Biberist
In diesen Kajütenbetten sollen die 30 Asylbewerber schlafen

30 Asylbewerber werden in der Biberister Zivilschutzanlage Grüngen untergebracht. Heute Donnerstag sollen sie einziehen. So sieht die Anlage von innen aus.

Lucien Fluri
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Der Eingang zur Zivilschutzanlage liegt neben dem Restaurant Biber.
8 Bilder
Hier gehts hinunter in die Zivilschutzanlage
Es hat eine schnale Duschkabine mit zwei Duschen, aber ohne Abtrennung
Daneben sind vier Toiletten
Waschraum mit Brünneli
Zivilschutzanlage Grüngen in Biberist

Der Eingang zur Zivilschutzanlage liegt neben dem Restaurant Biber.

Hansjörg Sahli

Gerade mal zwei Meter Luftline von der Gartenterrasse des Restaurants Biber entfernt liegt der Treppenabgang in den Betonbunker, der von oben so unscheinbar aussieht, als ob er im Kalten Krieg hätte geheim bleiben müssen. Unten öffnet Stefan Hug-Portmann, Leiter Zentrale Dienste in Biberist, die Türe. Es riecht, wie es in jeder Zivilschutzanlage riecht. Das Kunstlicht ist fahl. Vier WC-Kabinen stehen gleich beim Eingang, daneben eine enge Duschkabine, in der zwei Männer ohne Abtrennung oder Vorhang nebeneinander duschen können. Für 30, maximal 40 vorwiegend alleinstehende Männer muss die Dusche in den nächsten Monaten reichen. Ein Waschraum, zwei Schlafräume mit doppelstöckigen Bettgestellen aus Eisen und ein Aufenthaltsraum ergänzen die Infrastruktur. Für den Kanton ist klar: Die Anlage kann «nur als Überlaufventil für eine kurze Betriebsdauer» genutzt werden. Sechs Monate sind vorerst mit der Gemeinde vereinbart.

Ängste bei der «Biber»-Wirtin

Oben, gleich neben dem Eingang, steht «Biber»-Wirtin Gabriela Burkhalter, die seit gerade mal einem Tag weiss, dass der Keller unter ihrem Restaurant ab sofort auch ein Asyldurchgangszentrum ist. Die Gastronomin, deren Gartenwirtschaft unmittelbar oberhalb des Eingangs zur künftigen Asylunterkunft liegt, hat keine Freude daran. «Ich habe gar nichts gegen die Leute», betont sie. Aber ungeklärte Fragen beschäftigen die Frau, die während des Jugoslawien-Krieges bereits Flüchtlinge unter ihrem Betrieb – und damit verbunden Umsatzeinbussen – hatte. «Ich habe viele weibliche Gäste», sagt sie. Wie reagieren diese, kommen sie abends noch? Und überhaupt: Die Leute aus dem Bunker müssten sich doch irgendwo aufhalten. «Sie können ja sicher nicht 24 Stunden im Keller verbringen». Welches Bild das wohl abgeben werde, wenn sich die Asylsuchenden rund um das Restaurant und auf ihrem Parkplatz aufhielten, fragt sich die Wirtin. «So eine Unterkunft kann auch geschäftsschädigend sein.»

Sorgentelefon für Bevölkerung

Stefan Hug-Portmann, der als Verwaltungsleiter den ferienhalber abwesenden Gemeindepräsidenten vertritt, hat Verständnis für die Bedenken der Wirtin. «Wir werden jede Anregung aus der Bevölkerung ernst nehmen», verspricht er und überreicht der Wirtin eine Visitenkarte mit seiner Telefonnummer. Er erklärt, dass jetzt im Anzeiger eine Nummer publiziert wird, an die sich die Biberister bei allfälligen Problemen wenden können. Er betont, dass Gemeinde und Kanton Betreuungsstrukturen und Tagesprogramme, etwa im Biberister Werkhof, anbieten werden. Bei grossen Problemen könnte die Gemeinde die Notbremse ziehen und die Übung abbrechen. Und Hug bestätigt: Beim Kellerabgang wird noch ein Sichtschutz gebaut. Die Gäste der Gartenbeiz sehen dann nichts mehr von den Asylsuchenden, die in ihre Unterkunft abtauchen.

Ein Sichtschutz, damit man das Problem nicht sieht? In vielen anderen Gemeinden könnte man das als Symbolbild nehmen. Aber nicht in Biberist, das neben Balm, Selzach und Oberbuchsiten als eine der wenigen Gemeinden dem Kanton Hand bietet. «Es ist eine Tatsache, dass Asylbewerber in unser Land kommen», sagt Stefan Hug. «Man kann nicht so tun, als ob das nicht so sei. Biberist sei in der Pflicht, seine Verantwortung als Gemeinde wahrzunehmen.

Es fehlen auch weiterhin Plätze

David Kummer muss sich täglich überlegen, wie er die Asylsuchenden, die der Bund dem Kanton zuteilt, unterbringen kann. Das gehört zu seinem Jobprofil. Aber seit 2002 gab es nie mehr so viele Asylsuchende, die der Kanton aufnehmen musste. 264 Plätze gibt es in den drei kantonalen Durchgangszentren, aber 308 Asylsuchende, die Kummer unterbringen muss. 117 Prozent ist die Belegung. «Einfacher wird der Betrieb von überbelegten Unterkünften nicht», sagt Kummer. Alleine im Juni hat der Kanton 100 Asylsuchende vom Bund zugeteilt erhalten, 380 waren es im ersten Halbjahr. Und mit einem Rückgang ist nicht zu rechnen: Für die zweite Jahreshälfte rechnet der Kanton nochmals mit 500 bis 600 neuen Asylsuchenden, darunter Familien aus Syrien und Eritrea.

Mit der zusätzlichen Unterkunft in Biberist ist etwas Druck weg, doch noch immer sucht der Kanton nach rund 80 bis 120 Plätzen für einen reibungslosen Betrieb. Er hat deshalb die Gemeinden angeschrieben und bittet sie, freie Plätze rasch zu belegen, und ihre eigenen «Unterkünfte mit weiteren Betten auszustatten, um zusätzliche Asylsuchende aufnehmen zu können.»

Mehr Zuweisungen an Gemeinden

So oder so wird der Kanton die Gemeinden in den kommenden Monaten stärker in die Pflicht nehmen. Denn nach drei bis vier Monaten in den kantonalen Durchgangszentren werden die Asylsuchenden auf die Gemeinden verteilt. Nun hat der Kanton diejenige Zahl an Asylbewerbern erhört, die die Gemeinden aufnehmen müssen – von 350 auf 500 für 2014. «Das Asylwesen ist letztlich eine Verbundaufgabe zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden. Die Gemeinden sind auch in der Pflicht», sagt David Kummer. «Kein Weg führt daran vorbei, dass alle ihre Sache machen.» Jede Gemeinde könnte mithelfen das Platzproblem in den Durchgangszentren entschärfen, indem sie mehr Plätze anbietet. Denn wenn der Kanton auch noch Probleme habe, Asylsuchende den jeweiligen Gemeinden zuzuteilen, «haben wir sofort Engpässe», so Kummer – im Wissen, dass es nicht für jede Gemeinde gleich einfach ist, Wohnraum zu finden. In die Pflicht will der Kanton aber vor allem diejenigen Gemeinden nehmen, die schon heute ihr Aufnahmesoll nicht erfüllen.