Flüchtlinge anstellen? Romy Geiser hat es immer wieder getan. Die 57-Jährige sitzt im Pausenraum der Derendinger Industrielackiererei Brönnimann und zeigt zum Fenster raus. Dort fährt gerade ein Mitarbeiter auf dem Stapler vorbei. «Eine Erfolgsgeschichte», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Industrielackiererei: Der Flüchtling, der den Stapler steuert, ist mit schlechten Deutschkenntnissen in die Firma gekommen. Inzwischen hat er den theoretischen Teil der Staplerprüfung mit 59 von 60 Punkten bestanden.

Romy Geiser kann zu jedem der Flüchtlinge im Betrieb eine Geschichte erzählen. Acht Geschichten sind es seit dem vergangenen Oktober geworden. So viele Flüchtlinge hat die Industrielackiererei inzwischen angestellt. Aus Eritrea, Afghanistan, dem Tibet oder der Türkei stammen diese. «Wir wollten einen Schichtbetrieb aufbauen und brauchten Leute», erklärt Geiser. Die Firma hatte Temporärmitarbeiter angestellt, die auf die lange Dauer teuer kamen; Fachkräfte zu finden, war schwierig. «In diesem Moment wurden wir angefragt, ob wir Praktikumsplätze für Flüchtlinge hätten», sagt Geiser. «Ich war sofort Feuer und Flamme.»

Bei der Wohnungssuche dabei

65 Mitarbeiter zählt die Firma, die sich im hochwertigen Segment angesiedelt hat und Nischen sucht, etwa in Produkten für die Pharmaindustrie. «Die Nähe und die Schnelligkeit sind unsere Vorteile.» Im Betrieb gibt es trotz Automation noch viel Handarbeit. «Man muss sehr exakt sein», sagt Geiser und ist damit schon bei der nächsten Geschichte. Sie erzählt von den beiden Tibetern, die sich sehr gut konzentrieren können und in der Pulverbeschichtung arbeiten.

Im Betrieb, in dem verschiedene Nationalitäten arbeiten, habe es keine Probleme gegeben, die Flüchtlinge zu integrieren, sagt Geiser. «Es hat gar eine Dynamik ausgelöst.» Denn nun müssen quasi alle Deutsch sprechen, auch die ausländischen Mitarbeiter, die sich zuvor mit ihren Kollegen in ihrer Muttersprache unterhalten haben.

Die Firma leistet inzwischen mehr Integrationsarbeit als nötig wäre. Geisers Mann und ihre Schwägerin geben nun Deutschkurse, die die Mitarbeitenden nach Feierabend gratis besuchen können. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeitspapieren, die in den üblichen Deutschkursen nicht vorkommen.

Romy Geiser geht auch schon mal mit, wenn es darum geht, Wohnungen anzuschauen. Viele Vermieter zögerten, weil sie den Status eines Flüchtlings nicht kennen, sagt Geiser.
Trotz der Zusatzleistung: Auch das Geschäft muss sich rechnen. Spitzenlöhne gebe es in ihrer Branche nicht. «Aber wir zahlen gerechte und branchenübliche Löhne.» Die beruflichen Qualifikationen sind sehr unterschiedlich. «Unsere Flüchtlinge sind ehrgeizig», sagt Geiser. Sie ist überzeugt, dass noch einige ihrer Flüchtlinge weitere Ausbildungen machen.

«Muss nicht überall funktionieren»

Oben im Büro arbeitet ein junger Afghane. Er macht die KV-Lehre. «Ihm fehlt das Zuhause», sagt Geiser. Er muss selbst kochen, das Leben organisieren. «Es gibt niemanden, der hinsitzt und mit ihm lernt. Das ist für uns ein Zusatzaufwand», sagt Geiser, fügt aber an: «Er will, das merkt man. Und das macht Spass. Und wir haben auch eine soziale Verantwortung.»

Der oft befürchtete Papierkram, so hat kürzlich eine Studie gezeigt, hindert Firmen daran, Flüchtlinge einzustellen. Der administrative Aufwand sei gut zu bewältigen, sagt Geiser. Kritik übt sie etwa daran, dass nicht lange genug Beiträge an Sprachkurse bezahlt werden. Und je nach Sozialdienst macht sie grosse Unterschiede aus, wie sich die Sozialarbeiter um die Flüchtlinge kümmern. «Die Gemeinde spielt eine grosse Rolle.»

«Mich faszinieren andere Kulturen», sagt Geiser. Ein halbes Jahr hat sie einst selbst in einer NGO in Sri Lanka gearbeitet. «Ich bin zu wenig Sozialtante, um das länger zu machen», sagt sie unverblümt. Romantisieren will Geiser auch das Einstellen von Flüchtlingen nicht. «Es ist eine betriebsspezifische Frage. Man kann es nicht verallgemeinern», erklärt sie. «Dass es anderswo nicht funktioniert, kann ich gut nachvollziehen.»

Draussen fährt der Mann mit dem Stapler durch. «Wir behalten ihn, wenn es geht», sagt Geiser. Ob der Mann in der Schweiz bleiben kann, weiss sie aber nicht. «Das ist das Risiko, das man hat. Aber man hat auch sonst eine Personalfluktuation.»