Junges Theater am Tobs
It’s a wonderful life – oder nicht

Der Theater-Jugendclub Periskop übt in «Das Nordlicht heute Nacht» gemeinsames Sterben.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Viel Bewegung, viele Emotionen und engagierte Aussagen der jungen Darsteller machen das Stück «Das Nordlicht heute Nacht» zum Erlebnis.

Viel Bewegung, viele Emotionen und engagierte Aussagen der jungen Darsteller machen das Stück «Das Nordlicht heute Nacht» zum Erlebnis.

Thomas Ulrich

Der Theater-Jugendclub Periskop ist einer der drei Clubs des Jungen Theater Solothurn (JTS). Dieses theaterpädagogische Angebot des Theater Orchester Biel Solothurn richtet sich an Kinder, Jugendliche und Schulklassen. Es ermöglicht den verschiedenen Altersgruppen unter professioneller Anleitung, Theater zu spielen und zu erfahren.

Die zehn 13- bis 16-jährigen Darsteller des «Periskop» spielen eines der meist gespielten Stücke der vergangenen Jahre: das Zwei-Personen-Stück mit dem Ursprungstitel «norway, today» oder «Das Nordlicht heute Nacht» von Igor Bauersima. Es ist die Geschichte der lebensmüden, 20-jährigen Julie, welche im Internet Gleichgesinnte sucht, die mit ihr in den Tod gehen wollen.

12 Sekunden bis zum Tod

In einem Chatroom lernt sie den neunzehnjährigen August kennen, der mit ihr diesen Schritt gehen will. Die beiden beschliessen, sich in Norwegen vom 600 Meter hohen, schneeverwehten Preikestolen-Felsen am Lysefjord in den Tod zu stürzen. Zwölf Sekunden soll dieser freie Fall dauern. Eine lange Zeit, in der schöne und schreckliche Momente des Lebens nochmals in den Kopf schiessen. Das Stück basiert auf einer wahren Begebenheit, auf die der Autor durch eine Zeitungsnotiz im «Spiegel» aufmerksam wurde.

Periskop-Leiterin Soraya Hug lässt nun diese zwei Rollen des Stücks von allen zehn Akteuren des Clubs spielen. Es sind dies: Yann Ammon, Alex Calabrese, Franca Foppa, Anastasija Grande, Zoe Furer, Andrina Leimgruber, Meret Lorenzi, Yanna Maarsen, Liam Schank, Selma Schweizer und Janis Urosevic. Sie alle sind Julie und Augus, gleichzeitig sind sie sich selbst und viele andere Jugendliche mit unterschiedlichsten Ansichten und Meinungen. Dieser Kunstgriff, dazu die intensive körperbetonte und choreografische Arbeit und etwas selbst verfasster Lokalkolorit, machen dieses Stück zum fesselnden Theatererlebnis für junge Menschen. Wie stellt man ein Handy-Smiley dar oder unterschiedlichste Chat-Meinungen? Genau solche Einfälle machen das an sich ernste Stück auch zum Vergnügen.

Wann passiert mal was Echtes?

Für manche jungen Leute sind die vielen Einflüsse, Meinungen, die Masken, Fakes und Lügen, denen sie heute im Internet ausgesetzt sind und die manche von ihnen auch selbst schaffen, ein Problem. Es geht soweit, sich selbst zu verlieren, gnadenlos blossgestellt zu werden, einen Gruppendruck auszuhalten. «Ich weiss nicht, wer ich bin» – es wird zum grossen Problem. «Ich habe schon alles gehabt und das Leben bietet nichts mehr als Leere. Ich habe eine Kinderküche geschenkt bekommen, bin mit meinem pinken Einrad in die Schule gefahren, ich war alleine in der Dunkelheit bei Nacht, ich habe in Ibiza den Sonnenuntergang gesehen, ich war im Europapark, meine Grossmutter hat für mich gekocht, ich war am Energy-Air mit meiner besten Freundin, ich habe geglaubt, im Mathetest ungenügend zu sein, mein Handy fiel ins WC, ich habe ein Neues geschenkt bekommen, ich habe geküsst und fand es eklig, ich habe geküsst und fand es schön. Wann passiert mal was Echtes?»

Was bleibt, ist der Selbstmord als letzte wirklich erlebte Tat. Doch: Ist das nicht ein Davonrennen, eine feige Tat? Es gäbe doch noch so vieles zu entdecken. Die Liebe vielleicht, das Geliebtwerden. Das Nordlicht. Das Leben ist doch wunderschön. Blacks Song suggeriert es: «It’s a wonderful, wonderful life» – und alle singen mit. Eine starke Geschichte mit intensiven Aussagen, wahrhaftig von den jungen Darstellern ausgesprochen und gespielt.

Aufführungen «Das Nordlicht heute Nacht»: heute Donnerstag, 17 Uhr, und morgen Freitag, 19.30 Uhr, im Stadttheater Solothurn.