Gemeinderatswahlen morgen: An der gemeinsamen, gut besuchten Schlussveranstaltung verteilen der muskulöse Bachelor und die leicht bekleidete Bachelorette Rosen in den jeweiligen Parteifarben an die gewählten Gemeinderäte.

Vor dem Wahlwochenende musste ich mich nicht mehr wie früher durch langweilige Wahlprospekte kämpfen und mir Gedanken über korrektes Panaschieren und Kumulieren machen, sondern konnte im Internet alle mir zusagenden Kandidierenden mit einem «like» markieren.

Zudem war jeder Name mit einem «link» verbunden, der mich direkt zum persönlichen Kandidatenvideo führte und mir zeigte, wie sie wohnen, die Freizeit verbringen und für was sie sich einsetzen wollten. Das Programm informierte mich auch, wie viele Namen ich noch anklicken dürfe, bis meine Wahlliste voll sei.

Und an der eingangs erwähnten Schlussveranstaltung werden aus allen Stimmenden zwei Sieger ausgelost, die einen Abend mit dem Bachelor oder der Bachelorette verbringen dürfen, je nach persönlicher Neigung. Die Stimmbeteiligung lag bei 85%. Alles Utopie?

Gemeinderatswahlen heute: Fällt das Wahlverhalten wie vor vier Jahren aus, werden wir am Sonntagabend eine Stimmbeteiligung von 30% erwarten können. Versuche ich die 70% Mehrheit der Nicht-Wählenden zu verstehen, muss ich akzeptieren, dass es in der Demokratie auch das Recht gibt, nicht wählen zu gehen.

Die tiefe Stimmbeteiligung mag daran liegen, dass fast 90% der Gemeindefinanzen fremdbestimmt sind, der Einfluss des Gemeinderates in diesem Bereich eher bescheiden ist. Die laufenden Bestrebungen einzelner Gemeinden unserer Umgebung, die Entschädigung der Gemeindepräsidien zu kürzen, werfen ein schlechtes Licht auf die Wertschätzung deren Arbeit.

Auch die Veränderungen in der Gesellschaft hinterlassen Spuren. Früher trugen die Patrons das Unternehmerrisiko, sie engagierten sich wie die arbeitende Bevölkerung dort, wo die Fabrik stand. Heute ist vieles anders. Die Freizeit verbringt man nicht mehr im lokalen Musik- oder Turnverein. Die geforderte Bereitschaft zur Mobilität und Selbstständigkeit führt zu einem völlig neuen Freizeitverhalten, möglichst ohne Bindung oder Übernahme von Verantwortung.

Der Wohn- und Arbeitsort ist oft nicht mehr der gleiche. Der familiäre Mittagstisch, an dem das Tagesgeschehen diskutiert wird, ist heute eher die Ausnahme. Die Bindung an den Wohnort verliert an Bedeutung.

Heute vor 144 Jahren liess Levi Strauss seine Blue Jeans patentieren. Die Kleiderhersteller verstanden es, die Jeans laufend dem neuen Zeitgeist anzupassen und so die Mode mitzubestimmen. Ich glaube, man müsste im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung unser Wahlmodell aus dem vorletzten Jahrhundert überdenken, das mit Ausnahme der Einführung der Proporzwahl und des Frauenstimmrechts nur wenige Retuschen erfahren hat.

Warum nicht die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen? Warum nicht die Möglichkeit geben, an zwei Orten zu wählen, da inzwischen fast alle zwei Lebensmittelpunkte (Wohn- und Arbeitsort) haben? Soll das Wahlmodell nicht zum Auslaufmodell einer Minderheit verkommen, sind neue Ideen gefragt.