Behindertenpolitik
«In Kanton und Gemeinden ist Gleichstellung längstens nicht erreicht»

John Steggerda ist Geschäftsführer von Pro Infirmis Aargau-Solothurn. Im Vorfeld des 60-Jahr-Jubiläums von Pro Infirmis Solothurn sagt er, wo ihn der Schuh drückt: In Kantonen und Gemeinden sei das Behindertengleichstellungsgesetzt nicht angekommen.

Elisabeth Seifert
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«Heute leben zu viele Menschen in einem Heim, obwohl sie eigentlich selbstständig wohnen könnten», sagt Pro-Infirmis-Geschäftsleiter John Steggerda.

«Heute leben zu viele Menschen in einem Heim, obwohl sie eigentlich selbstständig wohnen könnten», sagt Pro-Infirmis-Geschäftsleiter John Steggerda.

Thomas Ulrich

Unterstützung für 2500 Menschen

In den Kantonen Solothurn und Aargau haben im letzten Jahr 2625 Personen die Sozialberatung von Pro Infirmis in Anspruch genommen. Im Sinne der UNO-Behindertenrechtskonvention, die die Schweiz 2014 unterzeichnet hat, setzt sich die Organisation für eine selbstbestimmte und barrierefreie Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Pro Infirmis berät und begleitet Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen. Neben Menschen mit einer Körperbehinderung sowie einer kognitiven Beeinträchtigung gehören auch immer mehr Menschen mit einer psychischen Behinderung dazu. Diese Gruppe macht mittlerweile ein Drittel der Ratsuchenden aus.

Pro Infirmis Aargau-Solothurn unterstützt all diese Menschen unter anderem im Rahmen des begleiteten Wohnens. Die Organisation unterhält weiter eine Wohnschule, einen Bildungs-Club sowie eine Tagesstätte. Die Finanzierung von Pro Infirmis Aargau-Solothurn erfolgt zu 60 Prozent mit Geldern des Bundes. Die übrigen 40 Prozent setzten sich aus einem Leistungsvertrag mit dem Kanton Aargau, Beiträgen der Gemeinden sowie Spenden und Legaten zusammen. Der Kanton Solothurn ist schweizweit der einzige Kanton, der keinen Leistungsvertrag mit Pro Infirmis abgeschlossen hat. (esf)

John Steggerda, Geschäftsführer von Pro Infirmis Aargau-Solothurn, machte aber gleich zu Beginn unseres Treffens klar, dass er wenig von historischer Rückschau hält. «Unser Blick ist auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet», unterstreicht der Behindertenprofi. Und in beiden Kantonen dürfte Pro Infirmis die Arbeit nicht so schnell ausgehen. Die Behindertenpolitik steht erst am Anfang, wenn es darum geht, Menschen mit einer Behinderung ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Im Jahr 2012 haben sich die beiden kantonalen Vereine zusammengeschlossen. Solothurn begeht «sein» Jubiläum mit geladenen Gästen am 9. September in der Säulenhalle im Landhaus Solothurn. Die Feierlichkeiten im Aargau finden am 14. Oktober im Kultur- und Kongresshaus in Aarau statt.

Seit gut zehn Jahren ist das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Sind Menschen mit Behinderung heute gleichgestellt?

John Steggerda: Sie sind noch längstens nicht gleichgestellt. Das Gesetz betrifft die Bereiche Bau, Schule, Verwaltung sowie Aus- und Weiterbildung. Ein Thema geworden ist die Gleichstellung vor allem auf der Ebene des Bundes. Die SBB zum Beispiel haben klare Vorgaben, es gibt geschützte Arbeitsplätze in der Verwaltung, auch ein Büro für Gleichstellung und die Bundesbauten sind für Behinderte zugänglich. Ernüchternd aber ist, dass auf der Ebene Kanton und Gemeinden das Gesetz noch nicht angekommen ist. Und zwar in der ganzen Schweiz. Wir überlegen uns, ob es auf kantonaler Ebene ein ähnliches Gesetz braucht, um die Verbindlichkeit zu erhöhen.

Das sind deutliche Worte. Was vermissen Sie in den Kantonen?

Es gibt in der Verwaltung kaum geschützte Arbeitsplätze. Im Baubereich sind zwar die gesetzlichen Grundlagen vorhanden, diese werden aber längst nicht immer umgesetzt. Die Bauabnahmen erfolgen oft durch die Gemeinden und diese setzen andere Prioritäten. Das hat auch mit fehlendem Fachwissen zu tun. Der Kanton kontrolliert hier einfach zu wenig.

