Es beginnt vor acht Jahren in einer Bar. Ein Kollege erzählt ihm, dass Banken Geld aus dem Nichts schöpften. «Du hast zu viel getrunken», sagt ihm Ewald Kornmann. Vollgeld? Kein Thema. Heute ist der 48-Jährige aus Feldbrunnen im Initiativkomitee der Vorlage. Für das Interview darüber hätte er nichts mitnehmen müssen. Kornmann trägt ein Vollgeld-Plakat in beiden Händen und eine Tasche mit Zeitungsartikeln und ausgedruckten Powerpointpräsentationen.

Auf dem weissen Button auf dem weissen Shirt leuchtet ein rotes «Ja». Ein «Ja» am 10. Juni – das will der Maschinenbauingenieur erreichen. Er spricht von einem Finanzsystem, das wie ein Luftballon aufgeblasen werde und irgendwann zu platzen drohe. Die Initiative soll hier nicht erneut erläutert werden. Sondern die Geschichte des Mannes, der zwar nicht das Gesicht der Vorlage ist, aber einer der Köpfe dahinter.

«Du verzeusch Seich»

Nachdem der Ingenieur aus Feldbrunnen zum ersten Mal vom Vollgeld gehört hat, beginnt er zu recherchieren. Und es lässt ihn nicht mehr los. Er tritt dem Verein Momo (Monetäre Modernisierung) bei, trifft sich mindestens monatlich zu einer Sitzung, studiert in der Mittagspause die Liquiditätsverordnungen neben der Pizza. Acht Jahre lang dauert der Aufwand, den Kornmann betreibt. Er tritt an Podien auf, trifft Politiker und Banker. Und hört immer wieder: «Du verzeusch Seich.»

Doch Kornmann lässt nicht locker. «Gspässig» findet er es, dass sein Thema kaum Thema zu sein scheint. 2014 beginnt er, Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln. Zusammen mit den Vertretern sechs weiterer Volksinitiativen vor dem Eingang des Gurtenfestivals, wo die Besucher in der Hitze Schlange stehen. Alleine in Solothurn entlang dem Aarequai, über die Brücke, durch die Hafenbar. Und wieder von vorne. Er trifft auf Desinteresse, Unverständnis, Angst. Irgendwann habe er Rentner nicht mehr angesprochen, weil er sie ganz nervös gemacht habe. Aber auch interessante Gespräche habe er geführt, offene Menschen angetroffen.

Knapp 1600 Unterschriften hat er am Schluss. Stolz erklärt er, damit habe er es auf den 4. Platz der «Normalsammler» geschafft. Normalsammler? Die, die in der Freizeit sammeln und aus Überzeugung – nicht gegen Bezahlung.

Als «Nobody» gegen Politiker

Nachdem die Initiative 2015 als zustande gekommen gilt, äussern sich auch Politiker. Als unsinnig oder gefährlich wird das Thema bezeichnet. Kornmann daneben spricht über Hypotheken, Zinssätze und Buchgeld. «Es geht nicht mehr nur um Argumente, sondern um Glaubwürdigkeit», sagt der ledige 48-Jährige. Er als parteiloser «Nobody» erreiche halt nicht so viel Aufmerksamkeit. Anfangs sei er auch belächelt worden. «Jaja, Ewald und sein Vollgeld» habe er auch schon gehört. Frustrierend? Nein. Es sei nicht seine Art, mit Klischees zu arbeiten oder auf der emotionalen Schiene zu debattieren. Er argumentiere lieber sachlich.

Seine Reden habe er fast schon automatisiert. Je nachdem, wo er eingeladen werde, wie viel Redezeit er erhalte, kippe er halt eine oder mehrere Folien aus seiner Präsentation. An über 20 Anlässen war er dieses Jahr schon – in der ganzen Schweiz, bei fast allen Parteien. An Versammlungen, wo bereits Nein-Flyer auf dem Tisch lagen, und an Anlässen, an denen eineinhalb Stunden diskutiert wurde. Eigentlich müssten sich viel mehr Menschen enthalten, findet Kornmann. Bei so einem komplexen Thema. «So etwas darf man aber kaum sagen, sonst wird man Besserwisser genannt.»

Acht Jahre Aufwand, und jetzt heisst es, die Initiative würde eh abgelehnt. Kämpft er nicht für eine chancenlose Sache? Kornmann verneint. «Sonst würde ich nicht so viel Einsatz geben.» Es sei ja noch eine Woche bis zur Abstimmung hin. Wer wisse schon, was in dieser Zeit passiere. Und wenn es ein Nein gibt? «Wissen Sie ...» Kornmann schweigt. «Es geht schon weiter. Immerhin wissen die Leute heute besser Bescheid als noch vor acht Jahren», als auch er zum ersten Mal vom Vollgeld hörte.