Analyse

In Sachen Solarstrom ist der Kanton Solothurn ein Entwicklungsgebiet

Die 2016 erweiterte Solarstromanlage auf den Dächern der Migros Verteilbetriebe in Neuendorf ist eine der grössten im Land – und doch nur ein kleines Steinchen im Mosaik: Erst 4,8 Prozent des Solarstrom-Potenzials sind im Kanton Solothurn ausgeschöpft. (Archivbild)

Die 2016 erweiterte Solarstromanlage auf den Dächern der Migros Verteilbetriebe in Neuendorf ist eine der grössten im Land – und doch nur ein kleines Steinchen im Mosaik: Erst 4,8 Prozent des Solarstrom-Potenzials sind im Kanton Solothurn ausgeschöpft. (Archivbild)

Geht der Ausbau von Solarstrom im gleichen Schneckentempo weiter, dauert es noch über 300 Jahre, bis das Potenzial ausgeschöpft ist. Solothurn hinkt dabei auch im Vergleich mit anderen Kantonen hinterher.

Als die Migros Verteilbetriebe in Neuendorf im Herbst 2016 ihr neues Tiefkühllager in Betrieb nahmen, war die bei dieser Gelegenheit ebenfalls erweiterte Fotovoltaikanlage auf dem Dach das grösste Solarkraftwerk der Schweiz. Ansonsten hat sich im Kanton Solothurn in letzter Zeit aber nicht viel getan in Sachen Solarstrom. Weniger als fünf Prozent des Potenzials zur Solarstromproduktion auf Solothurner Dächern werden heute genutzt.

Das ist der Plattform Swiss Energy Planning gemeinsam mit dem WFF Schweiz veröffentlichten Solaranalyse zu entnehmen. Für die Berechnung des wirtschaftlich und technisch realisierbaren Potenzials an Fotovoltaikanlagen stellt die Studie auf die von Swisstopo erfassten Dachflächen ab, die für Photovoltaik mindestens «gut» geeignet sind und eine Grösse von mindestens zehn Quadratmetern haben. Potenzial ausgeschöpft heisst dabei eine 70-prozentige Belegung mit Fotovoltaik-Pannels.

Solothurn hinkt noch weiter hinterher als andere

Die erste Analyse wurde 2017 durchgeführt, nun liegen die Zahlen für 2019 vor: Im Kanton Solothurn werden lediglich 0,6 Prozent mehr des vorhandenen Potenzials genutzt als vor zwei Jahren. Der WWF hat ausgerechnet: Wenn es mit dem Ausbau der Solarenergie im Kanton Solothurn im gleichen Tempo weiter geht, dauert es noch 307 Jahre, bis das Potenzial ausgeschöpft ist. Solothurn hinkt dabei auch im Vergleich mit anderen Kantonen hinterher, gesamtschweizerisch liegt der Zeithorizont bei 262 Jahren.

Ein ernüchterndes Fazit. Urban Biffiger, Leiter der kantonalen Energiefachstelle, kennt die Studie zwar nicht im Detail, hält die Zahlen aber für plausibel. Dass es mit dem Ausbau der Solarenergie nicht wie geplant und gewünscht vorangeht, sei seit Jahren bekannt, das sei keine neue Erkenntnis.

Die Standpauke des WWF, dass nun «der Kanton und die Solothurner Gemeinden gefordert sind», hört er sich aber dennoch nicht ganz widerspruchslos an. Denn: In Sachen Energiewende herrscht eine klare Aufgabenteilung, die Förderung der Solarenergie hat der Bund übernommen. Wo der Kanton hier eine Handhabe hat, sei primär bei den Gebäudevorschriften, so Biffiger. Und man erinnert sich: Die Revision des kantonalen Energiegesetzes sah vor, dass Neubauten einen Teil der benötigten Elektrizität selber erzeugen müssen. Die Vorlage wurde aber vom Stimmvolk im Juni 2018 mit über 70 Prozent Neinstimmen bachab geschickt.

Und nun stellt man offenbar fest, dass Bauherren oft geraten wird, bei Neubauten auf die Installation einer Fotovoltaikanlage zu verzichten beziehungsweise einige Jahre damit zuzuwarten, weil es dann Förderbeiträge für eine energetische Sanierung gibt. Dieses Vorgehen sei einer wirtschaftlich denkenden Bauherrschaft nicht einmal gross zu verübeln, räumt Urban Biffiger ein. Und sollte es vielleicht doch etwas schneller als 300 Jahre gehen, bis das vorhandene Potenzial zur Nutzung der Solarenergie ausgeschöpft wird, ist das Augenmerk in der Tat sowieso viel stärker auf den bestehenden Gebäudepark als auf Neubauten zu richten.

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Deitingen hat grosse Schritte vorwärts gemacht

Was hat sich nun in den einzelnen Gemeinden getan? Die Solarstudie hat in Deitingen ein Vorbild ausgemacht. Hier wurde die Nutzung des Solarstrompotenzials zwischen 2017 und 2019 um 5,5 Prozent gesteigert. Eine deutlich überdurchschnittliche Steigerung weisen etwa auch Gretzenbach (+3,3 Prozent), Lüsslingen-Nennigkofen (+2,8 Prozent), Selzach (+1,9 Prozent) oder Balm bei Günsberg (+1,8 Prozent aus).

In sehr vielen Gemeinden herrscht aber so gut wie oder komplette Stagnation. In der Stadt Olten zum Beispiel, die sich immerhin mit dem Label «Energiestadt» schmückt, lag die Zunahme der Solarstrom-Produktion in den letzten zwei Jahren bei unter 0,2 Prozent. Eine kaum spürbare Steigerung auf ohnehin tiefem Niveau: In der Dreitannenstadt werden 1,7 Prozent des theoretisch verfügbaren Fotovoltaik-Potenziels ausgeschöpft. Bei den «Energiestädten» sticht Zuchwil mit einer Ausnützung von 14,2 Prozent hervor, wo nun eine weitere Offensive gestartet wird (siehe Box).

Einen hohen Wert verzeichnet auch Selzach mit 8,8 Prozent, in Grenchen sind es nur unterdurchschnittliche 4,2, in Oensingen 4,1, in Solothurn 3,4 und in Hofstetten-Flüh 3,3 Prozent.

Myriam Planzer, Projektleiterin Energiewende beim WWF Schweiz, startet einen Appell: «Gemeinden, seid mutig. Wir fordern alle auf, sich jetzt an den Pioniergemeinden zu orientieren und mit dem Zubau vorwärts zu machen. Wir können nicht so tun, als wäre die Erderhitzung irgendwo, irgendwann in ferner Zukunft.»

Autor

Urs Moser

Urs Moser

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