Wie eine ländliche Idylle wirkt die Schafmatt bei Gänsbrunnen – heute. Nichts erinnert mehr daran, dass hier in der Frühen Neuzeit einmal eine «bedeutende Drehscheibe der Glasherstellung in der Schweiz» war, die «zum «Impulsgeber für die spätere Glasindustrie» in Mitteleuropa geworden ist.

Nun aber arbeiten der Thaler Anton Fluri und der Baselbieter Walter Schaffner im neuen Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, dem 91. Band bereits, diese Geschichte auf. Am Freitag feierte das Buch in Olten Vernissage.

Fluri und Schaffner waren nicht nur historisch, sondern auch archäologisch tätig. Denn zuerst einmal mussten sie die Glashütten finden. Auf einer alten Karte von 1827 ging Schaffner der Frage nach, wo deren Standort gewesen sein könnte. Glasstücke auf Mäusehaufen zeigten ihm Standorte ebenso an wie das Wurzelwerk umgefallener Bäume. Schliesslich konnten sie vier Glashütten ausfindig machen. Begleitet von der Kantonsarchäologie gingen sie dann buchstäblich in die Tiefe: An den Standorten haben sie Ausgrabungen vorgenommen. Gesammelt worden sind inzwischen rund 7000 Fundstücke, darunter auch farblose Gläser aus der Zeit vor 1600 oder Butzenscheiben.

Die beiden Autoren sprechen im Buch «von einer fast vergessenen Epoche der frühen Thaler Industriegeschichte» und sie zeigen die Bedeutung der Thaler Glashütten, auch für andere Orte auf. 100 bis 150 Personen lebten von einer Glashütte.» Für die Produktion wurde sehr viel Holz benötigt, was schliesslich auch zum Abbruch der Produktion führte.

Ein Solothurner Original, das im Schulhauskeller wohnte

Auch in die Tiefe geht in seinem Beitrag im Jahrbuch Rolf Weber. Und zwar in den Keller der Kantonsschule Solothurn. Dort tolerierte einst das Rektorat der Kanti tatsächlich, dass ein Mann in den Kellerräumen lebte. Die unkonventionelle Lebensweise lebte «Kantigeist» Wilhelm Kaiser (1895-1983), der ein astronomisch-wissenschaftliches Werk hinterliess, das derzeit noch in einem weiteren Buch beleuchtet wird. 

Warum brave Oltner Bähnler beim Landesstreik mitmachten

Natürlich nicht fehlen darf im Jahrbuch der Landesstreik, der sich 2018 zum 100. Mal jährte. Er bildet denn auch den Hauptbeitrag des Buches. Der frühere Oltner Stadtarchivar Peter Heim hat sich die Situation in der Stadt Olten während des Streiks genauer angeschaut und dabei auch «die nationalen und internationalen Konflikte im Mikrokosmos einer Kleinstadt» berücksichtigt, wie Heim an der Buchvernissage sagte. Weitere Fragestellungen waren die Rolle der Jugend, die Frage revolutionären Gedankenguts unter den Streikenden und die Rolle der Frauen. Auch der Frage, was die Eisenbahner mobilisiert habe, «die üblicherweise nicht streiken», ging Heim nach.

Verena Schmid Bagdasarjanz, die neue Präsidentin der Redaktionskommission des Jahrbuchs, beleuchtet den Oltner Ständerat «Casimir von Arx und die Debatte über den Generalstreik im Solothurner Kantonsrat».

Eine weitgereiste Lehrerin und ein Pionier des Transportwesens

Mit zwei weiteren spannenden Figuren beschäftigt sich das Jahrbuch darüber hinaus in grösseren Beiträgen:

Der Oltner Gottfried Schenker: Er war nach Wien ausgewandert und legte, wie Anna-Maria Deplazes-Haefliger schreibt den Grundstein «zum heute üblichen Güterverkehr in Transport-containern und zur modernen Logistik». Er hatte das System Sammelverkehr erfunden. Noch heute wirkt dies nach: bei der Deutschen Bahn heisst die Transport- und Logistiksparte «DB Schenker». Eingegangen wird im Beitrag auch auf Schenkers Beziehung zur Heimat und wie er hin und hergerissen war zwischen der kleinbürgerlichen Herkunft und dem grossbürgerlichen Milieu, in dem er in Wien lebte.

Mit den Tagebüchern der Deitinger Lehrerin und Weltreisenden Elise Flury (1864-1932) hat sich Markus Moser befasst. Flury war jung nach England ausgewandert. Später reiste die Frau unter anderem nach Ägypten, St. Petersburg oder China.

Abgerundet wird das Jahrbuch mit einem Nachtrag zum Doktorhaus in Bettlach und der dort gefundenen Bibliothek sowie mit der Solothurner Chronik 2017.

Bd. 91 des Jahrbuchs für Solothurnische Geschichte kann beim Historischen Verein des Kantons Solothurn und in lokalen Buchhandlungen bezogen werden.