Anzahl Betäubungsmitteldelikte im Jahr 2017: 21 Prozent weniger als im Vorjahr. Fälle von schwerem Handel mit Betäubungsmitteln: 91 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahlen der Kriminalstatistik der Kantonspolizei Solothurn lassen aufhorchen. Ist das Drogenproblem im Kanton gelöst?

Nicht, wenn man bei der «Perspektive Solothurn-Grenchen» und der «Suchthilfe Ost» nachfragt. Die beiden Organisationen unterstützen Menschen mit Suchtproblemen. Die Perspektive im westlichen, die Suchthilfe im östlichen Kantonsteil.

Einen Rückgang von Suchtmittelabhängigen und Ratsuchenden stellt Reno Sami, Co-Geschäftsleiter der Suchthilfe Ost, nicht fest: «Wir beobachten Schwankungen von Jahr zu Jahr, 2017 war insofern nicht speziell.»

Ähnlich tönt es in Solothurn. «Die Anzahl Nutzer der Konsumräume ist auf einem hohen Niveau stabil», so Karin Stoop, Geschäftsleiterin der Perspektive. Was hat es also mit den Zahlen der Kriminalstatistik auf sich?

Die Sache mit den Statistiken

Die Anzahl registrierter Betäubungsmitteldelikte hängt stark von der Kontrolltätigkeit der Polizei ab. Im Gegensatz zu beispielsweise Diebstählen oder Gewaltverbrechen kommt es hier nämlich selten zu Anzeigen durch Dritte. Das heisst: Die Zahlen der Statistik geben nicht nur Aufschluss über die Anzahl Verbrechen. Sie zeigen auch, beziehungsweise vielmehr, wo und wie stark die Polizei kontrolliert. Und wo Kapazitäten fehlen.

So erklärt Urs Bartenschlager, Chef der Kriminalpolizei Solothurn, den starken Rückgang im vergangenen Jahr: «Wir legten die Schwerpunkte auf Ermittlungen gegen den Menschenhandel, deshalb fehlten diese Ressourcen.» Durch eigene Kontrollen und Hinweise anderer Polizeiorganisationen habe man herausgefunden, dass der Menschenhandel und die Förderung der Prostitution in der Region verbreitet seien. Aufgrund des grossen Leids, das bei den Opfern dieser Verbrechen entstehe, habe man entsprechend gehandelt. Und entsprechend tief seien die Zahlen bei den Betäubungsmitteldelikten ausgefallen.

Besonders stark abgenommen hat die Anzahl Fälle von schwerem Betäubungsmittelhandel. Also Handel in grossen Mengen und organisierten Strukturen. Ermittlungen in diesem Bereich seien nämlich besonders aufwendig. Dass der Betäubungsmittelhandel im Kanton abgenommen habe, davon sei nicht auszugehen.

Dass sich die Schwerpunkte ändern, sei normal. Nur so könne man «die entsprechenden kriminellen Strukturen dem notwendigen Ermittlungsdruck aussetzen». So werde selbstverständlich auch der Handel mit Betäubungsmitteln wieder in den Fokus rücken, was sich dann auch in den Statistiken niederschlagen dürfte. Wann welche Schwerpunkte gesetzt würden, kommentiere man grundsätzlich aber nicht öffentlich.

Drogen-Mekka Olten?

Ein weiterer bemerkenswerter Punkt in der Statistik: die grossen Unterschiede zwischen den drei Städten im Kanton. Mit Abstand am meisten Straftaten wurden in Olten registriert, gefolgt von Solothurn. Grenchen ist abgeschlagen auf dem letzten (oder, je nach Betrachtungsweise, ersten) Platz. Wie erklären sich diese Unterschiede?

«Olten ist ein zentraler Knotenpunkt, der von diversen Städten aus schnell erreicht werden kann. Dies begünstigt den Handel mit Betäubungsmitteln», so Bartenschlager. Konsumenten illegaler Drogen auf der anderen Seite würden sich sowohl in Olten als auch in Solothurn vermehrt finden. Dies aufgrund der Zentrumsfunktion der beiden Städte und dem damit einhergehenden grossen Ausgangs-Angebot. Die Ausgehkultur in Grenchen hingegen sei viel kleiner, dies zeige sich auch in der Statistik.

Ein anderer Erklärungsansatz: Die Perspektive betreibt in Solothurn seit Jahren ambulante Suchthilfe. In Räumlichkeiten in der Vorstadt können süchtige Personen in geschütztem Umfeld ihre Drogen konsumieren. Dies, um die Schäden zu minimieren. Diese Einrichtung habe wohl einige Personen aus Grenchen nach Solothurn gezogen, vermutet Stoop. Und illegale Betäubungsmittel würden da angeboten, wo sich Abnehmer finden lassen.

Entsprechend hoch seien die Straftaten in diesem Gebiet. Einen Konsumraum gibt es auch in Olten, allerdings erst seit Herbst 2017. Ob und wie sich dieser auf die Anzahl Straftaten auswirken wird, wird man in den nächsten Jahren beobachten können.

Ein Fall für die Stadtpolizei

Und ein dritter Ansatz: Die Kontrollen in der Stadt Solothurn erfolgen durch die Stadtpolizei. Nur in schweren Fällen wird die Kapo hinzugezogen. Kontrolliert die Stapo zu wenig? «Im Gegenteil», erklärt Kommandant Peter Fedeli. In letzter Zeit habe man vermehrt Kontrollen durchgeführt. In der abschreckenden Wirkung dieser und der guten Zusammenarbeit mit der Perspektive vermutet er Ursachen für die geringen Zahlen.

Statistiken lügen bekanntlich nie. Doch was sie aussagen, bestimmen Kontext und Interpretation. Dies gilt insbesondere für die Betäubungsmitteldelikte im Kanton.