Erbschaften
Inventurbeamter Büttiker: «Wenn man beim Abgang patzt, bringt die ganze Übung nichts»

Es-Ständerat Rolf Büttiker nahm während seiner Tätigkeit als Inventurbeamter 740 Inventare von Verstorbenen auf. Er erklärt, warum heute mehr Leute «im Grab verlumpen», als dies vor dreissig Jahren der Fall war.

Philipp Felber
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Alt Ständeratspräsident Rolf Büttiker während des Gesprächs über seine Tätigkeit als Inventurbeamter.

Alt Ständeratspräsident Rolf Büttiker während des Gesprächs über seine Tätigkeit als Inventurbeamter.

Oltner Tagblatt

Seit nunmehr dreissig Jahren ist alt Ständeratspräsident Rolf Büttiker im Dienste seiner Wohngemeinde Wolfwil unterwegs als Inventurbeamter. Auf Ende dieser Legislatur wird er sein Amt niederlegen. Ein Amt notabene, das ihm gefallen habe, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung sagt.

Auch wenn die meisten Menschen erst im Trauerfall gewahr werden, was denn ein Inventurbeamter genau zu leisten hat.

Ja, was macht denn überhaupt ein Inventurbeamter? «Nach jedem Todesfall muss, wenn der Verstorbene Vermögen hinterlassen hat, ein Inventar aufgenommen werden.» So steht es im solothurnischen Gesetz über die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches.

Diese Aufgabe kam in der Anfangszeit Büttikers als Inventurbeamter noch automatisch dem Gemeindeammann zu. So übernahm 1985 also auch Rolf Büttiker dieses Amt. «Es ist ein Vertrauensamt, dies war es auch damals schon. Und jemandem, der die Leute nicht kennt, hätte man das Amt nicht übergeben können», ist Büttiker überzeugt.

Ein Inventurbeamter müsse das Vertrauen der Erben haben, diskret sein, sich im Erbrecht auskennen und gute Menschenkenntnisse haben. «Ich bin aber auch eine Auskunftsperson für die Hinterbliebenen.»

Als Büttiker 2001 sein Amt als Gemeindepräsident niederlegte, gab es diese Personalunion bereits nicht mehr. Der damalige Gemeindepräsident Christian Kühni habe ihn gefragt, ob er nicht weiter als Inventurbeamter unterwegs sein wollte, und so habe er dann zugesagt.

Doch wie ging dieses Amt überhaupt mit seinen diversen anderen Tätigkeiten, etwa als Ständerat, einher? «Es ist eine typische Samstagmorgen-Büez», sagt Büttiker. 95 Prozent der Inventare habe er am Samstag erstellt. Dies vor allem aus praktischen Gründen. Meist hätten die Angehörigen dann auch die nötige Zeit. Hinzu komme, dass die Inventuraufnahme für die Angehörigen der Verstorbenen nicht bezahlt wird, das heisst kein Frei-Tag zur Verfügung steht.

740 Inventare habe Büttiker in den dreissig Jahren seiner Tätigkeit bis heute aufgenommen, eine zeitintensive Samstagmorgen-Büez also. Wobei das Erfassen des Inventars nicht immer gleich lange dauere und unterschiedlich kompliziert sei. «Am einfachsten ist dabei, wenn jemand nur Geld hinterlässt», erklärt Büttiker.

Komplizierter wird es bei Haus und Land oder falls der oder die Verstorbene ein Geschäft hinterlassen hat. Der komplizierteste Fall ist laut Büttiker, wenn ein Geschäftsinhaber mit 60 stirbt und der Erbe um die 30 ist, den elterlichen Betrieb übernimmt, aber finanziell noch gar nicht in der Lage ist, seine Geschwister auszubezahlen.

Bei gewissen Fällen ziehe Büttiker auch einen Experten bei. So zum Beispiel jemanden vom Bauernverband, wenn der oder die Verstorbene einen Bauernhof hinterlässt. Da sei es schwierig, zu schätzen, wie viel Wert ein Betrieb habe.

Büttiker sagt dann auch, dass es schon immer Erbstreitigkeiten gegeben habe. Wobei er nur wenige selbst erlebt habe. Vor allem auch, weil die Inventuraufnahme natürlich noch nicht die Erbteilung an sich sei und die Streitigkeiten vor allem dort ausgetragen werden.

Trotzdem plädiert Rolf Büttiker dafür, dass man sein Erbe noch früh genug regeln soll. «Ich sage jeweils etwas provokativ, dass es wie bei einer Turnübung ist: Wenn man beim Abgang patzt, bringt die ganze Übung nichts.» Darum sei es wichtig, dass man seine Hinterlassenschaft im Voraus regelt. Dies werde von den Erben auch meist akzeptiert.

Natürlich muss dieser letzte Wille auch mit dem Gesetz konform sein. Dies werde immer häufiger gemacht, «auch darum gibt es, von mir aus gesehen, weniger Streitigkeiten, wenn es ums Erben geht.»

Keine Streitigkeiten seien heutzutage bei Möbeln oder Gegenständen zu erwarten. Diese sind auch nicht mehr Teil des Inventars. «Sie würden ja auch nicht mehr die Hemden Ihres Vaters anziehen», erklärt Büttiker den Umstand, dass solche Gegenstände kaum mehr einen Geldwert hätten und darum zu Recht nicht mehr ins Inventar aufgenommen werden.

Da lohne es sich, wenn die Erben sich einmal treffen und die Gegenstände unkompliziert untereinander aufteilen. Darum müssen heutzutage auch weniger Wohnungen gesiegelt werden, weil kaum mehr Streit um eine Kleinigkeit entflammt, die kurzerhand entwendet werden kann.

«Im Grab verlumpt»

Eine gravierende Veränderung, die Rolf Büttiker in seiner Tätigkeit als Inventurbeamter in den letzten Jahren auffiel, ist die Häufung von ausgeschlagenen Erbschaften nach einem Todesfall. Dabei nehmen die Erben, falls überhaupt welche da sind, das Erbe nicht an, weil es mit Schulden behaftet ist. «Früher hat man gesagt: Der ist im Grab verlumpt», sagt Büttiker. Dies sei früher weniger vorgekommen, weil die Hinterbliebenen eher bereit waren, für die Schulden selbst zu bezahlen. Falls der oder die Verstorbene ein Vermögen von mehr als 40000 Franken hat, wird ein Inventar der Wertgegenstände (Geld, Immobilien, Firmenwert, aber keine Gegenstände wie Möbel) aufgenommen. Ist dies nicht der Fall, das heisst weniger Vermögen als 40000 Franken vorhanden, wird eine Vermögenslosigkeitserklärung unterzeichnet. Dies hat damit zu tun, dass man davon ausgehen muss, dass die 40000 Franken reichen, um alle Kosten zu decken. «Es bringt ja nichts, wenn man die Erbschaft teilt, nur um dann die Begräbniskosten wiederum aufzuteilen», erklärt Büttiker. Den Grund für die Zunahme von ausgeschlagenen Erbschaften, aber auch von Todesfällen, in denen eine Vermögenslosigkeitserklärung zum Zuge kommt, sieht Rolf Büttiker im
Anstieg der Pflegekosten. Ein langer Aufenthalt in einem Alters- oder Pflegeheim fresse einen grossen Teil des Erbes auf. (phf)

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