Wo steht Solothurn im Bereich der integrativen Schule?

Die Sonderschulen haben immer noch ein sehr starkes Gewicht, auch in Solothurn. Neben der Auflösung von Einführungs- und Kleinklassen müssten auch Kinder mit einer Behinderung noch besser in die Regelschule integriert werden können. So will es das Gleichstellungsgesetz.

Der Kanton Zürich hat das versucht – und musste dann auf Druck der Öffentlichkeit zurückkrebsen ...

Von unserer Seite ist es klar: Eine Gesellschaft kann sich nur verändern, wenn sie sich mit der Vielfältigkeit des Lebens auseinandersetzt. Und diese nimmt man im Alltag wahr, nur hier lernt man den Umgang mit der Vielfältigkeit. Die Schule hat hier eine zentrale Bedeutung. Nur schon der gemeinsame Schulweg hat eine wichtige Sozialisierungsfunktion.

Verhindert eine so weitgehende Integration aber nicht den Lernfortschritt? Sowohl der Normalbegabten als auch der Kinder mit Behinderung ...

In Kanton Basel-Stadt gibt es seit über zehn Jahren Integrationsklassen. Nur vier Prozent der Schülerinnen und Schüler werden nicht integrativ geschult. Und man weiss heute, dass Kinder aus Integrationsklassen nicht weniger Lernfortschritt machen als Kinder, die keine Integrationsklasse besucht haben. Bei den erworbenen sozialen Kompetenzen hingegen schneiden die Integrationsklassen um einiges besser ab. Etwa bei der Bewältigung von Konflikten, auch bei den typischen Adoleszenz-Problemen wie zum Beispiel Bulimie und welche Schönheitsideale man verfolgt. Die integrative Schule vermittelt eine bestimmte Wertorientierung.

Wie beurteilen Sie die Chance für Menschen mit einer Behinderung, ihr Leben zu gestalten?

Sie sprechen hier eine Forderung der UNO-Behindertenrechtskonvention an, die im letzten Jahr von der Schweiz ratifiziert worden ist. Menschen mit Behinderung haben wie alle anderen auch ein Recht darauf, ihre Wohnung, ihre Arbeit und ihre Ausbildung selbst bestimmen zu können. Eines der minimalen Rechte ist die Niederlassungsfreiheit. Ich behaupte, dass es für Menschen mit Behinderung nicht einmal dieses Recht gibt.

Können Sie das näher erklären?

Wenn jemand auf Unterstützung angewiesen ist, kann er heute im Kanton Solothurn nicht frei entscheiden, wo und wie er wohnen will. Menschen mit Behinderung sind auf die Institutionen angewiesen, die ein Wohn- und Betreuungsangebot zur Verfügung stellen. Wenn jemand aber selbstständig wohnen will, muss er hohe Hürden überwinden. Pro Infirmis kann hier eine gewisse Unterstützung bieten, Hilfe vom Kanton gibt es dafür aber keine. Jemand mit einer IV-Rente hat ohne weiteres das Recht auf einen Heimplatz. Und er hat grundsätzlich auch das Recht, aber kaum die Möglichkeit, mit der IV-Rente selbstständig zu wohnen.

Wären die Kosten für die Öffentlichkeit nicht schlicht zu hoch?

Nach den Kosten wird gar nicht gefragt, das ist ja so erstaunlich. Es geht vielmehr um die Organisation der Geldflüsse. Die Finanzierung des stationären Bereichs wird heute von den Kantonen sichergestellt. Der ambulante Bereich hingegen fällt in die Verantwortung des Bundes. Während wir im stationären Bereich eine unglaublich hohe Betreuungsdichte haben, mit Hotellerie und allem, was dazu gehört, wird der ambulante Bereich eher stiefmütterlich behandelt. Hier haben wir einzig das Angebot des begleiteten Wohnens und seit der IV-Revision im Jahr 2012 die Möglichkeit von Assistenzbeiträgen. Das reicht aber vielfach nicht und ist auch sehr anspruchsvoll geregelt. Dadurch trauen sich etliche Menschen mit Behinderung ein selbstständiges Leben nicht zu.

Sie plädieren für eine Umverteilung von den Institutionen weg hin zu einer Förderung individueller Wohnformen?

