Ein aussergewöhnlicher Gerichtsfall

Ist Staatsanwalt Gutzwiller erfahren genug für den Mordprozess?

Sein erster Mordprozess: Staatsanwalt Jan Gutzwiller verfolgt normalerweise Drogendelikte.

Sein erster Mordprozess: Staatsanwalt Jan Gutzwiller verfolgt normalerweise Drogendelikte.

Der Prozess um die Grenchner Morde ist ein aussergewöhnlicher: Hier treffen Mörder in Fussfesseln auf die mutmassliche Drahtzieherin, die auf freiem Fuss lebt und Verteidiger, die auf Zeit spielen, auf einen in Mordfällen unerfahrenen Staatsanwalt.

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern kommt den Verteidigern der Angeklagten, Ruth S., Guido S. und Patric S., weit entgegen, indem es die Verhandlung bis zum kommenden Montag unterbricht. Nun wähnt sich Staatsanwalt Jan Gutzwiller im Nachteil. Und das gleich in zweierlei Hinsicht, wie er der az sagt. So liege sein Plädoyer jetzt den Verteidigern schriftlich vor. Ungewöhnlich, wie auch der Gerichtsschreiber Matthias Steiner bestätigt: «Normalerweise sind keine Kopien an die Verteidigung vorgesehen. Es steht den Parteien aber frei, Kopien ihrer Plädoyers zuhanden der Akten abzugeben.»

Doch beim Prozess um den Dreifachmord von Grenchen ist Vieles aussergewöhnlich. Die Brutalität der Taten lässt manchen Gerichtsreporter erschaudern. Speziell mutet auch an, dass den beiden Männern nicht einmal im Gerichtssaal die Fussfesseln abgenommen werden, derweil Ruth S. als freie Frau vor den Richtern erscheint. Für den Verteidiger von Guido S., Bruno Steiner, gar unverständlich, dass die psychiatrischen Gutachten über die Angeklagten allesamt aus ein und derselben Feder stammen: derjenigen von Psychiater Lutz-Peter Hiersemenzel.

Ein dicker Stapel für die Verteidigung

Die Schwere der Taten und das für die Angeklagten zu erwartende hohe Strafmass stimmte die Richter um Gerichtspräsident François Scheidegger am Mittwoch nur in einer Sache milder: Sie wollten den Anwälten die Verteidigung nicht schwerer machen, als sie es ohnehin schon ist. Nach lautstarken Protesten der Anwälte von Guido S. und Ruth S., Bruno Steiner und Daniel Walder, rangen sich die Richter durch und verordneten eine kurze Pause um das dicke Plädoyer für die Verteidiger zu kopieren.

Ruth S. droht lebenslänglich - doch sie ist auf freiem Fuss

Ruth S. droht lebenslänglich - doch sie ist auf freiem Fuss

Deshalb liegt des Staatsanwalts Plädoyer den Verteidigern nun also in schriftlicher Form vor. Doch damit nicht genug: Bis zur Wiederaufnahme des Prozesses bleiben den Anwälten ganze vier Tage zur Durchsicht des dicken Papiers. Für Gutzwiller zu viel: «Sie haben nun genügend Zeit, das Plädoyer Punkt für Punkt durchzusichten und können sich so perfekt vorbereiten.» Damit hat das Gericht die Verteidiger zwar mit gleich langen Spiessen ausgestattet, nicht aber den Staatsanwalt. Gutzwiller kritisiert, dass ihm nach den Plädoyers der Verteidiger kaum Zeit bleibe, um sich auf seine Replik vorzubereiten. Trotzdem akzeptiere er den Entscheid der Richter «voll und ganz» und verstehe auch das Anliegen der Verteidiger. Schliesslich gehe es um sehr viel für deren Klienten.

Den Anwälten der drei Angeklagten gelang es also, mehr Zeit und damit Vorteile im insgesamt sonst aussichtslos scheinenden Kampf ihrer Klienten um Strafmilderung herauszuringen.

Keine Verwahrung gefordert

Doch kam ihnen auch der Staatsanwalt bereits in einem Punkt entgegen: Von einer Verwahrung sah Gutzwiller bereits am Mittwoch ab. Zwar fordert der Staatsanwalt Höchststrafen in allen Fällen, eine Verwahrung sei jedoch weder bei Guido S. noch bei Patric S. angezeigt, da es sich bei Beiden um Ersttäter handle. Zudem prognostiziere das psychiatrische Gutachten ein Rückfallrisiko, das eine Verwahrung nicht rechtfertige.

Jan Gutzwiller ist ein erfahrener Staatsanwalt, nicht aber in Mordfällen, wie sich herausstellt. Er habe noch nie lebenslängliche Haftstrafen gefordert, sagte er am Mittwoch gegenüber Journalisten am Rande des Prozesses. Auf Nachfrage der az bestätigt er gestern: «Ich habe noch nie einen Mordfall vor Gericht vertreten.» Gutzwiller kam zum Fall wie die Jungfrau zum Kinde: Er habe ihn übernommen, weil er Pikettdienst schob, als es zur verheerenden Tat kam. «Weil sich der Fall so dynamisch entwickelte, machte ein späterer Handwechsel keinen Sinn mehr», erklärt Gutzwiller.

Stellt sich die Frage, ob es im Sinne der Anklage nicht gescheiter gewesen wäre, wenn der Kanton Solothurn einen in Mordfällen erfahreneren Staatsanwalt eingesetzt hätte. Gutzwiller verneint. Denn: «Letztlich geht es in jeder Strafuntersuchung um die Wahrheitsfindung.» Insofern unterscheide sich ein Mord nicht von anderen Delikten, so der Staatsanwalt.

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