Statistik

Jede 47. Wohnung im Kanton Solothurn steht leer

Im Solothurnischen gibt es viele leere Wohnungen (Symbolbild)

Im Solothurnischen gibt es viele leere Wohnungen (Symbolbild)

Der Kanton Solothurn weist landesweit die zweithöchste Leerwohnungsziffer aus. Hier steht jede 47. Wohnung leer. Das soll aber nicht an einer übertriebenen Wohnbautätigkeit liegen, meinen Experten. Ältere Wohnungen kommen unter Sanierungdsruck.

Jede 47. Wohnung im Kanton Solothurn stand am 1. Juni dieses Jahres leer. Das zeigt die aktuellste Leerwohnungszählung des Bundesamtes für Statistik. Dies entspricht einer Leerwohnungsziffer – gemessen am gesamten Wohnungsbestand – von 2,1 Prozent. Landesweit liegt dieser Wert mit 1,1 Prozent deutlich darunter. Zusammen mit dem Kanton Jura nimmt Solothurn in dieser Rangliste seit Jahren jeweils «eine Spitzenstellung» ein. Also courant normal? Nein, es gibt einige Auffälligkeiten.

15 Prozent mehr Wohnungen stehen leer: Gegenüber dem Vorjahr waren am Stichtag im Kanton Solothurn mit 2736 Wohnungen 15 Prozent mehr Logis leer gestanden. Die Quote stieg von 1,9 auf eben 2,1 Prozent. Für Marcel Linder, Leiter Immobilientreuhand Mittelland bei der BDO Solothurn, ist das aber «nicht dramatisch». Vielmehr deute ein solcher Leerstand auf einen funktionierenden Markt hin. Mieter wie Käufer hätten die Möglichkeit, eine für sie passende Wohnung zu finden. Dagegen sieht Ernst Hauri in der hohen Quote, dass tendenziell ein Überangebot vorhanden sei. Aber auch der Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen in Grenchen beobachtet keine übertriebene Wohnbautätigkeit. Gemessen an Gesamtwohnungsbestand 2013, lag der Anteil der erstellten Neuwohnungen bei 1,08 Prozent, schweizweit bei 1,13 Prozent. Die traditionell hohe Leerwohnungsziffer begründet Hauri eher mit der weitverzweigten geografischen Lage des Kantons. «Im Gegensatz zu Baselland mit der Stadt Basel oder dem Aargau mit der Stadt Zürich fehlt dem Solothurnischen die klare Nähe zu einem Grossstadtzentrum.» Dies dämpfe die Nachfrage nach Wohnraum generell. 

Die Unterschiede auf Gemeindeebene sind gross: Egerkingen weist 143 leerstehende Logis und mit einer Leerwohnungsziffer von 8,6 Prozent die höchste Quote aus. Im Jahr zuvor lag sie noch bei 2,6 Prozent. «Das ist eine ungünstige Momentaufnahme», startet Markus Thommen, Bereichsleiter Bau auf der Bauverwaltung Egerkingen, einen Erklärungsversuch. Zum Erhebungszeitpunkt sei die Überbauung der rund 70 Alterswohnungen beim Alterszentrum soeben fertiggestellt und erst zu einem kleinen Teil bezogen gewesen. Zudem seien an zwei Standorten Mehrfamilienhäuser respektive ein Personalhaus komplett saniert und mit der Neuvermietung begonnen worden. «Der Leerwohnungsbestand ist inzwischen bereits wieder deutlich, auf aktuell 80 bis 90 Wohnungen, gesunken.» Thommen erwartet, dass die Leerstandsquote bis im Juni 2015 weiter deutlich sinken werde. Wie lange dieser Abwärtstrend anhalten wird, bleibt offen. Denn zwei weitere Überbauungen mit rund 90 Wohnungen sind im Planungsstadium (wir berichteten).

Eine ungewöhnlich hohe Leerwohnungsziffer weist ferner die Gemeinde Feldbrunnen-St. Niklaus aus. In den Vorjahren jeweils praktisch bei null, ist diese auf 2,9 Prozent im 2013, und nun auf 3,6 Prozent per Stichtag 1. Juni 2014 gestiegen. Von «einem statistischen Zufall» spricht Gemeindepräsidentin Anita Panzer. Einige Einwohner seien ins Altersheim gezügelt, deren Wohnungen zum Stichtag dann vorübergehend leer standen.

