40 Jahre für die Solothurner Zeitung
Der «Freie» ist wieder frei: SZ-Chefredaktor Urs Mathys geht in Pension

Urs Mathys, das Urgestein des Solothurner Journalismus, geht nach 40 Jahren in Pension. Eine Würdigung.

Martin Moser und Dagmar Heuberger
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Das Bild ist dem Team bestens vertraut: ums. von früh bis spät konzentriert am Platz – mit einem offenen Ohr für alle.

Das Bild ist dem Team bestens vertraut: ums. von früh bis spät konzentriert am Platz – mit einem offenen Ohr für alle.

Hanspeter Bärtschi

Es dürfte Zufall sein: In Stadt und Kanton Solothurn endet dieser Tage eine Ära. Auf städtischer Ebene gibt Stadtpräsident Kurt Fluri den Schlüssel zum Rathaus in der Altstadt ab. Auf kantonaler Ebene klappt Urs Mathys (ums.) im Medienhaus der «Solothurner Zeitung» beim Bahnhof den Deckel seines Laptops zu. Fluri war 28 Jahre lang Stadtpräsident von Solothurn, Mathys schrieb während fast vier Jahrzehnten über Solothurner Kantonspolitik.

Urs Mathys begann seine journalistische Laufbahn mit einem Stage bei der «Solothurner Zeitung». Anfang der 1980er-Jahre entschied er sich für eine Karriere als sogenannter «Freier». Will heissen, er schrieb Artikel für Schweizer Tageszeitungen, ohne von diesen eine feste Anstellung zu haben, war also quasi selbstständiger Unternehmer. Es war die Zeit, in der sich die Printmedien weit verzweigte Korrespondentennetze im In- und Ausland leisten konnten. Noch machten keine Gratisblätter den Bezahl-Zeitungen das Überleben schwer, das Internet steckte in den Kinderschuhen und entsprechend gab es auch die Online-Medien noch nicht.

Die Stimme des Kantons Solothurn in der Schweiz

Zugleich war es die Zeit, in der der Kanton Solothurn schweizweit für eher unrühmliche Schlagzeilen sorgte: Mit dem Spanien-Reisli des Gesamtregierungsrats (1983) und dem darauffolgenden Prozess samt Freispruch (1984), mit dem Zusammenbruch der Solothurner Kantonalbank (1994) oder mit den jahrelangen Diskussionen über die Linienführung der Autobahn A5. Für den freien Journalisten Urs Mathys war es eine goldene Zeit. Er schrieb über all diese Themen und von Basel bis in die Ostschweiz und natürlich auch im Nachbarkanton Aargau druckten fast alle Deutschschweizer Zeitungen seine Artikel.

Mathys war sozusagen die Stimme des Kantons Solothurn in der Schweiz.
Das lag auch daran, dass ums. es versteht, selbst die kompliziertesten Sachverhalte in einer klaren, verständlichen Sprache zu schildern. Umständliches Geschwurbel war und ist seine Sache nicht und durch seine Texte zieht sich stets ein roter Faden. Freilich ist Mathys auch einer, der gerne ausführlich schreibt. Seine Artikel sind folglich meistens eher lang. Und weil er so präzise formuliert, sind sie kaum zu kürzen – eigentlich. Der Jungredaktorin, die damals beim «Aargauer Tagblatt» die Aufgabe hatte, ums-Artikel auf ein zeitungskonformes Mass zu stutzen, bereitete das mehr als einmal Kopfzerbrechen.

Er wahrte stets kritische Distanz

Obwohl ursprünglich aus dem Oberaargau stammend, macht Mathys seinem Vornamen alle Ehre: Er ist in Stadt und Kanton verwurzelt, was jedoch nicht heisst, dass er sich als Journalist von Polit- und anderen Grössen vereinnahmen liess. ums wahrte vielmehr stets kritische Distanz und fuhr den Regierenden, wenn nötig, auch mal an den Karren. Neben seiner im besten Solothurner Sinn liberalen Haltung hatte ums. auch eine gewerkschaftliche Seite. Jahrelang engagierte er sich im Vorstand des Journalistenvereins Aargau-Solothurn. Als Präsident der freien Journalistinnen und Journalisten setzte er sich vor allem für die Interessen der «Freien» ein.

Doch spätestens als das von Anfang an kleine Grüppchen der «Freien» nur noch aus Urs Mathys und Sabine Altorfer (später Kulturredaktorin dieser Zeitung) bestand und schliesslich still und leise einschlief, zeichnete sich ab, dass die guten Jahre der «Freien» vorbei waren. Mathys zog die Konsequenzen: Er schrieb nun auch wieder für die «Solothurner Zeitung», zuerst als Gerichtsberichterstatter. Anfang 2001 bekam er eine Festanstellung und wurde Leiter der Regionalredaktion. Nach 20 Jahren waren seine fundierten Analysen und Kommentare nun endlich auch in seiner Wahlheimat zu lesen.

Gleichzeitig loyal und kritisch

Nur ein paar Monate nach seinem Eintritt in die Redaktion gaben die Verlage der «Solothurner Zeitung», der «Aargauer Zeitung», des «Oltner Tagblatts» und des «Zofinger Tagblatts» den Zusammenschluss zur «Mittelland Zeitung» auf Anfang 2002 bekannt. Diese sich anbahnende Fusion der Redaktionen, die in der heutigen CH Media mündete, hätte Urs Mathys als Freiem wohl endgültig den Boden unter den Füssen weggezogen. Bei der «Solothurner Zeitung» indes eröffneten sich neue Perspektiven: Nach einem Chefredaktoren-Wechsel wurde er Mitte 2001 unter Theo Eckert stellvertretender Chefredaktor und blieb Leiter der Regionalressorts.

In dieser Funktion begleitete er das entstehende Zeitungsgeflecht der «Mittelland Zeitung» und schliesslich von CH Media gleichzeitig loyal und kritisch, immer mit Fokus darauf, was für seine Leserinnen und Leser sowie für seine Redaktorinnen und Redaktoren das Beste wäre. Als Vorgesetzter navigierte er das Schiff mit der immer kleiner werdenden Truppe geschickt durch alle Fusionsstürme. Auch die Sturmwellen dieser heterogen zusammengesetzten Redaktion glättete er mit viel Geduld und Ruhe. Laut wurde er dabei selten. Dafür hatte er immer ein offenes Ohr für Kummer und Sorgen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Diese Geduld zeichnete ihn auch aus, wenn es darum ging, jungen Schreibtalenten das redaktionelle Handwerk beizubringen.

Praktikantinnen und Stagiaires konnten darauf vertrauen, dass sie von Mathys eine solide, praxistaugliche Ausbildung im Printjournalismus erhielten. Unzählige Journalistinnen und Journalisten haben in den 20 Jahren bei ihm gelernt, wie man Zeitung macht. Darunter sind auch seine beiden Nachfolger Lucien Fluri und Sven Altermatt. In den letzten Monaten nach dem überraschenden Tod von Balz Bruder führte er die «Solothurner Zeitung» interimistisch als Chefredaktor. Auch diese äusserst schwierige Zeit meisterte er mit Geduld und Umsicht.

Urs Mathys war der Doyen, das Urgestein des Solothurner Journalismus. Nach fast 20 Jahren als freier Journalist und 20 Jahren als festangestellter Redaktor geht er in Pension. Der «Freie» ist wieder frei. Und hat die Freiheit, seinen Laptop wieder anzuwerfen und vielleicht hin und wieder ein paar Zeilen für die «Solothurner Zeitung» zu schreiben.

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