Thomas Stöckli, gibt es im Spital zuviel Infektionen?

Thomas Stöckli: Jede Infektion, die im Spital entsteht, ist eine zuviel. Das muss man einfach so sagen. Das Ziel muss sein, die Infekte auf Null zu reduzieren. Doch das wird nie möglich sein. Es wird immer ein Restrisiko geben. Es ist vergleichbar mit den Verkehrsunfällen. Diese konnte man durch gezielte Massnahmen reduzieren. Unfälle wird es aber immer geben.

In einer Studie wurde festgestellt, dass es im Bürgerspital nach Hüftgelenk-Operationen zu überdurchschnittlich vielen Infektionen kam. Was tun sie dagegen?

Wir haben Massnahmen eingeführt. So wurde die Antibiotika-Prophylaxe bei den Hüft-Transplantationen dem Körpergewicht der Patienten angepasst. Viele Patienten mit Hüft-Problemen sind übergewichtig. Entsprechend mussten wir die Antibiotika-Prophylaxe höher dosieren. Seit der Messung 2012 haben wir noch keine neuen Zahlen erhalten. Doch wir haben den Eindruck, dass die Situation besser geworden ist.

70 000 Menschen stecken sich in der Schweiz in Spitälern an, 2000 sterben daran. Wie sieht es diesbezüglich im Bürgerspital aus?

Wir machen mit bei der Infekterfassungsstudie von Swiss-Noso. Da werden bestimmte Operationen überwacht im Bezug auf Infektionen, die nach der Operation entstehen könnten. Dazu gehören orthopädische Operationen wie Hüftgelenks-Implantationen, Operationen am Dickdarm und am Enddarm sowie Gallenblasen-Operationen. Ein separates Monitoring machen wir nicht.

Sie wissen nicht, wie sich die
Infekte weiterentwickeln?

Wollte man jede Infektion nach sämt-
lichen Eingriffen erfassen und verfolgen, müsste man einen grossen Effort betreiben. Das macht kein Spital. Zunächst ist es gar nicht so einfach zu definieren, welche Infektion effektiv mit einem bestimmten Eingriff zusammenhängt. Zudem müsste man den Verlauf kennen und mit dem Patienten und seinem Hausarzt in Kontakt sein. Da macht es mehr Sinn, einzelne Stichproben zu machen und generell mehr Ressourcen in die Infektprävention zu investieren.

Was unternehmen sie konkret, um die Infektionsrate zu dämpfen?

Es ist ein Paket von Massnahmen, die wichtig sind. Ein gutes Instrument ist die Swiss-Noso-Studie. Mit den chirurgischen Chefärzten werden die Abläufe regelmässig kritisch angeschaut, um Schwachstellen auszumerzen. Ein anderes Element ist die Händehygiene. Es wurde festgestellt, dass die Desinfektion der Hände bei Spitalangestellten einen wichtigen Beitrag leisten kann, um nosokomiale Infektionen, das heisst Krankenhausinfektionen, zu senken.

Reicht es, wenn sich die Pflegenden die Hände desinfizieren?

Seit fünf Jahren hat das Spitalpersonal ein Fläschchen mit einer Alkohollösung im Kittel. Damit können vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände desinfiziert werden. Zusätzlich stehen in allen Patientenzimmern Spender mit alkoholischer Lösung. Wir machen auf den Bettenstationen regelmässig Stichproben, um die Anwendung zu überprüfen und zu kontrollieren, wie viele Mitarbeiter sich an die Vorgaben halten.

Sie schauen den Mitarbeitern über die Schultern?

Ja, jemand steht zum Beispiel diskret an einem Ort, schaut den Mitarbeitern über die Schultern, beobachtet und notiert. Die Daten werden erfasst und den Mitarbeitern mitgeteilt. Wir installieren nun ein elektronisches Tool, um die Daten zu erfassen, grafisch darzustellen und die Resultate den Mitarbeitern mitzuteilen.

Was werden sonst für Massnahmen getroffen?

Wir achten darauf, dass bei allen medizinischen Interventionen die hygienischen Massnahmen gemäss Richtlinien eingehalten werden. So ist etwa die Insertion eines Katheters immer mit einem gewissen Infektionsrisiko verbunden. Das medizinische Personal wird deshalb laufend geschult. Auch die Grippe-Impfung ist ein Element des Gesamtpaketes.

Die Grippe-Impfung ist umstritten. Wer lässt sich impfen?

Gesamthaft gesehen inklusive der Psychiatrie liegt die Rate bei den Ärzten bei rund 40 Prozent, beim Pflegepersonal sind es 17 Prozent. Da sind wir im Schweizer Durchschnitt.

Wie ist es mit der Verschreibung von Antibiotika?

Antibiotika müssen gezielt eingesetzt werden, weil sich sonst resistente Bakterien entwickeln können. Auf der einen Seite müssen die Patienten optimal damit behandelt werden. Auf der anderen Seite muss die Resistenzentwicklung niedrig gehalten werden.

Wird zuviel Antibiotika verschrieben?

Auf jeden Fall, sei es in den Spitälern oder in den Arztpraxen. International gesehen steht die Schweiz aber nicht so schlecht da. Ein anderes Thema ist der Einsatz von Antibiotika bei der Tiermast in der Landwirtschaft. Wenn zuviel Antibiotika verschrieben werden, können die Bakterien durch Mutationen mit der Zeit unempfindlich werden auf bestimmte Antibiotika. Wenn das ein gewisses Mass überschreitet, können Infektionen nicht mehr mit den gängigen Antibiotika behandelt werden. Das kann bei Patienten mit Infektionen zu Problemen führen. Der übertriebene Antibiotika-Einsatz ist ein weltweites Problem. Auch hier steht die Schweiz aber noch eher gut da. In südeuropäischen Ländern gibt es Bakterien, gegen die schlicht keine Antibiotika mehr wirken. Das ist fatal.

Haben die Massnahmen am Bürgerspital Erfolg gebracht?

Das Teaching ist schwer zu messen. Harte Zahlen kann ich dazu keine vorweisen. Bezüglich Händehygiene: Das wird monitorisiert. Wir merken, dass wir da immer dranbleiben müssen. Bei den Erhebungen sind die Zahlen durchaus gut. Aber sobald man nachlässt, werden die Zahlen schlechter. Die Hygiene ist also eine dauernde Herausforderung.

Seit 2003 arbeitet Thomas Stöckli als Infektiologe am Bürgerspital Solothurn. Zusammen mit den Hygienefachfrauen Anneke Bischofberger und Gabriela Schlumpf ist er für die Infektionsprävention und die Spitalhygiene zuständig.