Sie ist jung, attraktiv, trägt ein blaues Kopftuch, passend zu ihrer Kleidung – und rezitiert auf Arabisch aus dem Koran. Die Sure, die sie vorsingt, spricht von der Verehrung Allahs und dass die Menschen in Frieden und Güte mit ihren Mitmenschen, Nachbarn und Eltern zusammenleben sollen. Eine Botschaft, die ihr am Herzen liegt. «Der Terror des IS zerstört den Ruf des Islam und führt dazu, dass der Islam in der Öffentlichkeit mit Gewalt in Verbindung gebracht wird.» Mit Gewalt gegen Andersdenkende, aber auch mit Gewalt gegen Frauen. Die 19-jährige Sanober Khan hat letztes Jahr die Matura in Bern abgeschlossen und macht nun eine Ausbildung zur Pflegefachfrau HF.

Die schrecklichen Bilder über Gewaltakte haben bei ihr den Wunsch noch weiter vertieft, die Öffentlichkeit über «die wahre Bedeutung des Islam» aufzuklären. Sie steht mit diesem Wunsch nicht alleine da. Vier junge Frauen, ursprünglich Pakistanerinnen, die in der Schweiz aufgewachsen sind, haben diese Woche in Solothurn eine Dialog-Veranstaltung organisiert – unter dem Titel «Islam und Gewalt». Sie gehören der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft an, verstehen sich aber in vieler Hinsicht als Vertreterinnen der Muslime generell. So sagte etwa Maryam Syed, 28 Jahre alt und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Biochemie an der Uni Fribourg: «Die grosse Mehrheit der Muslime sind friedliebend und gebrauchen im Alltag ihre Vernunft.»

Respekt vor anderen Religionen

«Die Tatsache, dass der Islam immer wieder beschuldigt wird, erhöht unsere Motivation, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen», sagt Maria Farooq in lupenreinem Berndeutsch. Sie ist innerhalb der Frauenorganisation der Gemeinde zuständig für den interreligiösen Dialog in mehreren Kantonen. «Wir wollen informieren, Vorurteile abbauen und das Verständnis für den Islam fördern».

Im November ist in Solothurn eine weitere Diskussionsrunde geplant, in der es um die Integration der Muslime in die nicht-muslimische Gesellschaft geht. Im Sitzungszimmer im «Adler» liegen Koran-Exemplare und auch Broschüren auf, welche die Botschaft der Ahmadiyya-Gemeinschaft unterstreichen. «Islam: eine Religion des Friedens und der Barmherzigkeit» oder: «Ein königliches Geschenk: Respekt vor Religionen in unserer Zeit». Nach der Einstimmung mit einer Sure aus dem Koran erörtert Mahera Butt mittels Power-Point-Präsenation die Grundzüge des Islam, immer auf die Friedensbotschaft fokussiert. «Islam bedeutet Frieden», sagt die Kauffrau, die soeben ihre Lehre abgeschlossen hat, «Frieden mit Gott und den Mitmenschen».

Die Ahmadiyya-Muslime, die Ende des 19. Jahrhunderts, so Mahera Butt, «den ursprünglichen Islam wiederbelebt haben», fühlen sich den muslimischen Prinzipien besonders verbunden. Dazu gehöre die Ablehnung von Gewalt in Glaubensfragen genau so wie die Stärkung der Frauenrechte. Die Gemeinde habe zudem weltweit mehrere humanitäre Projekte lanciert.

Gebildete Frauen

Gleich zu Beginn ihres Referats zum Thema «Islam und Gewalt» stellte die 28-jährige Maria Farooq klar, dass der «Jihad» im Sinne eines «Heiligen Krieges» gegen Ungläubige keine islamische Lehre sei. Der Begriff spiele in erster Linie auf den Kampf gegen die eigenen Schwächen an. Einen wesentlichen Grund für den islamistischen Terror ortet sie bei «Möchte-Gern-Gelehrten» und «fehlgeleiteten Führern». «Sie missbrauchen ihre Machtposition und ihr Geld, um das einfache Volk zu manipulieren», sagt die biomedizinische Analytikerin HF und Mutter einer Tochter.

Die vier Frauen treten selbstbewusst auf. Das Kopftuch, das sie tragen, verstehen sie nicht als Zeichen ihrer Unterwerfung – sondern als ein «Zeichen der Liebe zu Gott und zum Ehemann». Ein Foto von sich in der Zeitung lehnen sie ab, «aus persönlichen Gründen». Als ihre (religiöse) Pflicht betrachten sie den Erwerb einer guten Bildung.

Maryam Syed zitiert den zweiten Kalifen der Ahmadiyya-Bewegung, der bereits in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gesagt haben soll: «Ich glaube, dass eine Nation nur Fortschritte machen kann, wenn alle Frauen eine gute Bildung erhalten.» Zum Recht auf Bildung gehört auch das Recht auf Erwerbsarbeit. Und, wie Maria Farooq betont: «Frauen können auch hohe staatliche Positionen anstreben.»