sind als der Einkauf von Einweggeschirr, machen die Restaurants finanziell vorwärts. Auch das Abwaschen der zurückgebrachten Boxen sei wider Erwarten kein grosser Aufwand: «Das Waschen der zurückgebrachten Box ist vielleicht ein Zeitaufwand von 10 Sekunden, eine Maschinenstunde kostet um die 65 Franken», rechnet Jeannette Morath vor. Zudem würden 90 Prozent der Kunden ihre Box sowieso bei sich behalten.

Der Kanton Solothurn als Pionier dabei

«Wir müssen weg vom Linearen, es muss eine Kreislaufwirtschaft geben», animiert Morath. ReCircles-Restaurant-Fans hätten eine Bewegung daraus gemacht. Das zeigt sich in den Zahlen: 50'000 Boxen werden täglich genutzt – und zwar nicht nur in Bern, sondern schweizweit. Im Kanton Solothurn finden sich einige Pioniere, wie zum Beispiel das «Solheure», die Vebo in Oensingen oder das Hotel Arte in Olten. Welche Restaurants alle Teil des ReCircle-Netzwerks sind, ist auf Webseite oder App ersichtlich.

Grosses bewirken können aber vor allem Kantinen, betont Morath. Auch hier ist der Kanton Solothurn vorne mit dabei: So sind die violetten Behältnisse an der Fachhochschule FHNW oder der Kantonsschule Olten schon länger im Umlauf. Dies freut die Unternehmerin besonders, da Schulen ein extrem wichtiger Standort seien: «Wenn Kinder und Jugendliche von Anfang an lernen, dass es nicht nötig ist, das Essen in eine Wegwerfverpackung zu verstauen, werden sie das später auch nicht tun.» Und habe man keine Wegwerfschale, brauche man auch keinen Plastiksack. «Es ist zwar nur eine Schale – aber sie bewirkt etwas!»