«Zu Hause!» Dieses Gefühl, so richtig freudig im Bahnhof meines Wohnortes einzufahren, kenne ich sonst nur aus den Ferien. An diesem Abend waren es aber nicht ein paar Wochen, die ich im Ausland weilte. Nein. Es waren lediglich ein paar Stunden. Aber die hatten es in sich. 

Begonnen hat alles in Aarau. Ich plane, den 22.29 Uhr Zug zu nehmen und während der Fahrt meine Arbeitsschicht zu beenden. Ein paar Bilder beschriften, eine E-Mail schreiben... Weil ich spät dran bin, renne ich ein gutes Stück vom Büro zum Bahnhof. Ich will ja den Zug nicht verpassen. Nur: Am Bahnhof wartet gar kein Zug. Es habe in Schönenwerd Personenunfall gegeben, heisst es. Ersatzbusse würden bis Olten fahren. 

Kaum auf dem Bahnhofplatz angekommen, fährt auch schon ein altes, vollgestopftes Postauto vor. Er müsse noch rasch telefonieren und nachfragen, wohin er fahren müsse, meint der Chauffeur, während sich der Bus leert. Er kam von Olten und fährt da auch wieder hin. Gut. Wir steigen ein. Ich ergattere einen Sitzplan im vorderen Teil des Postautos. Dieses füllt sich nach und nach. Laut kündigt sich ein Junggesellenabschied an. Party!!!

Um 22.45 Uhr gehts los. Nach zwei Minuten Fahrt, steigt plötzlich weisser Rauch auf. Nach Zigarette stinkt es nicht. Trockeneis? Nein, es ist der Feuerlöscher. Das Löschpulver reizt die Lungen, nicht nur ich muss husten. Der Bus hält, der weisse Rauch zieht ab und wir können endlich Richtung nächsten Bahnhof weiterfahren. 

23.12 Uhr. Bahnhof Olten. Rasch raus aus dem Postauto und ab zur nächsten elektronischen Fahrplananzeige. Auf Gleis 2 fährt der nächste ICN nach Solothurn. Der 22.40 Uhr Zug Richtung Lausanne mit unbestimmter Verspätung steht noch da. Nichts wie rein! Irgendeinmal wird er dann schon fahren, so meine Devise. 

Die welsche Zugbegleiterin geht nach ein paar Minuten durch die Waggons und erkundigt sich bei den Reisenden nach der Destination. Solothurn? Ja es dauere noch. Wie lange könne sie nicht sagen. Sie müsse halt auf das Zeichen des Lokführers warten. Ob ich denn nicht über Bern fahren wolle? Nein. Auf die anschliessende Fahrt im Regionalzug Bern-Solothurn kann ich verzichten, wenn ich ja hier in einem direkten Zug sitze. Ich blättere weiter in meinem Reiseführer.

Es ist mittlerweile 23.31 Uhr. Die Passagiere werden langsam unruhig. Keine Durchsage, keinen Anhaltspunkt, wann es denn weitergeht mit der Fahrt Richtung zu Hause. Weil ein paar Junge einsteigen, die nach Zürich wollen und mir sagen, dass der Zug so angeschrieben sei, packe ich meine Sachen und will das überprüfen. Und in der Tat: Auf der Anzeigetafel über dem Perron heisst es Zürich HB. Auf dem Display am Zug selbst steht jedoch weiterhin Solothurn-Lausanne. Dem soll noch jemand folgen können!

Ein Mitreisender konsultiert die stets aktuelle SBB-App und es zeigt sich: Die vermeintliche Solothurn-Bahn hat mal eben die Richtung geändert und ist nun ein Zürich-Zug. Hätte uns westwärts fahrende Passagiere jemand informiert? 

Bringt jetzt nichts, darüber nachzudenken. In der Bahnhofunterführung ist einiges los. Dutzende starren auf die grosse, rot-leuchtende Anzeigetafel im Herzen des Bahnhofs und eilen plötzlich in eine Richtung davon. 

Ich erspähe einen Zug auf Gleis 8. 23.02 Uhr hätte er fahren sollen, 45 Minuten Verspätung sind angegeben. Dann sollte er ja jeden Moment fahren, denke ich mir. Auf dem Perron treffe ich noch einen Kollegen, der in die gleiche Richtung muss. Wir tauschen erste Zug-Abenteuer-Geschichten aus.

Aus Gwunder wie lange es denn noch dauert, frage ich einen der SBB-Mitarbeiter auf dem Perron. Auf seinem Tablet leuchtet – wie auch auf der Anzeigetafel – alles rot. Ja, das sei schon der nächste Zug nach Solothurn. Wann er komme, könne er nicht sagen. Immerhin sei jetzt in Schönenwerd eines der beiden Gleise wieder offen für die Züge.

Passagiere warten auf dem Perron von Gleis 9 auf den nächsten Zug.

Passagiere warten auf dem Perron von Gleis 9 auf den nächsten Zug.

Beim Zurückgehen schnappe ich noch auf, wie eine andere SBB-Mitarbeiterin einem Touristen auf englisch erklärt, dass es wohl besser wäre, in Bern zu übernachten und am Sonntag weiterzufahren.

Ich freue mich auf mein Bett. Der Zug lässt derweil auf sich warten. Alle Passagiere harren relativ ruhig und gelassen aus. Dass es einen Personenunfall gegeben hat, wissen mittlerweile alle. Die SBB sind nicht schuld daran. Und austasten bringt die Züge auch nicht schneller in den Bahnhof.

Warten verbindet. Bahnreisende tauschen automatisch die aktuellsten Informationen aus und erzählen ihre Abenteuerreise. Mein Kollege ist von Rapperswil über Zürich und Basel nach Olten gefahren. Eine Baselbieterin will von Sissach nach Biel und ist jetzt in Olten mehr oder weniger gestrandet.

Immer wieder schauen wir auf die Anzeigetafel – und immer wieder steht da komplett was anderes! Da fährt ein Extrazug nach Bern, dann wieder ein Regionalzug nach Baden. Alle sind sie schneller als unser «Taxi». Als endlich unser ICN einfährt, können wir es kaum glauben. Dass er nun gleich fährt, ist aber weit gefehlt. Weil es der letzte Zug in diese Richtung sei, müsse man noch Anschlusszüge abwarten, gibt der Zugbegleiter durch. Immerhin sitzen wir an der Wärme. Nach einer weiteren Viertelstunde kommt Bewegung ins Spiel. Im Waggon ertönt erleichterter Applaus.  

Der ICN Richtung Lausanne hat zirka 60 Minuten Verspätung, steht auf der Anzeigetafel am Hauptbahnhof Solothurn. Ich schaue auf die Uhr. Um 0.05 Uhr hätte der Zug ankommen sollen, jetzt ist 1.15 Uhr. 

Eine chaotische Heimfahrt findet ein Ende. Doch ich bin heil angekommen. Meine Gedanken sind beim Mann, der in Schönenwerd sein Leben verlor.

Hatten Sie auch eine abenteuerliche Heimreise? Schreiben Sie ihre Erlebnisse doch ins Kommentarfenster. Wir sind gespannt!