Frankenstärke

Industrie gefordert - «Viele KMU operieren nahe an der Nulllinie»

Josef Maushart, Patron der Bellacher Präzisionswerkzeugherstellerin Fraisa, erwartet nach dem Euroschock einen beschleunigten Strukturwandel in der Solothurner Industrie.

Josef Maushart, Patron der Bellacher Präzisionswerkzeugherstellerin Fraisa, erwartet nach dem Euroschock einen beschleunigten Strukturwandel in der Solothurner Industrie.

Josef Maushart, Unternehmer und Präsident des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung, sieht den Werkplatz Kanton Solothurn wegen der Währungskrise herausgefordert, aber nicht gefährdet.

Wie haben Sie den 15. Januar erlebt, als die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs gegenüber dem Euro aufhob?
Josef Maushart: Wir haben just zu diesem Zeitpunkt in der Geschäftsleitung das Budget der Fraisa-Gruppe für das Geschäftsjahr 2015/16 mit Beginn am 1. März diskutiert.

Haben Sie das Budget angepasst?

Ja. Das Umsatzziel haben wir aufgrund der neuen Währungssituation von 95 Millionen auf rund 82 Millionen Franken reduziert. Den Gewinn budgetieren wir nicht mehr mit 9 Millionen, sondern mit 6 Millionen Franken. Darin ist das Einsparpotenzial beim Einkauf der Rohmaterialien eingerechnet.

Ist der erwartete Rückgang mengen- oder preisbedingt?

Eindeutig preisbedingt, denn die Auftragslage ist nach wie vor gut. Unsere Preise für den Schweizer Markt werden wir um zehn Prozent senken, im Ausland sind die Preise genau im Umfang der Währungsveränderung gefallen, das heisst um rund 15 Prozent. Wir können im Ausland nur in den nationalen Währungen verkaufen.

Können sie die Preise nicht anheben, um den Währungsverlust auszugleichen?

Das ist unmöglich. Den Preis macht der Markt, wir stehen in einem scharfen Wettbewerb. Wir können die Preise nicht unabhängig von Angebot und Nachfrage frei festsetzen. Der Exportanteil liegt bei 77 Prozent, Hauptmärkte sind Deutschland, Schweiz, Frankreich, Italien und die USA.

Sie müssen bei den Kosten ansetzen. Wird es bei der Fraisa zu einem Stellenabbau kommen?

Wir sehen derzeit keine Veranlassung für kurzfristige Massnahmen. Wir verfolgen unsere mittelfristige Strategie weiter. Das heisst weiter automatisieren, rationalisieren und intensivieren der Produkt- und Fertigungsinnovationen. Aber das ist – unabhängig vom Wechselkurs – unser tägliches Brot. Die neue Situation wird diesen Prozess höchstens beschleunigen. Wir haben seit der letzten Krise im 2009 unsere Hausaufgaben gemacht. Es ist uns gelungen, einen Puffer aufzubauen, um bei einer nächsten Krise nicht sofort in die Verlustzone zu fallen.

Welche Auswirkungen erwarten Sie als Präsident des Solothurner Industrieverbandes für die hiesige Industrie?

Ich befürchte, dass viele KMU nahe an der Nulllinie oder darunter operieren. Aber auch nach dieser Währungskrise wird es einen starken Werkplatz Kanton Solothurn und Schweiz mit eigenen Produkten und einem Mehrwert «Swiss Made» geben. Wir sind mehrheitlich keine verlängerte Werkbank mehr. Schwierig wird die Lage für reine Zulieferer und für Firmen, bei denen die Entscheidkompetenz über die Produktion in der Schweiz im Ausland liegt. Deren Geschäftsführer müssen den ausländischen Mutterkonzernen erklären, warum trotz starkem Franken weiterhin hierzulande produziert werden soll. Etliche Firmen müssen rasch reagieren und Personalmassnahmen ergreifen. Der Strukturwandel ist am Laufen und wird jetzt in kritischer Weise beschleunigt.

Was heisst das konkret?

Die Mehrheit der kleinen und mittleren Firmen wird kämpfen und durchhalten, die grossen, global aufgestellten Unternehmen werden kaum gröbere Probleme haben. Aber in der Summe wird die Industrie nach der Krise weniger Personen als aktuell beschäftigen.

Wird die Arbeitslosigkeit steigen?

Ja. Die Betroffenen sind weder Ingenieure noch Polymechaniker, sondern eher schlechtqualifizierte Mitarbeitende. Gestrichen werden Tätigkeiten, die leicht zu automatisieren sind. Hier laufen wir Gefahr, dass die Sockelarbeitslosigkeit deutlich steigen wird. Deshalb braucht es eine unverminderte Ausbildungsoffensive für Erwachsene und wir müssen weiterhin für den beruflichen Nachwuchs sorgen. Der Mangel an Fachkräften wird sich zwar vorübergehend beruhigen. Aber in ein bis zwei Jahren werden wir dieselbe Problematik haben. Personalbezogen ist die demografische Entwicklung das grösste Problem.

Sie sagen, dass der Werkplatz Schweiz überleben wird und die Arbeitslosigkeit steigen wird. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Ein starker Werkplatz heisst: Was wir heute produzieren, können wir morgen mit wesentlich weniger Personal machen. Die Firmen werden automatisieren, den Personalbestand reduzieren, in den nächsten Jahren volumenmässig wachsen und wieder neues Personal einstellen. Aber eingestellt werden nicht die freigesetzten, sondern qualifizierte Berufsleute. Deshalb, ich wiederhole mich, braucht es weiter die stetige Ausbildung und es gilt, junge Menschen für unsere Berufe zu begeistern.

