Pflegefamilie

In diesem Haushalt sind junge Asylsuchende die Pflegekinder

Sie haben sich in Schnottwil langsam eingelebt, ihr Deutsch wird von Tag zu Tag besser: Dawid (13), Tekle (16) und Johannes (17)

Sie haben sich in Schnottwil langsam eingelebt, ihr Deutsch wird von Tag zu Tag besser: Dawid (13), Tekle (16) und Johannes (17)

Vorläufige Endstation Schnottwil: Seit vier Monaten leben drei junge, alleinreisende Asylsuchende bei einer Schweizer Pflegefamilie und versuchen, in den Schweizer Alltag zu finden. Ein Besuch.

Ob sie wissen, dass sie an einem Ort leben, der schweizerischer nicht anmuten könnte? «Zum Schützen» steht in grossen Lettern am massiven früheren Schnottwiler Gasthaus, in dem seit rund vier Monaten die jungen Eritreer Johannes (17), Tekle (16) und Dawid (13) bei ihrer Schweizer Gastfamilie leben. Grüne Wiesen und Felder liegen rund um das neue Zuhause der drei jungen Männer. Postauto und Landstrasse führen in die Idylle am äussersten Zipfel des Kantons Solothurn.

Hier endet für die drei minderjährigen Eritreer, vorläufig, eine lange Reise, die sie ganz alleine unter ihre Füsse genommen haben. Weit weg von ihrer Heimat und ihren Eltern sollen sie nun bei der Familie Frésard Familienanschluss und Integration finden.

Ankunft in Schnottwil. Am einstigen Zapfhahnen in der früheren «Schützen»-Gaststube hängen heute Schlüsselbunde, der Tresen ist noch da. Bier fliesst keines mehr, doch die Gastfreundschaft ist geblieben. «Hausherr» im «Schützen» ist Christophe Frésard. Der aufgestellte 52-Jährige spricht mit leicht französischem Akzent. Er lebt hier mit seiner Frau, drei Hunden, den eigenen Kindern und seit Jahren mit Pflegekindern. Vor vier Monaten zogen mit den drei Eritreern erstmals Asylsuchende in das Haus ein. «Warum nicht, wenn man schon ein so grosses Haus hat», sagte Frésard.

Es ist ein neues Projekt: Seit Kurzem versucht der Kanton, minderjährige Asylsuchende bei Pflegefamilien unterzubringen. Die Idee dahinter heisst Integration. Heute leben die meisten der 101 minderjährigen Asylsuchenden im Kanton in Wohngemeinschaften oder im Asyldurchgangszentrum.

Das Natel: Der einzige Kontakt zu den Eltern

Dawid, der schlanke, erst 13-Jährige, hält die rechte Hand zur Begrüssung hin, neigt dabei seinen Kopf mit den dunklen Locken nach vorne und fasst sich mit der linken Hand an den rechten Ellbogen. So wie es in Eritrea üblich ist. Um seinen Hals trägt der Junge das orthodoxe Kreuz.

Neben ihm steht der 16-jährige Tekle. Sie sind schon länger zusammen unterwegs, irgendwo auf ihrer Reise haben sie sich getroffen. Beide wollten zusammen untergebracht werden. Sie teilen sich das Zimmer, auch wenn jeder ein eigenes hätte haben können.

Johannes, der älteste, ist froh, nun im Bucheggberg zu sein und nicht mehr in der Asylgrossunterkunft in Selzach. «Dort konnte ich nicht gut schlafen», sagt er auf Deutsch. Acht Personen lebten in einem Raum, Musik lief.

Liegt Schnottwil nicht etwas abgelegen? Die drei lächeln. Und sagen, dass es kein Problem ist. Sie sind zu freundlich, als dass sie Kritik äussern würden. Sie freuen sich über den Schulbesuch im Bucheggberg, über die Trainingsstunden im Badminton- oder Fussballverein.

