Mit grossem Ernst malt der junge Iraker arabische Buchstaben auf ein Blatt Papier, den kleinen Teil einer Sure. Er nimmt sich Zeit dafür, man spürt den Respekt vor dem Koran, dem Heiligen Buch der Muslime. In bildlicher Sprache handelt die Sure von der Pflicht der Gläubigen, die Güte Gottes und seiner Botschaft zu verbreiten. Diese sei vergleichbar mit der Schönheit eines Baumes, der seine Kraft aus dem fruchtbaren Boden zieht und dessen mächtige Krone weitherum sichtbar ist, sagt Asmar* – und unterstreicht seine Erläuterungen mit einer eindringlichen Gestik.

Die gemalten Worte haben für den jungen Mann eine zentrale Bedeutung. Er selbst versteht sich als eine Art Botschafter für den Islam, als jemand, der von der «Schönheit» Gottes spricht. Das Arabische sei eine vollendete Sprache, sagt Asmar, der kürzlich 21 Jahre alt geworden ist. Den Sinn des Korans könne aber nur verstehen, wer den Zusammenhang berücksichtigt. Lasse man nur einige Worte weg, werde die Botschaft entstellt. Asmar will zeigen, wie der Islam «wirklich ist». Eine Religion nämlich, die zum Frieden unter den Menschen verschiedener Kulturen und Religionen beitragen möchte – und nicht mit Krieg, Terror und Unterdrückung gleichgesetzt werden darf. Aus diesem Grund hat er sich selbst bei dieser Zeitung gemeldet, vermittelt durch seine Deutschlehrerin.

Sein Leben war dabei über lange Zeit geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen immer auch religiöse Spannungen zwischen einzelnen Richtungen des Islam eine Rolle gespielt haben. 2006 war er mit seinen Eltern und Geschwistern vor dem Irakkrieg nach Syrien geflüchtet. Nach dem Ausbruch der Syrienkrise fanden seine Mutter und seine drei Schwestern bald einmal Zuflucht in der Schweiz, in der Region von Solothurn.

Asmar selbst verbrachte in Syrien einige Zeit im Gefängnis. Als Sunnit wurde er vom alewitisch geprägten syrischen Regime unterdrückt. Vor zwei Jahren kam er dann im Rahmen eines UNO-Programms in die Schweiz, hier hat er den Status eines anerkannten Flüchtlings. Sein Vater und sein Bruder befinden sich immer noch im Nahen Osten. Vollständig verschont von religiösen Konflikten blieb Asmar aber auch in der Schweiz nicht. Er bekam von Mitgliedern des Islamischen Staates Anrufe aus dem Irak, die ihn als Verräter beschimpften. Das ist auch der wesentliche Grund dafür, weshalb der junge Mann zurückhaltend damit ist, seinen Namen und sein Bild öffentlich zu publizieren.

Solche Erfahrungen haben dazu geführt, dass Asmar sich für religiöse Toleranz engagiert, sowohl unter den islamischen Bekenntnissen wie auch zwischen dem Islam und anderen Religionen. «Kein Mensch darf sagen, er hat die Wahrheit», kritisiert er jede Form von religiösem Exklusivitätsanspruch. «Es ist Gott, der darüber entscheiden wird.» Der Koran anerkenne die Tatsache, dass es eine Vielzahl von religiösen Anschauungen gebe. Und die Gläubigen würden aufgefordert, die verschiedenen Bekenntnisse zu respektieren. In einer Sure heisse es sogar explizit: «Du sollst Juden und Christen respektieren». Selbst familiäre Beziehungen über die religiösen Grenzen hinweg seien in Übereinstimmung mit dem Koran, betont Asmar.

Diese vom Koran geforderte Toleranz schliesse es dann auch zwangsläufig aus, andere Menschen zu töten, nur weil sie eine andere religiöse Überzeugung haben. «Es ist gemäss dem Koran eine Sünde, am Morgen mit dem Gedanken aufzustehen, jemanden zu töten.» Und zwar ganz egal, welche Gründe jemand dafür haben mag. Selbst wenn Muslime etwa in ihrem eigenen Hoheitsgebiet angegriffen würden, sei dies kein Freipass, ihre Gegner zu töten. Auch in einem solchen Fall müsse man zuerst andere Wege suchen, um zu seinem Recht zu kommen.

In den Moscheen braucht es eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam – fordert der junge Iraker.

In den Moscheen braucht es eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam – fordert der junge Iraker.

In einem klaren Widerspruch zum Koran aber stehe es, etwa mittels Kriegen oder terroristischen Anschlägen ins Hoheitsgebiet anderer Staaten einzugreifen. Das Gegenteil sei vielmehr der Fall: «Muslime müssen das Land verteidigen, in dem sie wohnen und von dem sie profitieren». Auf alle Fälle aber gehöre es zu den Pflichten der Muslime, die Gesetze des Staats, in dem sie wohnen, zu respektieren. Er sagt ganz konkret: «Wenn ich in der Schweiz lebe und es mir hier gut geht, dann muss ich das Land verteidigen.» Das ist auch eine aktive Aufforderung zur Integration.

Asmar appelliert mit seiner Botschaft sowohl an die Muslime als auch an die nicht-muslimische Öffentlichkeit. Viele Menschen bilden sich ihr Urteil aufgrund negativer Schlagzeilen, statt sich selbst mit dem Islam und dem Koran auseinanderzusetzen, kritisiert der junge Iraker. Andererseits beanstandet er auch die Haltung etlicher Muslime, selbst in der Schweiz. Tradition und Prestige seien oft die Hauptmotivation für die Zugehörigkeit zu einer Moschee. Asmar vermisst eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam. Dies führe dazu, dass der IS bei manchen Muslimen allein aufgrund seiner Erfolge im Nahen Osten auf gewisse Sympathien stosse. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in diesem Raum würden andererseits aber gewisse ethnisch bedingte Spannungen zwischen den Muslimen in der Schweiz verstärken.

Für eine vertiefte Kenntnis des Islam brauche es eine gute religiöse Bildung, meint Asmar. Diese aber erfordere eine möglichst unabhängige Ausbildung der Imame, der religiösen Lehrer der Muslime. Unabhängig nämlich von staatlichen Interessen oder von bestimmten religiösen Ideologien. Bis eine solche Ausbildung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft aber über die nötige Autorität verfügt, werde wohl noch einige Zeit vergehen. Wenn eine solche überhaupt je realisiert werden könne.

*Name von der Redaktion geändert