Bereits haben mehrere Firmen Massnahmen wie Stellenabbau oder längere Arbeitszeiten angekündigt. Ist das gerechtfertigt oder dient der Euroschock als willkommenes Argument, um Personalkosten einzusparen?

Es mag einzelne Firmen geben, die den Rückenwind nutzen wollen. Aber die grosse Mehrheit muss echt reagieren. Bei einer durchschnittlichen Gewinnmarge von 5 Prozent und einer mittleren Exportquote von 70 bis 80 Prozent geht es nicht anders. Bei der aktuellen Struktur und Preissituation operieren viele Betriebe in der Verlustzone. Das heisst, es besteht echter Handlungsbedarf. Mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 40 Prozent müssen sie den Banken aufzeigen, wie sie ihre Kredite bedienen können. Deshalb müssen die Firmen alle Register ziehen, um wieder in die Gewinnzone zu kommen.

Nicht wenige Betriebe wollen ihre Vorprodukte vermehrt im Euroraum einkaufen oder planen die Verlagerung an bestehende Auslandstandorte. Letztlich trifft es Schweizer Zulieferer. Ist das nicht ein Nullsummenspiel?

Wenn ein Unternehmer sagt, ich kaufe nun vermehrt im Euroraum ein, ist das gleichbeutend mit einer Reduktion der Stellenzahl in der Schweiz. Das passiert dann zwar nicht in seinem Betrieb, sondern indirekt bei einem Dritten. Dieser Effekt ist Realität. Aber wenn wir eine eigene Währung haben und unabhängig bleiben wollen, muss den Firmen auch erlaubt sein, zu verlagern, zu internationalisieren und die Beschaffung zu überdenken, um wieder gewinnbringend produzieren zu können. Es gilt, sich in der Krise bereits auf eine künftige Krise vorzubereiten. Angesichts der internationalen Gelschwemmepolitik wird diese bestimmt auftreten. Alle Massnahmen müssen aber so sozial verträglich wie möglich umgesetzt werden.

Die Nationalbank erwähnte, dass die Firmen über drei Jahre Zeit gehabt hätten, um sich auf den starken Franken auszurichten. Ist die versteckte Kritik berechtigt?

2008 lag der Wechselkurs bei 1.55 Franken, dieser sackte massiv ab, bis der Mindestkurs von 1.20 Franken eingeführt wurde. Die Industrie hat diese Veränderung überwunden und ist gestärkt daraus hervorgegangen. Aber die Firmen konnten sich nicht so weit fit trimmen, dass sie auch für einen Kurs von 1.05 Franken vorbereitet sind. Bildlich gesprochen war der Mindestkurs für den Bergsteiger ein gutes Basislager, um den nächsten Schritt auf den Berggipfel vorzubereiten. Ohne Zwischenhalt im Basislager wäre es schlimm geworden. Die Zeit wurde genutzt, aber es heisst nicht, dass die Zeit für alle ausreichte, um ohne weiteres mit einem Kurs von 1.00 Franken klarzukommen.

Kritisiert wird auch, dass sich viele Betriebe zu lang und zu stark auf die Euro-Währungszone als Absatzmarkt ausgerichtet hätten, statt geografisch zu diversifizieren.

Das ist leicht zu sagen. Für ein global ausgerichtetes Unternehmen ist das kein Problem. Aber für einen Mittelstandsbetrieb mit 50 oder weniger Beschäftigten ist die Erschliessung des amerikanischen oder chinesischen Marktes eine Illusion. So läuft das nicht. Die mittlere Betriebsgrösse der beim Branchenverband Swissmechanic organisierten Firmen liegt bei 33 Mitarbeitenden. Wie soll sich ein Unternehmen dieser Grösse kurzfristig global aufstellen? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Je kleiner das Unternehmen, desto stärker ist es auf die Schweiz und die Nachbarländer ausgerichtet.

Mit zur Stärkung des Frankens haben auch die geldpolitischen Massnahmen der Europäischen Zentralbank geführt. Diese kurbeln aber auch die europäische Wirtschaft an. Wird die so generierte tendenziell steigende Nachfrage nach Schweizer Produkten den negativen Wechselkurseffekt nicht kompensieren?

Die Massnahmen der EZB haben sehr wohl eine positive Seite. Von der Stärkung der Konjunktur in Europa können Schweizer Exportfirmen profitieren. Wenn die ausländischen Absatzmärkte gut laufen, wird auch die Kapazitätsauslastung in den Schweizer Firmen hoch bleiben. Das hilft, die Währungskrise zu überwinden. Das Schlimmste wäre, wenn nun auf die Preiskrise noch eine globale Wirtschaftskrise folgen würde. Das wäre echt eine Katastrophe.

Hat Sie der Entscheid der SNB eigentlich überrascht?

Wir rechneten damit, dass die Nationalbank den fixen Wechselkurs in absehbarer Zeit aufheben würde. Die SNB hat immer betont, dass es sich um eine zeitlich befristete Massnahme handle. Überrascht hat uns dagegen die Wirkung. Es war unvorstellbar, dass der Kurs kurzfristig bis auf 0,87 Franken absacken wird. Das war ein Schocksignal.

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