Wie kamen sie in die Schweiz? Warum kamen sie? Persönliche Fragen, die sich nicht in einem anderthalbstündigen Gespräch klären lassen. Auch Christophe Frésard kennt ihre Geschichte nicht einfach so. «Sie erzählen, was sie mögen», sagt der 52-Jährige. Per Natel sind sie regelmässig in Kontakt mit ihren Eltern. «Wir rufen an, wenn sie das Bedürfnis haben», sagt Frésard. Ihre richtigen Namen und Gesichter möchten die drei nicht veröffentlicht sehen. Sie fürchten Restriktionen für die Eltern zuhause.

Christophe Frésard ist gelernter Koch. Und als mehrfacher Familien- und Pflegekindvater froh, dass in seinem Haus, dem früheren Gasthaus Schützen in Schnottwil, noch immer eine grosse Küche ist. Oft sitzen 10 Personen am Tisch.

Christophe Frésard ist gelernter Koch. Und als mehrfacher Familien- und Pflegekindvater froh, dass in seinem Haus, dem früheren Gasthaus Schützen in Schnottwil, noch immer eine grosse Küche ist. Oft sitzen 10 Personen am Tisch.

«Es erfordert grosse Flexibilität»

Barbara Furrer fährt in ihrem Toyota nach Schnottwil. Die Mitarbeiterin im kantonalen Amt für soziale Sicherheit ist verantwortlich für die Bewilligungen der Solothurner Pflegefamilien. Denn wer Asylsuchende bei sich aufnehmen will, braucht die übliche Pflegefamilien-Bewilligung; ein Verfahren, das etwa acht bis zehn Wochen dauert.

«Es ist die beste Unterbringung», sagt Furrer. Die Hoffnung: Die Integration gelingt einfacher. «Es erfordert grosse Flexibilität. Die Ungewissheit muss man als Familie aushalten können», sagt sie. Wie lange die Kinder bei ihnen bleiben. «Offenheit zeichnet die Familien aus», sagt Furrer. «Man muss reagieren können, ohne in Panik zu geraten.» Das weiss auch Christophe Frésard. Vergangenes Jahr lebte ein junger Mann aus Tunesien bei der Familie. Es ging nicht gut. «Er lief immer weg.»

«Sie sind so anständig»

Christophe Frésard weiss jetzt, was Zwiebeln auf Tigrinya heisst. So oft haben die drei Teigwaren mit Zwiebeln gekocht. Am Anfang konnten sie sich nicht verständigen, die beiden jüngern Asylsuchenden schliefen mit den Kleidern, der Wasserhahn wurde nicht abgedreht.

Sie konnten das Wetter nicht richtig interpretieren und wussten nicht, wann sie eine Mütze anziehen sollten. Das waren Alltagssorgen. «Es ist anspruchsvoll zu Beginn. Wenn sie etwas lernen, geht es schnell», sagt Christophe Frésard und dann seufzt er. «Sie sind so anständig. Sie dürften Seich machen. Sie müssen auch noch Kinder sein.» «Wenn sie sagen, dass sie um 16 Uhr hier sind, sind sie hier.» Wenn einer auf dem Abwaschplan steht, helfen alle drei mit.

Christophe Frésard und seine Frau haben schon mehrere Pflegekinder aus der Schweiz beherbergt. Das habe mehr Geduld gebraucht, sagt Frésard. In diesen Fällen hätten die Kinder oft seelische Verletzungen und brauchten mehr Geduld. «Hier ist die Aufnahme ein anderer Grund.» Und sonst: Probleme, Diskussionen? Der Natelgebrauch. Wie bei allen Familien mit Teenagern halt.

«Man muss Zeit haben», sagt Frésard. Der gelernte Koch ist froh, dass im Haus noch die grosse frühere Gastronomieküche ist. Eigene Kinder, frühere Pflegekinder, die drei jungen Asylsuchenden und Gäste: Er kocht immer für eine «Grossfamilie». «Man macht das gerne, sagt Frésard. «Bei allen Pflegekindern kommt etwas zurück.»

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