Wiler bei Utzenstorf
In dieser Mega-Halle im Wald werden neue SBB-Züge aufgemotzt

In einer 240 Meter langen Halle zwischen Gerlafingen und Wiler bei Utzenstorf werden Testzüge für die SBB auf den neusten Stand gebracht. Die Bombardier Transportation AG beschäftigt dort 66 Personen, welche die Mängel der neuen Züge ausbessern.

Urs Byland
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Projektleiter Christoph Tietz (links) und Werkleiter Thomas Widmann lassen in der riesigen Halle die Testzüge auf den neusten Stand bringen.

Projektleiter Christoph Tietz (links) und Werkleiter Thomas Widmann lassen in der riesigen Halle die Testzüge auf den neusten Stand bringen.

Urs Byland

Zwischen Gerlafingen und Wiler bei Utzenstorf, mitten im Wald, steht das Cargodrome: Es wurde als Güterumlade-Terminal konzipiert, wo Güter von der Strasse auf die Schiene verladen wurden, funktionierte eine Zeit lang, erlitt dann aber Schiffbruch und wurde verkauft. Käufer war die Moser Maschinen und Immobilien AG aus Gerlafingen.

Jetzt hat die 240 Meter lange Halle mit Gleisanlagen vorübergehend eine Mieterin gefunden: Die Bombardier Transportation (Switzerland) AG, die zum kanadischen Bombardier-Konzern gehört und in der Schweiz über 1000 Mitarbeitende beschäftigt. Sie bringt in der Halle Zugskompositionen für die SBB auf den neusten Stand.

Stoff für die Richter

2010 erhielt Bombardier den SBB-Auftrag mit Lieferdatum Ende 2013. Doch bereits im April 2012 wurde klar, dass es Verspätungen geben wird. Unter anderem wegen einer ersten Auseinandersetzung mit Behindertenverbänden vor Bundesgericht.

Zudem gab es technische Probleme und Änderungswünsche der SBB. Ein langes Hin und her fand im Februar 2012 vor Bundesgericht ein Ende und ist im Januar 2018 neu aufgekommen. Behindertenorganisationen hatten eine Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Der Vorwurf: der Zug sei nicht behindertengerecht. Die aufschiebende Wirkung wurde abgewiesen, und die SBB erhielten grünes Licht für den Einsatz aller Züge. Das endgültige Urteil steht noch aus. Der Zug erfülle aber alle Normen, die er im internationalen und nationalen Verkehr erfüllen muss, so Bombardier. (uby)

Bombardier erhielt 2010 den Zuschlag im grössten Zugsdeal der SBB. Damals wurden 59 Doppelstockzüge für 1,9 Milliarden Franken geordert. Aufgrund von Lieferverzögerungen entschädigte die Herstellerin die SBB mit der Lieferung dreier weiterer Züge, sodass der Gesamtumfang statt 59 nunmehr 62 Triebzüge mit 460 Wagen beträgt.

Ideale bauliche Voraussetzungen

Der Projektverantwortliche für das Upgrade der Zugskompositionen ist der Deutsch-Schweizer Christoph Tietz. Bombardier hat schon einige Testzüge gebaut, an denen weitere Anpassungen vorgenommen werden. Aktuell befinden sich in Wiler zwei Zugkompositionen, die im Schattenbetrieb auf ihre Dauerhaftigkeit getestet wurden.

Sie fuhren März bis Dezember als Testzüge auf dem Liniennetz der SBB. Während dieser Zeit wurden Kinderkrankheiten entdeckt, Mängel beseitigt und von den SBB auf Optimierungen hingewiesen. «Nach diesen Testfahrten veredeln wir den Zug sozusagen für die Übergabe an die SBB», erklärt Christoph Tietz.

Ziel sei es, möglichst schnell auszuliefern. Um die Kapazität der Infrastruktur zu erhöhen, wurde im letzten Herbst die Halle im Wiler Cargodrome zugemietet. Das Hauptwerk befindet sich in Villeneuve. Dort wird der Zug in einer Serienproduktion gebaut. Die Infrastruktur in Villeneuve ist aber nicht eingerichtet, um gleichzeitig alle Upgrades zu machen. Die Halle in Wiler ist mit 240 Meter Länge ideal, und sie war zu haben.

66 Personen an der Arbeit

In Wiler arbeiten 66 Personen für Bombardier. «Wir suchen weiteres Personal», sagt Tietz. Sesshaft werden die Mitarbeiter in Wiler kaum. Das weiss auch Christoph Tietz, der seit 1996 in der Schweiz lebt. Inzwischen ist er Doppelbürger. Seine beiden Kinder wurden in der Schweiz geboren. Die Arbeit in Wiler soll noch für zwei Jahre reichen. So lange wird die Halle sicher gemietet. Hätte Bombardier selber die entsprechende umfangreiche Infrastruktur aufbauen müssen, die sie nun in Wiler nutzt, hätte sie dafür Millionenbeträge aufwenden müssen.

Twindexx Swiss Express

Der Doppelstockzug hat zehn Prozent mehr Kapazität als jeder andere Zug auf dem Schweizer Bahnnetz und verfügt über mehr Komfort unter anderem wegen der neuen Kurventechnik. Die Fahrgastinformation erfolgt via Displays. Auch die Sitzplatzreservierung wird elektronisch angezeigt. Geliefert werden drei Varianten. Die IC-200-Variante ist mit 8 Wagen 200 Meter lang und verfügt über Speisewagen, Familien- und Gepäckabteil sowie 606 Sitzplätze. Die IR-200-Variante hat in 8 Wagen ohne Speisewagen und Sonderabteil 682 Sitzplätzen. Zudem gibt es den IR 100, der mit 4 Wagen 100 Meter lang ist und 330 Sitzplätze aufweist. Alle Varianten sind miteinander kuppelbar. Züge einer Länge von 100, 200, 300 und auch 400 Meter sind daher möglich. Für Letzteren sind aber nicht alle Bahnhöfe eingerichtet. Er würde über 1200 Personen befördern können. (uby)

Seit Februar werden die ersten Zugskompositionen des Twindexx Swiss Express im regulären Betrieb eingesetzt. Dabei testen die SBB zurzeit 4 der neuen Züge auf ihrem Streckennetz bei sogenannten Ertüchtigungsfahrten in Normalbetrieb. Werden die SBB weiterhin mit Bombardier zusammenarbeiten? «Sicher», sagt Tietz. Es sei nicht die einzige Zusammenarbeit mit den SBB. Aber das Projekt sei anspruchsvoll, weil der Zug eine Neuentwicklung für die SBB ist. «Es gibt viele Innovationen im Zug, der Bau ist technisch anspruchsvoll.» Die Flexity-Trams für Basel (oder Zürich) beispielsweise seien Plattformprodukte, die schon hundertfach im Einsatz seien und die man auf Termin pünktlich liefern könne.

Beim Twindexx komme unter anderem eine neue Kurvenfahrttechnik zum Zuge. Die Wank-Kompensation erlaube durch eine innovative Technik höhere Geschwindigkeiten in Kurven. Im Gegensatz zu aktiver Neigetechnik, die bis zu 8 Grad Neigung erlaubt, sind es hier nur 2 Grad. Dem Fahrgast im zweiten oberen Stock werde es nicht schlecht, und der Zug könne in den Kurven 15 Prozent schneller fahren. Hier leiste Bombardier Pionierarbeit und die sei immer mit Risiken behaftet, welche man mit umfangreichen Tests aber minimiert habe.