Einblick
Integratives Modell an Solothurner Schulen: Gute Idee — bei der Umsetzung hapert es

Seit mehr als zehn Jahren wird an den Schulen des Kantons mit dem integrativen Modell gearbeitet. Lehrbeauftragte geben einen Einblick.

Denise Donatsch
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Das integrative Schulmodell sorgt in Schulen für gemischte Gefühle. (Symbolbild)

Das integrative Schulmodell sorgt in Schulen für gemischte Gefühle. (Symbolbild)

Solothurner Zeitung

Was seit 2007 sukzessive eingeführt wurde, ist mittlerweile in jeder Solothurner Schule angekommen und sorgt dort für gemischte Gefühle: das integrative Schulmodell. Dabei ist der Grundgedanke hinter dem Modell ein durch und durch guter – jedes Kind soll dort in die Schule gehen können, wo es wohnt, gemeinsam mit den Nachbarskindern.

Im Gegensatz zu früher werden also etwa Kinder mit einer Verhaltensauffälligkeit oder Lernschwierigkeit an der Regelschule unterrichtet – gemeinsam mit allen anderen Kindern und nicht in Sonderschulen, wie es sie vor dem integrativen Modell gab. Damit dies gelingen kann, unterstützt und berät eine heilpädagogische Fachkraft die Lehrperson bezüglich der speziellen Förderung der Kinder.

In einzelnen Solothurner Gemeinden wurde das integrative Modell zuerst als Pilotprojekt auf seine Umsetzbarkeit geprüft und schliesslich fest etabliert. Zwar sagten Stimmen aus Politik und Bildung schon vor Jahren, dass man noch nicht vollumfänglich zufrieden sei, dass Reformen jedoch Zeit bräuchten, um korrekt umgesetzt zu werden. Ob dies nun möglich ist oder nicht, darüber berichten drei Solothurner Lehrbeauftragte.

Profitieren wirklich alle? «Reines Wunschdenken»

«Einerseits bin ich eine grosse Befürworterin dieses Unterrichtsmodells, da ich viele Vorteile darin sehe, wenn alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden», erklärt die 30-jährige Corina Bolliger aus Olten, die an zwei Schulen als Förderlehrperson wirkt. Die Kinder würden ihrer Ansicht nach viel voneinander lernen, insbesondere bezüglich der sozialen Kompetenzen.

Andererseits verlange diese Aufgabe extrem viel Flexibilität, ergänzt die junge Frau, da die finanziellen und zeitlichen Ressourcen nie und nimmer ausreichen würden. Gäbe es davon aber genügend, so ihre Überzeugung, dann würden alle von diesem Unterrichtsmodell profitieren – leider sei das aber reines Wunschdenken. Nicht selten würden daher die Lehrpersonen vom Gefühl beschlichen, keinem der Kinder mehr gerecht zu werden.

Aus ähnlichen Gründen steht Fabienne Gonseth dem integrativen Modell kritisch gegenüber. «Dank stetiger Binnendifferenzierung funktioniert vieles im Klassenzimmer», so die 37-jährige Solothurnerin. Wolle eine Lehrperson den einzelnen Kindern gerecht werden, reiche blosses Funktionieren aber nicht, bemerkt die erfahrene Primarlehrerin, welche an einer gemischten Klasse unterrichtet. Man müsse bedenken, so Gonseth, dass bereits ohne die integrierten Kinder die Vielfalt enorm gross sei.

Ebenfalls stelle das hohe Mass an Heterogenität in der Klasse die Kinder teils vor eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Aber noch etwas anderes bereite ihr Sorgen: «Viele der integrierten Kinder spüren, dass sie andere Bedürfnisse haben.» Auch Kinder mit speziellen Bedürfnissen würden sich mit anderen vergleichen – oft bleibe dabei die Empfindung des Andersseins bestehen.

Intensive Beziehungsarbeit zum einzelnen Kind wäre Gonseths Ansicht nach hier nötig, die bleibe aber wegen all der anderen Verpflichtungen oftmals auf der Strecke. «Auf der Unterstufe gibt es Kinder, die eigentlich eine 1:1-Betreuung benötigen», fügt die Primarlehrerin hinzu und bemerkt, dass wenn sie immer zu dritt im Zimmer wären, die vielen Anforderungen eher zu meistern wären.

Das sagt der Kanton heute:

Für Remo Ankli, Vorsteher des Departements für Bildung und Kultur, ist es an der Zeit, eine Evaluation der Umsetzung der speziellen Förderung im 2021 anzugehen. Dabei soll aufgezeigt werden, wie diese umgesetzt werden kann und welche Anpassungen allenfalls vorgenommen werden sollten, unter anderem auch, was die Ressourcen betrifft. Konkreteres zum aktuellen Stand konnte beim Kanton noch nicht in Erfahrung gebracht werden. (ddo)

Nicht jedes Kind ist integrierbar

Eine weitere Perspektive eröffnet die Heilpädagogin Esther Dietrich-Niggli aus Starrkirch-Wil. Für sie steht und fällt das integrative Modell mit der Einstellung der Lehrpersonen. «Es ist wichtig, dass man dem integrativen Modell und der Mannigfaltigkeit unserer Gesellschaft gegenüber offen ist und dass die Schule wegkommt vom Leistungsgedanken», bemerkt die 66-Jährige, die wegen Fachkräftemangel trotz Ruhestand immer wieder in Schulen einspringt.

Die Heilpädagogin weist aber auch ganz klar darauf hin, dass die Volksschule begrenzt ist und dass aus ihrer Sicht nicht jedes Kind integrierbar ist. «Für die meisten integrierten Kinder ist diese Unterrichtsform goldrichtig, manche sind jedoch bereits wegen der Klassengrösse an Volksschulen überfordert.» Dietrich-Nigglis Hinweis darauf, dass solche Kinder auf kleinere Gruppen angewiesen wären, dies an Volksschulen aber aus Knappheitsgründen nicht umsetzbar sei, lässt durchschimmern, dass auch sie die dringend benötigten Ressourcen vermisst.

Für den Lehrerverband Solothurn (LSO) ist diese Problematik nichts Neues. Schon seit längerem beschäftigt sich der Verband mit der Problematik der zu grossen Klassen und will nun bald damit an die Öffentlichkeit gehen. Für Mathias Stricker, Präsident des LSO, steht fest, dass in Kindergärten und Primarschulen zwanzig Kinder pro Klasse das absolute Maximum sein müssen, ansonsten könne man den Kindern nicht gerecht werden. Auf der Sekundarstufe sei die Klassengrösse insbesondere an der Sek B tief zu halten. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Forderung umgesetzt werden kann.

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