Forensik
IT-Spezialist hat in einem Fall schon 2000 CDs durchforstet

Die Computerspezialisten der Kantonspolizei Solothurn braucht es bei fast jedem Fall. Einer von ihnen ist René Kully. Der 39-Jährige hat für einen einzigen Fall schon einmal 2000 CDs durchforsten müssen. Oft hat er auch mit Kinderpornografie zu tun.

Lucien Fluri
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René Kully beim Sichern einer Festplatte.

René Kully beim Sichern einer Festplatte.

Hanspeter Bärtschi

Als René Kully auf die Welt kam, gab es seinen Job noch gar nicht. Heute leitet der 39-Jährige den Fachbereich IT-Ermittlung bei der Kantonspolizei. Vor zehn Jahren ist die Abteilung gegründet worden. Sie ist heute an der Aufklärung fast aller Fälle beteiligt.

Im Keller der «Schanzmühle» liegt das Büro der IT-Ermittler. Vor dem Eingang steht eine Bankomat-Attrappe zu Präventionszwecken. Nur der Inhalt einer grauen Plastikkiste verweist auf die fernsehtaugliche Spurensuche. Beige Gummihandschuhe, Beschriftungsmaterial, USB-Sticks, Kabel und Stecker: Alles, was ein «Cybercop» für den Ausseneinsatz benötigt, liegt säuberlich geordnet in der Kiste. Oft kommt sie nicht zum Einsatz. René Kully kann die Ausseneinsätze an seinen Händen abzählen. «Wir kommen aus Zeitgründen gar nicht oft dazu», sagt Kully. Und so beschäftigt sich sein Team viel intensiver mit dem, was in den braunen Kartonkisten steckt, die Polizisten vorbeigebracht haben: Laptops und Computer, deren Daten bei der Aufklärung eines Delikts helfen.

Oft mit Kinderpornografie zu tun

2000 CDs in einem einzigen Fall: Das ist der bisherige Rekord von René Kully. Zwei Polizisten, zwei Elektroniker und ein Informatiker arbeiten in der Solothurner IT-Forensik. Zu ihnen bringt die Jugendpolizei Handys für die Bildersuche und lässt gefälschte Identitäten auf Facebook dokumentieren. Auf Natels finden die Ermittler Hinweise auf Drogendelikte, die telefonisch verabredet worden sind. GPS-Geräte geben Aufschluss, wo sich Einbrecher zuvor aufgehalten haben. Gegen 200 PCs und über 500 Mobiltelefone wertet das Team jährlich aus. Mit einer Person startete die Abteilung 2003, 2005 kam René Kully selbst hinzu. Heute sind es 450 Stellenprozente.

Mehr als die Hälfte der Zeit verwendet das Team für Kinderpornografie-Delikte Sex mit Tieren oder mit Ausscheidungen. Damit müsse man umgehen können, sagt Kully. Nicht alles müssen sich die «Cybercops» anschauen. Spezielle Software erkennt Bilder und Videos, die aus anderen Ermittlungen bekannt sind. Die Suche mit Schlüsselwörtern erleichtert das Durchforsten der Datenweiten.

Keine klassische Ausbildung

Die Solothurner Spezialisten untersuchen einzig Hard- und Software, die in Zusammenhang mit einem Delikt stehen. Falsch ist die Vorstellung, dass sie von sich aus aktiv im Netz nach illegaler Pornografie suchen. Nur die Nationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internet-Kriminalität (Kobik) durchsurft das Netz präventiv.

Eine klassische Ausbildung zum IT-Forensiker gibt es nicht. Computer hätten ihn schon immer interessiert, sagt Kully. Er hat nach der Matur und einigen Semestern Elektrotechnik an der ETH die Polizeischule gemacht. Den grössten Teil seines Wissens hat er sich selbst beigebracht. «Ich bin damit aufgewachsen», sagt der Sohn eines Ingenieurs. Früh hatte er selbst einen Computer. Der technische Fortschritt, mit dem Kully mithalten muss, ist enorm: Gab es zuerst Disketten, haben heute vier Terabyte Daten auf einer Festplatte Platz. «Es braucht auch privates Engagement», sagt Kully. Er probiert neue Software aus, studiert Fachliteratur und Computerzeitschriften. «Wir müssen wissen, mit was die Kunden arbeiten.»

Schwierig, Täter zu lokalisieren

Nur am Rande ist die Solothurner IT-Forensik bei Fällen von Internetbetrug involviert. Aufgrund ihres Know-hows und ihrer Kontakte zu Providern hilft sie ihren Kollegen bei Abklärungen zu Urhebern von E-Mails, Forenbeiträgen und Inseraten. Ab und zu hat Kully auch mit «gestohlenen» Ricardoprofilen zu tun, bei denen das Produkt verkauft, aber nie geliefert wird. Mails angeblicher Bekannter, die scheinbar in eine Notlage geraten sind, oder besonders günstige Autoinserate, bei denen Käufer erste Vorauszahlungen nach England schicken, kommen hinzu. «Wer in der Zeitung so ein Inserat sieht, würde das Geld nicht schicken. Online machen das Leute», sagt Kully. London sei eine Drehscheibe für gefälschte Autoinserate, sagt Kully. Erst ab 5000 Pfund würden Rechtshilfegesuche überhaupt bearbeitet. Noch schwieriger sei es, Urheber gefälschter Mails etwa in Nigeria dingfest zu machen.

Es wird an der Kopie gearbeitet

Schraubenzieher liegen auf dem Tisch im Keller der Schanzmühle. Mit ihnen bauen die Ermittler die Festplatten aus den Computern. Dann werden die Daten kopiert. Die forensische Analyse geschieht nur am Duplikat, nicht am Original. Ein Computerprogramm weist nach, dass an den ursprünglichen Daten nichts verändert wurde.

Kully widerspricht der Annahme, dass man im Internet alle Spuren zurückverfolgen kann. «Es gibt bei Internetbetrug weniger Spuren als beim Raubüberfall», sagt Kully. «Bei Drohungen auf dem Handy sind die Erfolgsaussichten gut. Bei bandenmässigem Betrug sind sie gering.» Auch das Gegenüber hat aufgerüstet. «Da gibt es eine Arbeitsteilung.» Wer beim manipulierten Bancomaten das Scangerät abholt, ist nicht der, der das Programm schreibt. «Das ist ein professioneller Informatiker.»