Menschen mit einer Behinderung, die nicht unbedingt in einer Institution leben müssen, sollte man mit Assistenzen in die Selbstständigkeit hinaus begleiten. Heute leben zu viele Menschen in einem Heim, obwohl sie eigentlich selbstständig wohnen könnten. Das trifft ungefähr auf 10 bis 20 Prozent der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner zu. Die ambulante Begleitung kostet auch um einiges weniger. Die generelle Strategie des Kantons müsste lauten: so wenig Betreuung wie nötig und so viel Freiheit und Selbstbestimmung wie möglich.

Kann das aber nicht auch die Menschen mit Behinderung überfordern?

Menschen mit Behinderung sind es heute gewohnt, rundum versorgt zu werden. Sie trauen sich selbst die Selbstständigkeit oft nicht zu, weil ihnen das Umfeld diese nicht gewährt. Aus der Perspektive von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ist das aber eine völlige Schieflage. Der Fokus müsste eigentlich darauf liegen, inwieweit diese Menschen selbstständig wohnen können und welche Unterstützung sie dabei brauchen.

Sie fordern mehr Risikobereitschaft?

In der Institution ist alles geregelt und sicher. Sobald jemand selbstständig wohnt, ist diese Sicherheit weg. Davor haben Eltern und Behörden oft allzu grossen Respekt. Man will die Menschen mit einer Behinderung ja nur schützen. Man muss aber die richtige Balance zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung finden. Jeder von uns löst sich als Jugendlicher vom Elternhaus ab. Bei Menschen mit Behinderung lässt die Gesellschaft diesen Ablösungsprozess oft nicht zu.

Müssten nicht auch die Heime mehr Selbstbestimmung zulassen?

Die Heime müssten sich stärker darauf ausrichten, Menschen mit Behinderung bei ihrer Lebensgestaltung Unterstützung zu bieten. Heute ist es eher umgekehrt: Die Betriebsabläufe der Heime geben die Tagesstruktur der Bewohner vor. Häufig sind die Institutionen auch einfach zu gross. Ein selbstbestimmtes Leben wäre in kleineren Einheiten eher möglich. Zudem müssten diese näher am gesellschaftlichen Leben angesiedelt sein, eher in der Stadt also und nicht auf dem Land. Wichtig erscheint mir auch, dass man in der Kommunikation neue Wege geht und sich wirklich darum bemüht, auf die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung einzugehen.

Sie sehen in der Kommunikation Verbesserungsbedarf?

Wir schöpfen die Möglichkeiten der Kommunikation zu wenig aus. Gerade in den Heimen müsste man sich hier die entsprechenden Kompetenzen aneignen. Es braucht oft viel Zeit und Mühe, um mit Menschen mit einer Behinderung zu kommunizieren. Nur so aber nehmen wir sie in ihrer Würde und ihrem Menschsein ernst. Nicht wir sind die Spezialisten für ihr Leben, sondern sie sind die Spezialisten für ihr Leben. Wir glauben oft zu wissen, was gut ist für diese Menschen und sie sollen dann dankbar sein für alles, was wir für sie machen. Sobald sie eigene Forderungen stellen, haben wir Mühe damit.

Sie stehen grossen Institutionen kritisch gegenüber – trifft das auch auf die Vebo zu?

Ein ganz wichtiges Anliegen ist es mir, dass wir Menschen mit Behinderung als Teil der Gesellschaft wahrnehmen. Die UNO-Behindertenrechtskonvention hat dafür den Begriff «Inklusion» geprägt. Diese selbstverständliche Partizipation an der Gesellschaft müssen wir auf allen Ebenen fördern, in der Schule, in der Ausbildung, beim Wohnen und eben auch bei der Arbeit. In allen grösseren Einrichtungen, so auch in der Vebo, die bei der Beschäftigung von Behinderten im Kanton Solothurn ein Fast-Monopol besitzt, kann keine Durchmischung stattfinden. Die Menschen mit Behinderung arbeiten hier völlig separiert von allen anderen. Und sie müssen hier arbeiten, sie haben nicht die geforderte Wahlfreiheit.

Wie könnte es im Arbeitsbereich zu einer besseren Durchmischung kommen?

Es braucht noch mehr Modelle, wo Menschen mit einer Behinderung in Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes integriert werden können. Es gibt KMU, die sich bemühen, aber das reicht noch nicht. Wir sollten entsprechende Anreize für die Unternehmen schaffen. Lange Zeit hatte eine Institution wie die Vebo eine wichtige Bedeutung und sie hat dies auch heute immer noch. Die UNO-Behindertenrechtskonvention gibt uns aber jetzt die Gelegenheit, innezuhalten und uns zu fragen, ob wir unsere Strategien nicht überdenken müssen.