Auf einen Kaffee mit...
«In Solothurn wird man als Polizist auf der Strasse noch freundlich gegrüsst»

Sarah Giger stand als Bundesratsfahrerin im Einsatz und chauffierte Micheline Calmy-Rey und Alain Berset zu ihren Terminen. Nun ist sie zu ihrem ursprünglichen Beruf zurückgekehrt und sorgt als Stadtpolizistin in Solothurn für Recht und Ordnung.

Urs Mathys
Merken
Drucken
Teilen
Aus der Bundesratslimousine in die Stadtpolizeiuniform: Sarah Giger beim Gespräch im Restaurant Baseltor.

Aus der Bundesratslimousine in die Stadtpolizeiuniform: Sarah Giger beim Gespräch im Restaurant Baseltor.

Hanspeter Bärtschi

Polizisten trinken in allen Krimis oft und gerne Kaffee. Sie auch, Sarah Giger? «Äbe nid!», kommt die Antwort – in breitem Berndeutsch – wie aus der Pistole geschossen. «Es stimmt zwar schon», räumt sie ein, «dass Polizisten häufig Kaffee trinken. Aber ich bekomme davon immer einen dummen Magen.» Wenn es denn schon einen Muntermacher brauche, dann lieber ein Red Bull.

Beim morgendlichen Treffen im «Baseltor» ist die neue Solothurner Stadtpolizistin aber auch so schon derart munter, dass sie es bei einem Orangenjus bewenden lassen kann. Seit Anfang Juni arbeitet die 37-jährige Seeländerin nun in Solothurn. Mit jedem Tag lerne sie die Stadt besser kennen. Und was sie dabei besonders schätzt: «Kein Tag ist wie der andere!»

In ihrem Leben habe «immer etwas gehen» müssen, gibt Sarah Giger zu. Schon in der Schule war für sie klar: «Ich will Polizistin werden.» Und das wurde die quirlige junge Frau bei der damaligen Stadtpolizei Biel denn auch. Bis sie in die Dienste der Eidgenossenschaft eintrat. Nicht etwa in einen x-beliebigen, sondern in einen sehr exklusiven Job: Sie wurde Bundesrats-Fahrerin. Ab Mai 2005 war sie die einzige Frau im ausgewählten Team, das die Landesmütter und -väter von Termin zu Termin zu chauffieren hat.

Die längste Zeit stand Giger im Dienst von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey. «Eine Power-Frau», erinnert sich Giger gerne: «Wir hatten das Heu auf der gleichen Bühne. Sie war immer korrekt zu mir. Ja, ich mochte sie gut.» Auch mit Innenminister Alain Berset, den sie anschliessend durchs Land zu fahren hatte, habe sie sich bestens verstanden. Wer also vermute, dass der neue «Fahrgast» die Ursache für ihren Abgang aus den Bundesdiensten war, der liege völlig falsch: «Auch Berset war menschlich top. Es tat richtig weh, diesen Job zu verlassen».

Als Bundesrats-Chauffeuse bekommt man sicher viel mit? «Ja, man sieht und hört Dinge – auch aus dem privaten Bereich – die sonst wohl niemand mitbekommt.» Verraten will sie davon nichts: «All diese Dinge sind völlig tabu.» Tabu ist auch die Frage, welches der beiden Bundesratsmitglieder denn der sympathischere Fahrgast gewesen ist: Eine Antwort bleibt aus.

Alles andere wäre ja auch unprofessionell. Schliesslich war Giger schon auf Herz und Nieren geprüft worden, bevor sie den verantwortungsvollen Fahrerjob erhalten hatte. Die Schweigepflicht ist und bleibt für sie Ehrensache. Oder wie sie es wörtlich ausdrückt: «Das A und O ist die Diskretion.»

Und warum verlässt man einen solchen Top-Job? Sie habe das Privileg gehabt, «von einem Traumjob zum anderen wechseln zu können», erklärt Giger. «Ich war immer mit Leib und Seele Polizistin. Bei der Stadtpolizei Solothurn habe ich die Chance erhalten, wieder in diesen Beruf einzusteigen. Dafür bin ich sehr dankbar.» Sie habe den Wechsel denn auch noch keinen einzigen Moment lang bereut.

Bei ihrem Einsatz für Recht und Ordnung schätzt sie vor allem den vielseitigen Kontakt mit Menschen. Allerdings, so muss sie zugeben: Möglicherweise erleben umgekehrt nicht alle Menschen die Begegnungen mit ihr als ebenso erfreulich. Besonders jene nicht, denen sie einen Bussenzettel ausstellen oder die sie gar verhaften muss. Ein «Spass» sei dies auch für sie nicht, betont die Stadtpolizistin. Aber: «Es muss halt sein.» In solchen Situationen müsse man eine etwas dickere Haut haben: «Wenn es sein muss, habe ich Haare auf den Zähnen». Man glaubt es der sportlich-dynamischen Frau in der blauen Uniform – auch wenn man bei ihrem häufigen herzhaften Lachen glatt daran zweifeln könnte.

Solothurn, die Solothurner und die hiesige Stadtpolizei haben es der nach wie vor im Bernbiet Wohnhaften angetan. Das Team sei top, die Stadt wunderschön und die Menschen hier viel freundlicher als etwa an ihrem früheren Polizei-Wirkungsort Biel. Woran erkennt sie das? «Hier wird man als Polizist auf der Strasse noch freundlich gegrüsst! Alles ist auch viel weniger anonym.»

Obwohl die Polizei immer mal wieder an den gleichen Stellen gegen die immer wieder gleichen oder ähnlichen «Kunden» vorgehen muss, erlebt Giger ihren Job nicht als Sisyphusarbeit. Und die Polizisten auch nicht als Buhmänner der Gesellschaft. Solche negativen Phänomene seien sicher ein wachsendes Problem, mit dem jeder und jede zunehmend konfrontiert werde, bestätigt Giger. «Aber damit muss man umgehen können. Auch wenn einem manche Dinge oder Ereignisse sicher näher gehen – schlaflose Nächte hatte ich deshalb bisher nicht».

Von Schlaf kann jetzt aber eh noch keine Rede sein. Der Orangenjus ist ausgetrunken, die Pflicht ruft. Stadtpolizistin Sarah Giger stürzt sich wieder in den Dienst in den Strassen von Solothurn – bevor sie für ein paar Wochen in die Ferien auf hoher See entschwindet.