Die Schülerinnen und Schüler der Klasse B14a büffeln Mathe. Die Themen: das Rechnen mit Potenzen und geometrische Probleme. Ganz normaler Matheunterricht eben – und doch auch wieder nicht. Der Kreisumfang heisst nämlich «circumference» und das gleichschenklige Dreieck «isosceles triangle».

In elegantem Englisch erläutert Mathelehrer Bernhard Ruh die mathematischen Zusammenhänge. In kurzen englischsprachigen Sätzen antworten die Schüler auf die gestellten Lehrerfragen. Englisch als Unterrichtssprache in der Mathematik scheint für die Zweit-Gymeler an der Kanti Solothurn schon fast normal zu sein.

Die Stimmung ist entspannt und konzentriert zugleich. «Nein, das bedeutet für uns keinen grossen Mehraufwand», sagt eine der Schülerinnen später achselzuckend gegenüber dieser Zeitung. Und: «Man lernt die englischen Fachausdrücke by the way», wirft ein Schulkollege locker ein.

Dass er in seinem deutschen Satz einen englischen Ausdruck integriert, scheint typisch zu sein für die angehenden Absolventen der bilingualen Maturität. «In den Gesprächen untereinander flechten wir immer wieder mal englische Wörter ein», stellt denn auch eine andere Schülerin fest. Getuschelt wird freilich auch im englischsprachigen Unterricht fleissig auf Deutsch.

Wenn den jungen Leuten der englische Sachunterricht nicht allzu schwer zu fallen scheint, dann auch deshalb, weil sie nicht gleich von Beginn des Gymnasiums weg ins kalte englische Sprachbad geworfen worden sind.

Die Kanti Solothurn hat sich nämlich – wie bereits zuvor die Kanti Olten – dazu entschieden, sämtliche Sachfächer im ersten Gymi-Jahr auf Deutsch zu unterrichten.

Die Klasse B14a hat also erst im vergangenen Sommer mit dem englischen Matheunterricht begonnen. Neben dem Fach Mathe ist an der Kanti Solothurn ab der zweiten Klasse auch in Geschichte sowie in Chemie oder Biologie die Unterrichtssprache Englisch.

Spät auf den Zug aufgesprungen

Von den eidgenössischen Gremien vorgegeben ist einzig, dass die Absolventen der bilingualen Maturität im Minimum 800 Lektionen fremdsprachigen Sachunterricht genossen haben müssen. Egal in welchen Fächern und ob auf drei oder vier Jahre verteilt. «An der Kanti Solothurn kommen wir jetzt auf 1100 Lektionen bis zum Abschluss», sagt Dieter Müller stolz.

Er ist Konrektor an der Kanti Solothurn und neben der bilingualen Maturität für den Schwerpunkt Wirtschaft und Recht zuständig. Eingeschlossen in dieser Zahl von 1100 Lektionen ist in der vierten Klasse des Gymnasiums der englischsprachige Unterricht in einem frei wählbaren Ergänzungsfach. Und schliesslich müssen die Schüler ihre Maturaarbeit auf Englisch verfassen.

Die Kanti Solothurn folgt dabei spät dem Trend, eine zweisprachige Maturität anzubieten. Während schweizweit diese Möglichkeit längst zum Standard gehört, sind die 22 Schülerinnen und Schüler der B14a an der Kanti Solothurn die ersten, die eine bilinguale Matur absolvieren können. Die kleiner Kanti Olten hat damit bereits im Schuljahr 2009/2010 (siehe Kasten) begonnen.

Im letzten August startete in Solothurn der zweite Jahrgang. Und in den vergangenen Wochen haben im Hinblick auf den dritten Durchgang ab August 2016 diverse Schüler- und Elterninformationen stattgefunden. Statt auf die bilinguale Maturität setzte die Kanti Solothurn während vieler Jahre auf das Schwerpunktfach Englisch, das in der ganzen Nordwestschweiz nur hier angeboten wird.

Die allermeisten Schulen im deutschsprachigen Raum – auch an den beiden Solothurner Kantonsschulen – ermöglichen die bilinguale Maturität dabei einzig mit Englisch. Gerade im Brückenkanton Solothurn, der Französisch als erste Fremdsprache an den Schulen pflegt, ist das doch eher erstaunlich. «Wir haben eine Umfrage unter Schülern und Lehrern durchgeführt und das Ergebnis war eindeutig», erläutert Dieter Müller den Entscheid der Solothurner Kanti. In der Westschweiz im Übrigen geben die meisten Gymnasien Deutsch vor Englisch den Vorzug.

