Zu den «Blockbustern» zählen Persönlichkeitsstörungen, das Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS, Asperger, Depressionen und Burnout.

Eine erst kürzlich erschienene Studie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) attestiert der Schweiz einen besonders hohen Zuwachs an IV-Fällen aufgrund psychischer Erkrankungen, und zwar gerade auch unter jungen Menschen.

Dies sind allesamt Fakten, die am Donnerstagabend von Teilnehmenden an einer Podiumdiskussion im Solothurner Konzertsaal von verschiedenen Seiten her beleuchtet worden sind. Eingeladen zur Debatte haben im Rahmen der jährlich stattfindenden «Solothurn Talks» die Solothurner Wirtschaftsverbände, das Amt für Wirtschaft und Arbeit sowie die IV-Stelle Kanton Solothurn, die Suva und die Ausgleichskasse. Rund 200 Interessierte, vor allem Vertreter von Arbeitgebenden, verfolgten das Gespräch unter der Leitung von Kommunikationsberater Steffen Lukesch.

Ausdruck der Gesellschaftskritik

In einer Betrachtung psychischer Krankheitsbilder zeigt der Psychoanalytiker und Autor Peter Schneider die soziale Komponente verschiedener psychischer Krankheiten auf. Und zwar gleich in einer doppelten Hinsicht. Mit Blick auf die «Volkskrankheit» Burnout meinte er, dass zum einen die Hektik in der heutigen Arbeitswelt krankmachen kann.

«Zum anderen ist Burnout aber auch Ausdruck der Kritik an dieser Hektik.» Und: Nur aufgrund dieses gesellschaftskritischen Moments, so seine These, konnte Burnout derart Karriere machen. «Immer mehr Menschen beginnen sich nämlich dann, mit dem Krankheitsbild zu identifizieren.»

Auch für die Gesundheitspolitikerin und Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel spielt die soziale Komponente bei den Gründen für die Zunahme psychischer Krankheiten eine zentrale Rolle. Sie kritisiert die «Medikalisierung von sozialen Problemen». Einen Grund für wachsende psychische Probleme bei jungen Menschen erkennt die Politikerin in einem immer höheren Leistungsdruck, dem diese gerade auch vonseiten ihrer Eltern ausgesetzt sind.

Ganz generell spielen für die Zunahme neuer IV-Fälle, so Humbel, aber auch «Fehlanreize» des Systems eine Rolle. «Es ist heute immer noch zu einfach, an einer Rente heranzukommen, mit der man dann besser fährt, als wenn man einer Arbeit nachgeht.» Sandra Reichen, Leiterin Betriebliche Gesundheitsförderung der Solothurner IV-Stelle, hielt dem entgegen, das jemand zuerst «das System überzeugen muss», überhaupt eine Rente zu sprechen. «Die Hürden sind heute aber hoch angesetzt.»

Für Hans Kuhn, Geschäftsleiter Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG, sind psychische Probleme unter anderem eine Konsequenz der «Kopflastigkeit» der Arbeitswelt. Weiter werde der Rhythmus von Veränderungen immer schneller, was sich belastend auswirke. Infrage stellte Kuhn zudem, ob Mitarbeitende ihre Freizeit immer wirklich «sinnvoll nutzen», nämlich zur Entspannung und Erholung.

Schulung von Kaderleuten

Neben den Gründen für die Zunahme psychischer Störungen fokussierte die Diskussion auf Möglichkeiten für Arbeitgeber, zur psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden beizutragen. Hans Kuhn erörterte etwa, wie in seinem Betrieb Kaderleute gezielt geschult werden, um möglichst früh psychische Probleme bei Mitarbeitenden zu erkennen.

Damit es erst gar nicht zu solchen Problemen kommt, lege der Migros-Verteilbetrieb mit einem beruflichen Gesundheitsmanagement zudem grossen Wert auf Prävention. «Wir leisten hier etwa auch Aufklärungsarbeit über die Bedeutung von gesundem Essen und genügend Fitness.» Sandra Reichen von der IV-Stelle betonte, dass neben der Früherfassung psychischer Probleme gerade solche präventiven Massnahmen viel zur Verhinderung psychischer Störungen beitragen können. Reichen: Wir wollen als IV-Stelle dieses Bewusstsein bei den Arbeitgebern künftig noch stärker fördern.»

Auch für Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel kommt der Prävention durch die Arbeitgebenden eine wichtige Rolle zu. Einen erfrischenden Kontrapunkt setzte Peter Schneider: «Die ständige Beschäftigung mit dem Thema Essen zum Beispiel kann zur Zunahme von Essstörungen führen.» So sei es doch auffallend, dass gerade heute, wo gesundes Essen in aller Munde ist, Essstörungen ein verbreitetes Phänomen sind.