Advents-Serie
In seinem Taxi gibts kein Navi - «Kann noch Karten und Ortspläne lesen»

Wir öffnen zum 21.Dezember die Beifahrertüre des Barock-Taxis und sind mit dem Zuchwiler Chauffeur Willi Gloor auf Achse in der Region Solothurn.

Christof Ramser
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Willi Gloor braucht kein Navigationsgerät. «Ich kann noch Karten lesen», sagt er.

Willi Gloor braucht kein Navigationsgerät. «Ich kann noch Karten lesen», sagt er.

Solothurner Zeitung

Die gelbe Tür knallt zu. Der Geschäftsmann auf dem Rücksitz sagt bloss zwei Wörter: «Zur Wirthen». Willi Gloor dreht den Lautstärkeknopf zurück, schiebt den ersten Gang ein und rollt über den Bahnhofsparkplatz zur Ampel.

Dort aktiviert er den Taxameter und braust los, über die Rötibrücke, dann durchs Baseltor in die Altstadt. Die Limousine schlängelt sich um Flaneure und Marktstände herum, und nach viereinhalb Minuten hat der Fahrer seinen Gast zum Solothurner Zunfthaus chauffiert.

Die Tür des Barock-Taxis

Die Tür des Barock-Taxis

Christof Ramser

Fr. 11.20 kostet die Fahrt, ein Trinkgeld gibts dazu. «Das nimmt man natürlich gerne», brummt der Mann mit der sonoren Stimme und klemmt sich hinter das Steuerrad. Der Mercedes der E-Klasse setzt sich in Bewegung. Das nächste Ziel ist das Schloss Waldegg.

Der Einzige ohne Navi

Willi Gloor aus Zuchwil ist Taxifahrer. Meist steht sein gelber Wagen neben anderen vor dem Hauptbahnhof Solothurn. Doch der 74-Jährige ist ein Spezialist in seiner Branche. Er ist am Bahnhof Solothurn der Einzige ohne Navigationsgerät. «Ich kann noch Karten und Ortspläne lesen.»

Ausserdem kennt er die Strassen und Schleichwege der Region. Zu schnell fährt Gloor nie, beteuert er. Selbst als kürzlich ein Mann die Taxitür aufriss und im Eiltempo nach Langendorf wollte, wo er etwas vergessen hatte. «Reicht es noch auf den Zug?», drängte es vom Beifahrersitz.

Der Chauffeur liess sich nicht zum Rasen verleiten. Es reichte. «Die Busse bezahle ich schliesslich selbst, und das Billett muss auch ich abgeben.»

Sein Hobby möchte Willi Gloor nicht missen. Seit der Pensionierung fährt er Taxi. «Ich bin mit Autos gross geworden», erzählt er, während das Taxi Richtung St. Niklaus gleitet.

Nach der Lehre als Automechaniker 1961 war er Werkstattchef und führte schliesslich in Biberist seine eigene Garage. Schon als Bub kam er mit Motoren in Kontakt.

Nach dem Tod des Vaters wuchs der 9-jährige Bub auf dem Bauernhof der Gotte in Oberramsern auf. Dort gab es Maschinen und Traktoren. «Das weckte mein Interesse für die Mechanik.»

Suspekte Gäste in der Nacht

Das Handy klingelt. «Barock Taxi, Grüssgott. Und wohin geht die Fahrt, Frau Roth? In die Klinik Obach? Prima, in fünf Minuten ist jemand bei Ihnen. Adieu.»

Senioren auf dem Weg zum Einkauf oder Kranke, die ins Spital müssen, sind gern gesehene Kunden. Willi Gloor trägt dann auch mal die schwere Tasche bis zur Türschwelle. «Am Tag kann man die Fahrgäste besser einschätzen. Viele kenne ich persönlich.»

Deshalb fährt er sein Taxi nicht mehr in der Nacht. Zwar gibt es dann weniger Rotlicher und weniger Stau. Doch die Fahrten sind oft lang und die Gäste manchmal suspekt. In dieser Branche lerne man die Vielfalt der Menschen kennen. Manche sind stumm, verlieren auf der ganzen Fahrt kein Wort. Andere wollen dringend reden. Willi Gloor passt sich an.

Einen Unfall hatte er noch nie. «Ich fahre eben nicht wie ein Ruech.» Darauf sei man als Taxifahrer stolz. Bloss einmal touchierte sein Auto auf einer vereisten Strasse in Bettlach einen Blumenkübel. Ein Fetzen Folie der Stossstange riss ab. Willi Gloor flickte es gleich selber.

Der gelbe Wagen rollt auf den Schlosshof der Waldegg. Der Kunde zahlt, und jetzt hat es der besonnene Chauffeur plötzlich pressant. «Meine Frau hat zu Mittag gekocht. Das habe ich noch nie verpasst.» Gloors Taxi verschwindet brummend im Nebel der Schlossallee.