Stau
Ist es ein überholtes Luxusprojekt oder nicht? — ein Pro und Contra zur Verkehrsanbindung Thal

Stefan Müller-Altermatt vom Komitee «Pro Verkehrsanbindung Thal» und Bürgerinitiative-Präsident Fabian Müller kreuzen die Klingen.

Urs Moser
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Nächste Woche entscheidet der Kantonsrat über den Kredit für das Projekt. (Archivbild)

Nächste Woche entscheidet der Kantonsrat über den Kredit für das Projekt. (Archivbild)

Bruno Kissling

Die Klus bei Balsthal ist ein berüchtigtes Nadelöhr, hier ist täglich Stau, die Verlustzeiten gehören zu den grössten im Kanton. Umfahrungspläne werden seit Jahrzehnten gewälzt, jetzt liegt ein spruchreifes Projekt vor. Nächste Woche entscheidet der Kantonsrat über den Verpflichtungskredit von 74 Millionen für die Realisierung der «Verkehrsanbindung Thal». Doch das Vorhaben ist nicht unumstritten.

Die Gegner sprechen von einem «überholten Luxusprojekt». Ein vehementer Befürworter ist CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt, Gemeindepräsident von Herbetswil. Er kreuzt vor dem Kantonsratsentscheid die Klinge mit Fabian Müller, der mit der Bürgerinitiative «Läbigi Klus» gegen die Umfahrung kämpft.

Pro: «Ja zu mehr Lebensqualität für Thalerinnen und Thaler»

Stefan Müller-Altermatt, «Pro Verkehrsanbindung Thal»

Stefan Müller-Altermatt, «Pro Verkehrsanbindung Thal»

Keystone

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einem anstrengenden Arbeitstag um halb sechs nach Hause, freuen sich auf die Familie und darauf, Ihren Hunger stillen zu können. Bevor Sie aber den lang ersehnten Schritt in Ihr Heim machen können, müssen Sie vor der Haustüre noch eine Viertelstunde warten. Jeden Tag. Manchmal sind es nur sieben Minuten, manchmal aber auch 20. Und dies jeden Tag.

Stellen Sie sich vor, wie Sie sich da fühlen würden. So fühlen sich die Thaler Pendlerinnen und Pendler. Es geht bei der Verkehrsanbindung Thal um nichts anderes als die Lebensqualität unserer Bevölkerung. Ich habe bei diesem Thema immer die Worte eines Einwohners in den Ohren, der am Jurasüdfuss – weit weg vom ÖV-Anschluss – arbeitet und mir kurz und bündig sagt: «Es schiisst di eifach a!»

Nun gibt es in unserem Gedankenexperiment noch den Nachbarn, der nicht jeden Abend vor der Haustüre warten muss und sagt: «Ganz sicher geben wir nicht viel Geld aus, damit du früher rein kannst. Nun tu’ doch nicht so blöd wegen der paar Minuten!» Wie würden Sie diesen Nachbarn bezeichnen? Ich würde ihn gelinde als äusserst unsolidarisch titulieren.

Am 15. Dezember entscheidet der Kantonsrat über die Verkehrsanbindung Thal. Die Entscheidung im Kantonsrat ist nichts anderes als die Frage, ob man mit dem Thal solidarisch ist oder nicht. Wir haben die Entlastungsprojekte in Olten und Solothurn realisiert und solidarisch über eine Erhöhung der Motorfahrzeugsteuer finanziert. Nun geht es darum, dass man auch mit dem Thal solidarisch ist und Geld für die Verkehrsanbindung spricht – ohne Steuererhöhung, versteht sich.

Man hat Jahrzehnte geplant, Projekte verworfen und optimiert. Was jetzt vorliegt, ist ein Projekt, welches kosteneffizient den Stau in der Klus behebt. Trotz der widrigen Gegebenheiten im Engnis Klus, die Viadukte und Tunnel verlangen, liegt es pro Laufmeter im gleichen Kostenbereich wie die Umfahrungen in Olten und Solothurn und wesentlich tiefer als viele Bundesprojekte, die ich kenne. Auch der ÖV kommt wieder schneller ins Thal und der Langsamverkehr erhält sicheren Raum. Die Klus selber kann mit dem Projekt wegkommen vom Verkehrsmoloch und wieder zum lebendigen Frohburger-Städtchen werden.

