Seit September steht der Oltner Stefan Nünlist an der Spitze der Solothurner FDP. Er hat das Ruder in einer schwierigen Zeit übernommen, das Wahljahr lief für die Freisinnigen mehr als durchzogen: Nach wie vor sind mehr als die Hälfte der Gemeindepräsidien in freisinniger Hand, man stellt auch nach wie vor die grösste Kantonsratsfraktion, aber der Verlust des zweiten Regierungssitzes war eine Katastrophe.

Dass die Kandidatur von Marianne Meister mit gewissen Risiken behaftet war, das musste nach dem bescheidenen Abschneiden in den Ständeratswahlen 2015 eigentlich allen klar sein. Dass es tatsächlich einer Grünen gelingen würde, an der freisinnigen Kandidatin vorbei ins Rathaus zu ziehen, das hatte hingegen niemand erwartet.

Die Partei müsse lernen, lebensnaher zu politisieren und ein urbanes Milieu anzusprechen, sie müsse die Herzen der Jungen erobern, interne Auseinandersetzungen überwinden und er wolle die Personalpolitik im Hinblick auf kommende Wahlen prioritär angehen, sagte der neue Präsident anlässlich seiner Wahl.

Wer nun erwartet hatte, dass Nünlist am «Parteiabend» (keine Delegiertenversammlung, kein Parteitag, einfach ein «freisinniger Parteiabend») am Mittwoch in Aetigkofen einen Masterplan präsentieren würde, wie die hehren Vorsätze in konkreten Massnahmen umgesetzt werden sollen, hatte sich getäuscht. Heute wolle man «einfach mal zusammensitzen», sich inspirieren und motivieren lassen und dann bei einem Fondue ungezwungen weiter politisieren, sagte Nünlist. «Mehr miteinander statt übereinander reden» lautet einer seiner Leitsätze.

«Digitalisierungs-Tsunami»

Nun lässt sich darüber streiten, ob es für den Solothurner Freisinn nicht Drängenderes gäbe als die Pflege der Geselligkeit beim Fondueplausch. Aber die Idee wurde von den Parteigängern unbestrittenermassen positiv aufgenommen, jedenfalls waren alle Plätze in der Holzscheune des Ischhofs besetzt. Auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann fand die Musse, bis zum Fondue zu bleiben.

Ihm war die Rolle zugeschrieben, als Stargast des Abends für die Motivation zu sorgen. Das gelang ihm auch bestens. Sei es, indem er Beharrlichkeit vorexerzierte und ankündigte, erneut mit einem 220-Millionen-Begehren für seine Digitalisierungsstrategie in den Bundesrat zu gehen («es braucht jetzt enorme Weiterbildungsanstrengungen, damit wir als stabile Gesellschaft durch diesen Digitalisierungs-Tsunami kommen»). Oder sei es, dass er das Publikum mit Anekdoten über sein Treffen mit Präsidenten-Tochter und -Beraterin Ivanka Trump unterhielt («es sollte eine Begegnung auf Augenhöhe werden, aber sie trug 12 Zentimeter hohe Highheels»).

Solothurn schwächelt

Die Inspiration für weiterführende Diskussionen in den folgenden Tischgesprächen hatten zuvor der stellvertretende Handelskammer-Direktor Christian Hunziker und Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger geliefert. Wobei: Das «Zahlenpotpourri», wie er es nannte, das Hunziker präsentierte, könnte auf manchen, insbesondere freisinnigen Politiker auch wenig inspirierend wirken. Im langjährigen Vergleich hinkt der Kanton Solothurn der gesamtschweizerischen Entwicklung des Bruttoinlandprodukts hinterher, das Beschäftigungswachstum ist zur Hauptsache dem Gesundheitswesen und der öffentlichen Verwaltung und kaum dem privaten Sektor zuzuschreiben.

Und: Geärgert habe ihn die «Verteufelung» der Logistikbranche in der letzten Kantonsratsdebatte, so Hunziker. Neben der Medizinaltechnik sei es nämlich vor allem der Wirtschaftsbereich Verkehr und Logistik, der im Kanton Solothurn ein ansprechendes Wachstum ausweise. Motiviert und in ihrem politischen Credo bestätigt dürften sich die Parteigänger dafür von Hunzikers Fazit gefühlt haben, wie den doch eher ernüchternden Zahlen zu begegnen sei: Auf eine gute Bildung als beste Sozialpolitik setzen, hohes Gewicht auf eine starke Infrastruktur mit guten Verkehrsverbindungen und Angeboten der familienergänzenden Betreuung legen, die Steuervorlage 17 «mutig» (das heisst mit möglichst tiefen Gewinnsteuern) umsetzen.

Kantonsrat Kuno Tschumi mag vielleicht in einem Punkt nicht ganz einverstanden gewesen sein: Die Diskussion um die Leinenpflicht sei nun wirklich kein zentrales Thema, meinte der stellvertretende Direktor der Handelskammer unter dem Punkt effizienter, effektiver Staat.

Ökonom Mathias Binswanger beglückte die Gesellschaft mit Erkenntnissen der Glücksforschung. Unter anderem dieser: Die Leute sind umso zufriedener, je weniger Stress sie ausgesetzt sind. Und wesentliche Stressfaktoren sind ein langer Arbeitsweg, lange Arbeitszeiten und wenig Schlaf. Das heisst für Politiker: Setzen sie sich für eine räumliche und zeitliche Flexibilisierung der Arbeit ein, leisten sie damit einen Beitrag zu mehr Lebenszufriedenheit.