Instrument der Begabtenförderung

Um überhaupt eine zweisprachige Maturität anbieten zu können, müssen die Schulen genügend Fachlehrpersonen ins Boot holen, die über ein hohes sprachliches Niveau verfügen (Certificate of Proficiency English). «Die Bereitschaft der Lehrpersonen die nötigen Weiterbildungen zu absolvieren, war ausgesprochen gross», betont Dieter Müller.

Für Bernhard Ruh etwa, den altgedienten Mathelehrer der B14a, ist Mathematik auf Englisch eine willkommene Möglichkeit, sich beruflich zu «diversifizieren», wie er sich ausdrückt. Ihm, der seinerzeit ein humanistisches Gymnasium besucht hat, bereitet es dabei besonders viel Spass, die englischen Fachausdrücke aus dem Lateinischen und Griechischen herzuleiten.

Fanden sich schnell einmal genügend Lehrpersonen, dürften sich im Einzugsgebiet der Kanti Solothurn noch etwas mehr Schüler für die bilinguale Maturität interessieren. Der zweite Jahrgang startete im letzten Sommer mit nur 16 Schülern. Statt einer Klasse pro Jahrgang hätte die Kanti zudem die Kapazität für zwei Parallelklassen. «Etliche Eltern und Schüler befürchten einen allzu grossen Mehraufwand», meint Müller. Und klar, «es braucht sicher einen gewissen Durchhaltewillen», fügt er bei. «Wir verstehen die bilinguale Klasse aber ausdrücklich nicht als Elite.» 

Andererseits ist die fremdsprachige Maturität auf der Website der Kanti Solothurn als Instrument der Begabtenförderung aufgeführt. Die Aufnahmekriterien sind denn auch nicht ganz ohne. So müssen die interessierten Schüler der letzten Sek-P-Klassen einen Schnitt von 5,0 in den zählenden Fächern erreichen. An der Kanti Olten erfolgt das Aufnahmeverfahren demgegenüber im ersten Gymi-Jahr – und zudem brauchts einen nicht ganz so hohen Notenschnitt.

Schweizweit gibt es laut Dieter Müller an den Kantonsschulen hierzu unterschiedliche Vorstellungen. Die von der Kanti Solothurn gestellten Bedingungen erfüllen immerhin zwischen 30 und 40 Prozent aller Sek-P-Schüler. Fragt man die Schüler, dann lohnen sich die Anstrengungen: «Die bilinguale Maturität ist auf die Zukunft ausgerichtet», meint eine Schülerin.

Wer eine bilinguale Matur vorweisen könne, habe die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ist sie überzeugt. «Ich liebe Englisch einfach», begründet einer ihrer Klassenkameraden seinen Entscheid.

Austauschjahr und Schwerpunktfach

Für eine Schülerin, die bereits ein Austauschjahr im englischsprachigen Ausland absolviert hat, bietet die bilinguale Matur die Möglichkeit, ihr Englisch weiter in der Praxis anzuwenden. Andere planen noch ein Austauschjahr. Im Unterschied zur bilingualen Maturität ist ein einjähriger Aufenthalt im Ausland allerdings mit etlichen Kosten verbunden. Für die Mehrheit der Klasse B14a ist die zweisprachige Matur deshalb eine gute Möglichkeit, eine höhere umgangssprachliche Gewandtheit in der «Weltsprache Englisch» zu erreichen.

Das sprachliche Niveau, das die Schüler bis zur bilingualen Matur erzielen sollen, entspreche – im Minimum – einem Certificate of Advanced English (CAE), betont Müller. In den Zertifizierungskursen, die an den Kantonsschulen angeboten werden, können aber auch Schüler der «normalen» Maturität ein solches Niveau erreichen. «Neben den allgemeinen Sprachkenntnissen will die bilinguale Maturität vor allem die Vertrautheit mit Englisch als Verkehrssprache fördern», betont Dieter Müller.

Ein weiteres wichtiges Ziel sei es, die fachspezifischen Ausdrücke in einer Reihe von Sachfächern kennenzulernen. Dies mit Blick auf ein späteres Studium an der ETH oder der Uni, wo Englisch als Unterrichtssprache mehr und mehr an Bedeutung gewinnt.

Damit ist auch der Unterschied zum Schwerpunktfach Englisch umrissen, das sich an der Kanti Solothurn grosser Beliebtheit erfreut – und damit die bilinguale Maturität konkurrenziert. Hier gehts weniger um Englisch als Umgangssprache, im Zentrum stehen vielmehr die englische Literatur und Kultur.