Interview

Indischer CEO von Solothurner Uhrenmarke Favre-Leuba: «Wir wollen Sehnsucht wecken»

Favre-Leuba, die zweitälteste Schweizer Uhrenmarke, soll wieder in einst erklommene Höhen vorstossen. So das Ziel des indischen Milliarden-Konzerns Tata. Produziert werden die Uhren in Solothurn, geführt wird das Unternehmen von Vijesh Rajan. Ein Gespräch über Einsamkeit, Luxusuhren und Mount-Everest-Abenteuer.

Seine Bescheidenheit überrascht. Als Vijesh Rajan sich unserem Peugeot 306 nähert, meint er: «Sitzen Sie ruhig vorne, hinten ist genug Platz für mich.» Rajan ist nicht irgendjemand. Seit Anfang Jahr ist der 42-jährige Inder CEO des in Solothurn beheimateten Uhrenherstellers Favre-Leuba. Vor acht Jahren hat die indische Tata Group (siehe Box) die zweitälteste Schweizer Uhrenmarke übernommen. Rajan kommt als Nachfolger des deutschen Thomas Morf. Er ist ein Kind vom Land, wuchs als Sohn eines Büroangestellten einer Fabrik unweit der 8-Millionen-Metropole Bangalore auf. Wir fahren mit Rajan hoch auf den Weissenstein. An einen Ort mit Weitsicht wollen wir reden.

Favre-Leuba wirbt mit dem Slogan «Grenzen überwinden» (conquering frontiers). Die Botschaft: Wir suchen die Herausforderung. Was war für Sie persönlich die grösste Herausforderung?

Vijesh Rajan: Mental ganz sicher der Entscheid, in die Schweiz zu kommen. Ein grosser Schritt aus der Komfortzone. Ich lebte zuvor mit meiner Familie in Bangalore. Zwar war ich es als Manager eines in 30 Ländern tätigen Uhrenunternehmens gewohnt zu reisen, aber spätestens nach zehn Tagen war ich jeweils wieder daheim. Heute lebe ich 6000 Kilometer von meiner Familie. Ich ging für ein Geschäft, das noch nicht etabliert ist und ich noch nicht wirklich gut kannte. Es gab Risiken.

Sie haben es trotzdem gewagt.

Ich bin ins Ungewisse gesprungen. Deshalb wollte ich meine Familie vorerst nicht bei mir haben. Ich wollte zuerst ankommen, mich niederlassen, sehen, wie gedrängt der Terminplan ist. Im Sommer kamen mich meine Frau und meine Töchter (sechs- und neunjährig; Anm. d. Red.) besuchen. Wir waren zusammen auch auf dem Weissenstein.

Ihre Töchter und Ihre Frau werden Sie sehr vermissen, oder?

Ja, das tun sie – und ich sie. Die Mädchen wissen nicht, wie sie diese Gefühle ausdrücken sollen. Sie leben es aus, in dem sie frecher sind. Und meine Frau muss es ausbaden. Früher war ich oft um 18 Uhr daheim, sie gab mir die Kinder und machte sich aus dem Staub. Das war ihr Freiraum. Und den vermisst sie sehr, was ich sehr gut verstehe. Deshalb sollen sie alle mittelfristig bei mir wohnen.

Vijesh Rajan, Geschäftsführer Favre-Leuba: «Die Uhrenmarke hat eine faszinierende Geschichte» (Interview in englisch)

Vijesh Rajan, Geschäftsführer Favre-Leuba: «Die Uhrenmarke hat eine faszinierende Geschichte» (Interview in englisch)

In der Gondel auf den Weissenstein erzählt der Geschäftsführer von der Übernahme von Favre-Leuba durch den Uhren- und Schmuckhändler Titan im 2011. «Wir fühlten, dass das Magisches geschehen kann, wenn wir die Marke zurück ins Lebens holen». 

Fühlen Sie sich einsam in der Schweiz? Die Schweizer haben den Ruf sehr reserviert zu sein.

