Wie viele Knaben träumte Beat Roder von zwei Berufen: Lokomotivführer und Pilot. Das zweite ist er geworden. Über zwei Jahrzehnte lang flog er für die Rega und war Chefpilot der Jetflotte. Kaum pensioniert, zog es ihn auf die Schiene. Heute fährt er als Lokomotivführer beim Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS).

Auslöser für diesen Werdegang war ein Geschenk. Zu seinem 55. Geburtstag erhielt der in Bettlach wohnhafte Roder von Familie und Freunden einen Gutschein für eine Führerstandfahrt mit dem Bernina-Express von St. Moritz nach Tirano. «Das war so faszinierend, dass ich nach der Pensionierung Lokführer werden wollte», gibt er unumwunden zu.

Mit 58 Jahren dachte Roder so oder so daran, beruflich mit der Fliegerei aufzuhören: «36 Jahre im Flugdienst reichen aus.» Aber eben: Ganz in den Ruhestand treten mochte er noch nicht.

In Afrika jedes Land angeflogen

Beat Roder wuchs in Büren an der Aare auf und erlebte somit beide Transportmittel – auf der Schiene und durch die Luft – vor der Haustüre. Zuerst kam die Aviatik. Schon während der Lehre, die er als Mikromechaniker bei der Grenchner ASSA absolvierte, lernte er auf dem Regionalflughafen Grenchen das Pilotenhandwerk.

Nach drei Semestern Studium am Technikum in Biel stieg er um und wurde im jungen Alter von 22 Jahren Fluglehrer. Nach der Erlangung der Berechtigung zum Instrumentenflug erhielt er eine Stelle als Berufspilot bei einem privaten Unternehmen in Zürich-Kloten und konnte schon zwei Jahre später als Jetpilot zur Rega wechseln. Über den Leiter des Ressorts Ausbildung Flugpersonal stieg er zum Chefpiloten der Jet-Flotte auf.

In den 27 Jahren als Pilot auf dem Learjet, Hawker HS 125 und der Canadair Challenger lernte er die Erde kennen. Mit Ausnahme von Südamerika, Australien und Ozeanien ist er überall gewesen, auf dem afrikanischen Kontinent in jedem Land.

Dabei landete er auch in Destinationen, wo kaum ein Linienflug hinführt. 1981 flog er beispielsweise an den Baikalsee, mitten im Kalten Krieg, als kein Airliner über Sibirien verkehren konnte; in Moskau musste die Rega-Crew damals einen russischen Navigator an Bord nehmen, der sie zum Baikalsee lotste und den Funk machte.

Hier war Beat Broder noch als Pilot bei der Rega tätig.

Hier war Beat Broder noch als Pilot bei der Rega tätig.

Während der Jahrzehnte, in denen er in Zürich-Kloten arbeitete, lebte Beat Roder mit seiner Frau und den zwei inzwischen erwachsenen Kindern in Dübendorf. Im Frühling 2008 zog die Familie nach Bettlach, wo Roder nach der Rega-Zeit die Möglichkeit hatte, ab Grenchen Business-Jets zu fliegen und so seine letzten Berufsjahre in der Fliegerei zu verbringen.

So schloss sich der Kreis: In Grenchen begann die berufliche Karriere in der Luftfahrt und wurde am selben Ort über drei Jahrzehnte später abgeschlossen. Ehefrau Silvia zog übrigens gerne an den Jurasüdfuss, obwohl sie als Dübendorferin immer in der Region Zürich lebte, und fühlt sich in der Region Grenchen-Solothurn sehr wohl.

Permanente Konzentration im Zug

Nun kam die Bahn: Nach der geschenkten Fahrt zuvorderst im Bernina-Express machte Beat Roder eine Blindbewerbung beim RBS als Lokführer hinsichtlich seiner Piloten-Pensionierung. Aber da kam zuerst eine Absage. Roder blieb hartnäckig am Ball und konnte das Selektionsverfahren absolvieren, unter anderem mit einer verkehrspsychologischen Prüfung.

Als alles in Ordnung war, begann am 1. November letzten Jahres die Ausbildung. Die sieben Monate waren anstrengend. Roder: «Man spürt schon, dass man nicht mehr zwanzig ist.» Der Hauptunterschied zwischen Zug und Flug sei die Konzentration beim Fahren: «Vom Moment des Einstiegs bis zur Endstation ist man in der Lokomotive jederzeit voll konzentriert.» Und: «Ein Lokführer ist alleine. Es gibt keinen zweiten Piloten wie im Flugzeugcockpit, der einen auf die Finger schaut.»

Sonst aber seien etwa die gleichen Eigenschaften gefragt: Systematische und kundenorientierte Arbeit, Präzision und Zuverlässigkeit. Am RBS schätzt Roder, dass es eine kleine übersichtliche Firma ist. Ausbildung und Sicherheit haben wie in der Fliegerei einen sehr hohen Stellenwert. Der Regionalverkehr Bern-Solothurn hat ein Zugsicherungssystem mit Vollüberwachung.

Schön sei, dass man die Leute auf dem Bahnsteig sehe und man lerne die Gesichter kennen. Auch die Aufsteller sind ähnlich: Im Flugzeug sticht man durch die Wolken aus dem Regen an die Sonne, auch im Zug sieht man wunderbare und immer andere Stimmungen.

Noch ab und zu in der Luft

«Viele Leute fragen mich, warum nicht gleiche grosse Loks und grössere Distanzen fahren», sagt Beat Roder. «Das muss ich nicht mehr haben, ich bin genug in der Welt herumgekommen.»

Er gehe jedes Mal mit Freude zur Arbeit, obwohl der Dienst sehr unregelmässig sei und auch Wochenend-Einsätze beinhalte. Aber das sei in der Fliegerei auch so gewesen.

Mit einem Bein ist der Roder weiter in der Luftfahrt tätig: Er bleibt Fluglehrer und Prüfungsexperte für ein- und zweimotorige Maschinen, auch der Ausweis für Fluglehrer und Experte auf Jets ist im Moment noch gültig.