Die Thaler Gemeinden stehen voll hinter dem Projekt und haben freiwillig zwei Millionen Franken gesprochen, um sich an der Finanzierung zu beteiligen. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte unseres Kantons! Und Sinnbild eines eindringlichen Aufrufs: Bitte seid auch ihr solidarisch mit uns!

Contra: «Bis zu 81 Millionen Franken für 1 Kilometer Asphalt?»

Fabian Müller, Bürgerinitiative «Läbigi Klus» Fabian Müller SP-Kantonsrat, Präsident Verein Läbigi Klus

Fabian Müller, Bürgerinitiative «Läbigi Klus» Fabian Müller SP-Kantonsrat, Präsident Verein Läbigi Klus

zvg

Der Widerstand aus der Thaler Bevölkerung gegen die Umfahrung Klus ist gross. Die Gemeinde Balsthal zum Beispiel muss für das Mammutprojekt fast 8 Millionen Franken beisteuern – ohne Steuererhöhungen ist das kaum machbar.

Gemäss Regierungsrat reduziert eine Umfahrung die Fahrzeit im Feierabendverkehr zwischen Oensingen und Balsthal von 8,5 auf rund 4 Minuten. Wegen 4,5 Minuten will der Kanton also insgesamt bis zu 81 Millionen Franken in eine neue Umfahrungsstrasse mit Viadukt und Tunnel verlochen. Das sind 81000 Franken pro Meter! Die aktuelle Pandemie verursacht beim Kanton bereits grosse Finanzlöcher, und viele Menschen müssen Lohneinbussen in Kauf nehmen. Statt einer teuren und unnützen Luxusstrasse sollte das Geld jetzt besser in schnelle und wirksame Massnahmen für Wirtschaft, Bildung und Gesundheit investiert werden.

Die Fürsprecher des Projekts weisen gerne auf eine Entlastung der Häuser in der Klus hin. Doch sie unterschlagen dabei, dass trotz Umfahrung Klus weiterhin rund 5000 Fahrzeuge die bisherige Strasse benutzen werden. Zu viel Verkehr für eine deutlich bessere Lebensqualität – aber zu wenig Verkehr für das Überleben der aktuell in der Klus vorhandenen Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe.

Vor allem wird gerne verschwiegen, dass die geplante Umfahrung ein Wohnquartier bedroht. Die neue Strasse würde direkt vor den bestehenden Wohnungen im Guntenfluh- und Neumattquartier gebaut. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen mit viel mehr Lärm und mehr Luftschadstoffen rechnen. Einige Wohnhäuser würden sogar abgerissen. Wo heute noch Kinder spielen, werden danach Lastwagen vorbeidonnern.

Es ist bedauerlich, dass sich die Befürworter auf diese Umfahrung versteifen und andere kostengünstige Verbesserungsvorschläge ablehnen. Vernünftige Politik heisst kompromissfähig bleiben. Bevor man bis zu 81 Steuermillionen für ein solches Projekt ausgibt, sollte man zum Beispiel die positiven Auswirkungen einer Testphase mit offener OeBB-Bahnschranke in der Thalbrücke oder eines Linksabbiegeverbots von der Sagmattstrasse in die Solothurnerstrasse überprüfen.

Die Arbeitswelt der Zukunft und die Mobilität werden sich stark wandeln. Ein solches Luxusprojekt, das nur auf rund zwei Stunden Pendlerspitzen ausgerichtet ist, steht da buchstäblich quer in der Landschaft. Die natürliche Vielfalt des Naturparks Thal soll gestärkt und nicht reduziert werden. Wir setzen uns zu Gunsten der Thaler Bevölkerung für bessere Lösungen ein.

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