Dieselbe Entwicklung gilt für die Stadt Solothurn. Rein statistisch betrachtet, herrschte in den vergangenen Jahren mit einer Leerwohnungsziffer von rund 0,5 Prozent Wohnungsnot. Jetzt ist die Quote auf 1 Prozent geklettert. Es seien zwar relativ viele Neubauten mit Wohnungen erstellt worden. Der Leerwohnungsbestand sei jedoch weiterhin tiefer als in der übrigen Schweiz, sagt Andrea Lenggenhager, Leiterin des Stadtbauamtes. «Im Speziellen haben wir sehr wenig Häuser und Eigentumswohnungen auf dem Markt.»

Anteil an leerstehenden Wohnungen nimmt zu: Ins Auge sticht der Anteil der neuen Wohnungen, die leer stehen. Das Bundesamt zählte am 1. Juni kantonsweit 334 neue leerstehende Wohnungen. Das waren 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Landesweit betrug das Plus lediglich 21 Prozent. Im langfristigen Vergleich ist das allerdings noch nicht alarmierend. Der Anteil der Neuwohnungen an den leer stehenden Logis liegt aktuell bei 12 Prozent. 1992, während der letzten Immobilienkrise, betrug dieser Anteil noch 57 Prozent. Damals ein klares Signal, dass die neu auf den Markt gekommenen Wohnbauten von der Nachfrage nicht mehr absorbiert wurden. Auch Neubauwohnungen fänden nicht sofort und immer Mieter, kommentiert Immobilienexperte Marcel Linder die aktuelle Lage. Aber grundsätzlich seien neue, moderne Wohnungen gefragt. «Es werden kaum unvermietbare Wohnungen gebau.» Dasselbe beobachtet Ernst Hauri. «Es werden keine Wohnungen im grossen Stil auf Halde gebaut.»

Zurück nach Feldbrunnen. Hier waren laut der Statistik von den 17 leer stehenden Wohnungen deren 11 oder 65 Prozent neu. Wurde zu viel gebaut in Feldbrunnen? «Grundsätzlich nein», sagt Gemeindepräsidentin Panzer. Allerdings stünden in der Neuüberbauung im Zentrum noch einige als Wohneigentum konzipierte Einheiten leer. Sie sollen nun nicht mehr verkauft, sondern vermietet werden, weiss Panzer. Auf der Homepage Immoscout24 sind einige ausgeschrieben, allerdings nicht billig. So muss ein Mieter für ein 6,5-Zimmer-Doppeleinfamilienhaus zwischen 5500 und 6000 Franken hinblättern. Das Potenzial an Neuzuzügern sei, so Panzer, aber durchaus vorhanden. «Wir erhalten auf der Gemeinde viele Anfragen, um Wohnraum zu mieten oder zu kaufen.» Aber eben nicht zu jedem Preis. Feldbrunnen sei schliesslich nicht Zürich oder Genf. Die Leerstandsquote werde aber wieder auf das «normale Niveau» sinken. «Es ist keine Trendwende.» Denn es gebe kein freies Bauland mehr.

Ältere Wohnungen kommen unter Druck: Der trotz Anstieg weiterhin tiefe Anteil der Neuwohnungen am gesamten Leerbestand zeigt, dass ältere Wohnungen unter Druck geraten. Angesichts des grossen Angebotes an Neuwohnungen würden viele Mieter wechseln, beobachtet Ernst Hauri. «Im Kanton Solothurn sind Bauland und Mieten für Neuwohnungen vergleichsweise günstig.» Der gewünschte Ausbaustandard der Wohnungssuchenden sei gestiegen, ergänzt Lenggenhager vom Stadtbauamt Solothurn. Neubauwohnungen würden den älteren Wohnungen vorgezogen. «Es besteht Sanierungsbedarf bei den älteren Wohnimmobilien», sagt Lenggenhager.

Trotz offensichtlichem Druck würden aber nicht alle nötigen Sanierungen realisiert, beobachtet Hauri. Der Liegenschaftsbesitzer würde nämlich rechnen. Nach einer Renovation könne er vielleicht 300 bis 400 Franken mehr Miete verlangen. Aber angesichts des grossen Wohnraumangebotes sei längst nicht garantiert, dass er diese Logis dann auch wiedervermieten könne. «Daraus ergibt sich bei Hausbesitzern und Investoren eine gewisse Zurückhaltung.»

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