An verschiedenen Orten in der Schweiz hängen Plakate mit der Aufschrift «Jesus ist...» und der anschliessenden Frage «Was meinst du?» Der Satz ist bewusst nicht beendet, denn jeder soll persönlich antworten. So kommen denn auch die unterschiedlichsten Kommentare zusammen: «Ein Traummann», «Genau hier», «Der Prophet mit der besten Marketingabteilung», «Harry-Potter-Fan» sind nur einige Beispiele (Kasten unten). Auch auf der Homepage der Kirchen kann jeder die Frage für sich beantworten.

Die Kommentare erstrecken sich dabei von religiös, witzig und ernst bis hin zu diskriminierend. Die verschiedenen Aussagen auf den Plakaten oder im Internet werden dabei bewusst nicht zensiert, denn «jeder soll seine eigene Beziehung zu Jesus ausdrücken dürfen», betont Koen De Bruycker, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Solothurn. Ausserdem sollen Meinungsverschiedenheiten bei Gesprächen ausdiskutiert werden und so zum Denken anregen.

Hinter der Aktion, die seit dem 14. März läuft, steht der Verein «Aktionskomitee Christen Schweiz» aus Mitgliedern von Frei- und Landeskirchen. Grundsätzlich sollen während der Karwoche alle Menschen angesprochen werden. Auf Anfrage heisst es beim Verein, dass mit dem bisherigen Tabu gebrochen werden soll.  

Wieslaw Reglinski, Pfarrer der römisch-katholischen Kirchgemeinde Gretzenbach-Däniken und des Pastoralraums Niederamt, steht hinter diesem Gedanken und sagt weiter: «Mir gefällt die unkonventionelle und jugendliche Idee der Aktion. So etwas gab es noch nie.» Koen De Bruycker findet die Idee auch gut und würde es persönlich auch besonders begrüssen, wenn vermehrt kirchenferne Menschen sich mit Jesus auseinandersetzen würden. Beide Pfarrer unterstützen die überkonfessionelle Zusammenarbeit.

Vorwiegend positives Echo

In der Unterführung am Hauptbahnhof Solothurn befindet sich eines von rund 70 Plakaten im Kanton. Die meisten Passanten beachten es kaum, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt. Zwischen den vielen Affichen fällt zwar die weisse Wand auf, allerdings beachten die meisten Menschen keinen der Aushänge. Einige Passanten hätten das Plakat gerne durchgelesen, sie mussten allerdings noch den Zug erwischen.

Die Reaktionen auf das Plakat sind mehrheitlich positiv. Viele finden es gut, dass jeder seine eigene Vorstellung von Jesus haben darf. Trotzdem könnten auch unangebrachte Kommentare hingeschrieben werden. Dies wird wiederum als weniger gut empfunden. Ein Blick auf das Plakat am Hauptbahnhof zeigt: Ein Grossteil des Geschriebenen ist gut gemeint. Und auch einige Kommentare, die zwar Jesus Existenz verneinen, sind mit wenigen Ausnahmen immerhin witzig geschrieben.

Austausch zwischen Religionen

Die Kirchen beabsichtigen mit der Aktion, dass sich jeder individuell mit Jesus auseinandersetzen kann. Während den Gottesdiensten werden in der Karwoche dementsprechend Schwerpunkte gesetzt. Wieslaw Reglinski bespricht die Plakate in seinen Predigten.

Der Pfarrer unterstützt den Austausch der verschiedenen Religionen und Konfessionen. Die Menschen sollen mit der Frage um Jesus geeint und nicht geteilt werden. Koen De Bruycker schliesst sich dem an: «Bei der Frage Jesus geht es nicht nur um dessen Person, sondern auch darum, Toleranz gegenüber anderen Religionen zu zeigen.»

Die Konfirmanden, welche De Bruyckers Unterricht besuchen, dürfen so ihre eigene Persönlichkeit in die Gottesdienste einbringen und diese mitgestalten. Weil die Frage um Jesus persönlich differenzierbar ist, legt der Pfarrer im Konfirmandenunterricht den Schwerpunkt weniger auf theologische als auf menschliche Fragen.

So lernen die Konfirmanden Jesus von der menschlichen Seite kennen. Sie sollen sich überlegen, wann, wie und weshalb Jesus jeweils handelte. Die Konfirmanden sollen sich mit Jesus verbunden fühlen, beziehungsweise sich in ihn hineinversetzen. «Er musste sich, wie jeder von uns, mit Gut und Böse auseinandersetzen».