Ich empfinde sie als sehr gastfreundlich und nett. Hier leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen auf sehr engem Raum zusammen. Alle haben hier eine Heimat gefunden. Das kommt nicht von Ungefähr, das hat viel mit der Kultur der Schweiz zu tun. Aber ja, es gibt Momente der Einsamkeit. Für mich war es etwas Neues, nach der Arbeit plötzlich Zeit für mich zu haben. In Indien war ich praktisch ununterbrochen am Arbeiten. Jetzt habe ich Zeit, neue Dinge zu entdecken. Auch an mir selbst. Das gefällt mir sehr. Zugleich kommt es auch vor, dass ich in dieser Zeit an zu Hause denke, dann kann man sich natürlich einsam fühlen.

Wie steht es um Ihr Deutsch?

(Lacht) Ich habe mich für einen Kurs angemeldet, war dann aber beruflich so viel unterwegs, dass ich oft fehlte und immer wieder vergass, was ich gelernt habe. Nach Weihnachten sollte ich mehr Zeit haben und die Disziplin aufbringen, mich richtig reinzuhängen. Das wird schon.

Was macht Sie so optimistisch?

Ich spreche schon fünf Sprachen. In Indien spricht man etwa 30 bis 40 Sprachen. Wir sind es gewohnt, Sprachen zu lernen, und fühlen uns auch wohl, wenn wir unser Umfeld mal nicht verstehen.

Typisch indisch, könnte man sagen. Apropos: Spielen Sie eigentlich Cricket?

(Lacht) Ja, das heisst ich spielte es gerne zu Hause. Auch Badminton. Hier bin ich bisher noch nie dazu gekommen. Aber ich mag und schaue auch gerne Fussball oder Hockey. Und selbst mache ich bei mir daheim jeden Tag Yoga. Das geht immer und überall, dazu brauche ich nichts.

Sind Sie religiös?

Ich bin Hindu. Aber der Hinduismus ist mehr Philosophie denn Religion. Was Rituale und Praktiken angeht, bin ich nicht allzu religiös. Für uns steckt Gott in allem. Deshalb verehren wir alles – Bäume, Tiere, die ganze Schöpfung. Und ich glaube daran, dass dir Gutes widerfährt, wenn du Gutes tust, sofern du es nicht aus reinem Eigeninteresse tust.

Aber es ging bestimmt nicht nur darum, Gutes zu tun, als die Tata Group die zweitälteste Schweizer Uhrenmarke kaufte. Was waren die Gründe?

Titan als Tochter von Tata werden immer wieder Uhrenmarken angeboten. Auch von etablierten Unternehmen, die am Markt sind. Aber wir suchten die Herausforderung, wir wollten lernen, wie man selbst eine Marke im Luxusuhren-Segment etabliert. Wir waren damals schon ziemlich erfolgreich im unteren und mittleren Preissegment tätig und sind es noch immer. Mit Unternehmensakquisitionen war Titan immer sehr vorsichtig.

Bei Favre-Leuba schlug man zu.

Es war die perfekte Gelegenheit. Ein grosser Name, ein grosses Erbe, das darauf wartete, wieder zum Leben erweckt zu werden.

Welche Erwartungen haben Sie?

Das Luxusuhren-Geschäft wird wachsen. Es wäre fahrlässig, wenn wir nicht in diesem Markt vertreten wären. Favre-Leuba ist ein erster Schritt in dieses Segment, aber ich bin mir sicher, dass es nicht der letzte sein wird. Wachsen wir, wird das Engagement von Tata mitwachsen.

Als Titan die Marke 2011 kaufte, machte man die ersten Projektschritte in Indien. Dann kam der Wechsel in die Schweiz. Warum?

Die ersten Experimente bezüglich Design und Prototypen machten wir in unserem Hauptquartier in Bangalore, das stimmt. Es war immer der Plan, die Uhren in der Schweiz herzustellen, das «Swiss made» ist wichtig. Aber wir merkten, dass wir früher in die Schweiz kommen müssen, um den Geist dieser Marke zu verstehen, die Seele. Wir mussten zurück zu den Wurzeln, da wo alles anfing.

Die erste Linie brachten Sie fünf Jahre nach Erwerb der Marke heraus, 30 Jahre war die Uhr nicht mehr auf dem Markt. Wie schwierig war der Markteintritt?

