Lehrlingsturnen
In Solothurn mit dem Velo statt dem Bus zur Sporthalle? Gar nicht so einfach

200'000 Franken jährlich kostet es, die Berufsschüler in Solothurn mit dem Bus zum bundesgesetzlich vorgeschriebnen Sportunterricht zu fahren. Das ginge auch billiger, ökologischer und gesünder, möchte man meinen. Doch die Alternativen haben ihre Tücken.

Urs Moser
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Schülertransport

Schülertransport

Hanspeter Bärtschi

Im Zug des Sparmassnahmenplans 2014 hatte der Regierungsrat beschlossen, den Sportunterricht an den Berufsfachschulen konsequent nur noch in den ersten zwei Lehrjahren anzubieten. Er wurde aber vom Verwaltungsgericht zurückgepfiffen. Mit dem Beschluss verstosse die Regierung gegen die bundesrechtlichen Vorgaben, hielten die Richter in Gutheissung einer Beschwerde fest. So weit, so schlecht für die Kantonsfinanzen. So weit, so gut für die Fitness der Lehrlinge. Ein Problem ist aber bis heute ungelöst: Während in Olten und Grenchen Sporthallen in Gehdistanz zu den Berufsfachschulen zur Verfügung stehen, fehlt ein solches Angebot in Solothurn. Die Berufsschüler werden hier per Bus zu den CIS-Sporthallen in der Weststadt gebracht. Nun will man aber prüfen, ob sie nicht stattdessen mit dem Velo zum Turnunterricht fahren könnten.

Warum nicht mit dem Velo?

Die Mietlösung mit dem Shuttle-Betrieb funktioniert in Solothurn schon seit 2007, letzten Dezember entbrannte darüber aber eine epische Debatte in der Budgetberatung des Kantonsrats. 200'000 Franken jährlich kostet der Schülertransport. Dieser Posten sei aus dem Globalbudget für die Berufsschulbildung zu streichen, verlangte die SVP. Bald erwachsenen jungen Leuten sei wohl noch ein Fussmarsch zuzumuten, fand deren Sprecher Beat Künzli. «Nicht mehr als anständig» sei der Bustransport, konterte SP-Präsidentin Franziska Roth, sonst lasse man die Lehrlinge bei Hudelwetter ja pitschnass zum Unterricht antreten. Der Sparantrag der SVP wurde vom Parlament zwar mit 50 : 37 Stimmen verworfen, aber einem Argument konnte man sich nicht ganz verschliessen: Irgendwie schräg mutet es aus sportlicher wie auch ökologischer Sicht ja schon an, Woche für Woche Hundertschaften von Jugendlichen zwecks körperlicher Ertüchtigung mit dem Bus durch die Stadt zu chauffieren.

Die scheinbar naheliegende Alternative bringen die Grünen ins Spiel. Es sei zu prüfen, ob der Transport zum Sportunterricht nicht mit einer Velo-Lösung gewährleistet werden kann, verlangen sie in einem Vorstoss. Das würde den Schülern das Velo als alltägliches Transportmittel näher bringen, einen ökologischen Mehrwert schaffen und zu Einsparungen für den Kanton führen, so ihr Plan. Am Dienstag hat der Regierungsrat nun beschlossen, dass er diesen Auftrag tatsächlich entgegennehmen will. Allerdings: So naheliegend der Vorschlag klingen mag, so viele Tücken hat er. Und billiger würde es damit auch kaum, gibt die Regierung in ihrer Stellungnahme zu bedenken. Die Beschaffung der benötigten Fahrräder ist dabei nur ein Punkt.

Der Teufel steckt im Detail

Am Standort Solothurn besuchen über 2000 Lehrlinge die Berufsfachschule. Der Sportunterricht wird in den CIS-Hallen parallel für drei Klassen angeboten. Das heisst: Es müssten gleichzeitig sechs Klassen über Velos für die Fahrt dorthin und zurück verfügen. Das heisst: Für eine Alternative zum heutigen Bustransport würden mindestens 150 Fahrräder benötigt. Die Wartung und Verwaltung eines solchen Fahrzeugparks ist nun nicht der Kernauftrag eines Berufsbildungszentrums. Also würde man die Aufgabe wohl einem externen Dienstleister übertragen – auch aus versicherungstechnischen Gründen, wie die Regierung schreibt. Und das kostet natürlich. Aber nicht nur das: Wie organisiert man es, dass die Velos überhaupt effizient übernommen und zurückgegeben werden können? Es müssten abschliessbare Unterstände bei den Berufsfachschulen geplant und gebaut werden. Auch beim CIS-Zentrum fehlen entsprechende Abstellplätze für Velos. Und dann wäre natürlich die Verkehrstauglichkeit der Fahrräder jederzeit sicherzustellen. Das alles «erfordert auch bei einem externen Anbieter nicht zu unterschätzende, personelle und damit finanzielle Ressourcen», warnt der Regierungsrat. Er bezeichnet die Velo-Idee als «im ersten Moment verlockend und sehr einfach». Bei vertiefter Betrachtung seien aber schulorganisatorische, bauliche, betriebswirtschaftliche, verkehrstechnische und haftungsrechtliche Aspekte genauer zu prüfen und mit der heutigen Buslösung zu vergleichen. Fazit: Aus gesamtwirtschaftlicher Optik scheint es «fraglich, ob sich finanzielle Einsparungen erzielen lassen».

Als Alternative auch nicht infrage kommt allerdings, die Lehrlinge zu Fuss zum Turnunterricht gehen zu lassen, wie das die SVP gefordert hatte. Manche würden es wohl schneller schaffen, aber je 20 Minuten müsste man für den 1,4 Kilometer langen Weg vom Berufsbildungszentrum zu den CIS-Hallen und zurück einrechnen. Dazu kommt die Zeit zum Umkleiden und Duschen nach dem Sport. Von einer Doppellektion von 90 Minuten blieben für den effektiven Sportunterricht gerade noch 25 Minuten übrig. Und dann wäre man gleich weit wie 2014: Das würde den bundesrechtlichen Anforderungen klar nicht genügen.