Der Uhren-Markt ist sehr hart, sehr kompetitiv. Zudem war die Branche skeptisch, man wusste nicht, was man nach so langer Zeit erwarten kann. Aber als die Händler hörten, dass die Tata Group dahinter steht, die Uhren anschauten, die Philosophie verstanden, die wir etablieren wollten, gab es viele sehr gute Einzelhändler, die Interesse bekundeten. Auch die suchen neue Geschichten, möchten neue Produkte anbieten, um neue Kunden in ihre Läden zu locken.

Wo stehen Sie heute?

Wir begannen 2016 in Japan, in einem der renommiertesten Uhrengeschäfte des Landes, Takashimaya. Gleich danach kamen Taiwan, Hongkong und Dubai. Alles Märkte, die für Titan Neuland waren. Nach Indien wagten wir zuletzt den Schritt in die Schweiz. Wir haben heute rund 70 Verkaufstandpunkte in diesen sechs Schlüsselmärkten. Wir wachsen jeden Monat. Und wenn ich von Wachstum spreche, dann meine ich Verkäufe an Konsumenten, nicht an Retailer.

Zahlen bitte!

(Lacht) Exakte Zahlen geben wir nicht heraus. Aber wir haben unsere Umsätze jedes Jahr verdoppelt. Die Erwartung ist, dass wir das mindestens auch noch während der nächsten drei bis fünf Jahre tun.

Und das in einem Nischenmarkt? Sie positionieren sich als Marke für Abenteurer, Extrembergsteiger, Tiefseetaucher.

Favre-Leuba hat schon früher für diese Klientel produziert und ist dann in breitere Märkte vorgestossen. Man hatte sehr viele Alltagsuhren. Wir sind aber noch in einer Phase, in der viele die Marke wiederentdecken. Für uns ist es wichtig, eine gewisse Sehnsucht zu wecken, ein klares Profil zu haben. Mit ein Grund, weshalb wir derzeit Händler, die nicht aus den Schlüsselmärkten kommen, ablehnen. Wir wollen erst in diesen Schlüsselmärkten erfolgreich sein. Erst dann können wir darüber nachdenken, in ein breiteres Segment vorzustossen.

So grosse Uhren wie Sie heute eine tragen, gefallen nicht jedem.

Das ist so, aber wir sind in einer Phase, in der es um die Botschaft der Marke geht, um die Geschichte. Die Uhr, die ich heute trage, die Bivouac 9000, ist einzigartig. Sie hat nicht nur ein mechanisches Werk, sondern auch einen mechanischen Höhen- und Druckmesser.

Wie hoch sind wir denn hier auf dem Weissenstein?

(Schaut auf die Uhr) Sie zeigt knapp über 1300 Meter an. Ist das korrekt?

Laut Google liegt das Hotel genau auf 1284 Metern über Meer.

Weder analoge noch digitale Geräte sind metergenau. Die Einflüsse des Wetters sind zu gross. Aber wir haben die Bivouac unter extremsten Bedingungen getestet. Mitunter im Himalaja. Unser Botschafter, Adrian Ballinger, der K2 und Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Sauerstoff bestiegen hat, war froh, dass er sie trug.

Warum?

Vor allem wegen der Luftdruckanzeige. Ballinger war auf einer Expedition zum K2, die Bedingungen verschlechterten sich und die meisten Teams zogen ab. Er blieb mit seinen Leuten, weil er Monate dafür geplant hatte und unbedingt auf den Gipfel wollte. Tatsächlich hellte es auf und sie konnten bis knapp einen Tag unter dem Gipfel hochsteigen. Da stellt Ballinger beim Blick auf die Uhr einen plötzlichen Druckabfall fest.

Und dann?

Er entschied, umzukehren und zu warten. In der Nacht stürmte es, Unmengen von Schnee fielen. Das hätten sie kaum überlebt. Ein, zwei Tage später schien die Sonne wieder und sie konnten hochsteigen. Solche und ähnliche Geschichten gibt es auch aus den 60er- und 70er-Jahren. Mehrere Leben wurden durch dieses Instrument gerettet, weil die Kletterer rechtzeitig merkten, dass das Wetter dreht. Wir wollen Grenzen verschieben, aber ohne Kopf und Kragen zu riskieren.

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