Neue Spitalautos
In der Schweiz zu teuer: der Innenausbau der Fahrzeuge ist aus Polen

Die Gretzenbacher Firma ACT liefert Ambulanzen in die ganze Schweiz. Von der Firma stammen auch die vier Fahrzeuge für die Solothurner Spitäler. Der Innenausbau stammt jedoch aus Polen.

Lucien Fluri
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Kurt Huber richtet die neue Ambulanz für die Solothurner Spitäler ein. Gearbeitet wird nach Kundenwunsch.

Kurt Huber richtet die neue Ambulanz für die Solothurner Spitäler ein. Gearbeitet wird nach Kundenwunsch.

HR.Aeschbacher

Für Blaulichtfans ist die Gretzenbacher ACT Special Car Center AG eine der ersten Adressen: In der Industriehalle stehen rund ein Dutzend blitzblank polierte Ambulanzfahrzeuge in Reih und Glied – vom amerikanischen Oldtimer aus den 1930er-Jahren bis zum nigelnagelneuen Fahrzeug. In die ganze Schweiz liefert die Firma neue Ambulanzen aus.

Kurt Huber ist ein Fachmann für die Ambulanzfahrzeuge. Seit 1998 arbeitet er bei der Firma ACT. In den letzten Tagen hat er auch die letzten Arbeiten an den beiden Fahrzeugen vorgenommen, die gestern ans Kantonsspital Olten ausgeliefert worden sind. Vier neue Fahrzeuge haben die Solothurner Spitäler bestellt. Im Mai werden die beiden neuen Rettungswagen fürs Solothurner Bürgerspital ausgeliefert.

Mit zwei Fingern fährt Huber über den Boden des neuen Ambulanzfahrzeugs der Solothurner Spitäler, alles ist rundum abgedichtet und der Bodenbelag besteht aus einem 4-Komponenten- Streichboden. Das Möbelmaterial aus hochwertigem Kunststoff lässt sich besonders leicht reinigen. «Alles muss möglichst einfach zum Putzen und Desinfizieren sein», sagt Huber, der in seiner Freizeit an Oldtimern schraubt.

Die Schweiz ist zu teuer

Allerdings sind in Gretzenbach nur noch die letzten Feinarbeiten vorgenommen worden und die weiterhin nutzbare Ausrüstung wurde vom alten ins neue Fahrzeug transferiert. Der Innenausbau selbst stammt aus Polen. «In der Schweiz kann das aus Kostengründen niemand mehr machen», sagt Huber.

Allrad für die Jurahügel, Automat, 190 Diesel-PS, 3 Liter Hubraum und 5 Tonnen Gewicht. Das sind die Eckdaten der neuen Rettungsfahrzeuge der Solothurner Spitäler. 9 Monate dauerte die Lieferzeit, davon waren rund vier Monate für den Innenausbau vorgesehen. Die Fahrzeuge, in diesem Fall sind es Mercedes Sprinter, wurden als Serien-Lieferwagen in Deutschland gebaut.

Beat Walser, Betrieblicher Leiter Rettungsdienst der Solothurner Spitäler.
11 Bilder
Bubentraum: Die Bedieneinheit fürs Blaulicht
Der Defibrillator, der viel mehr kann: Das EKG wird schon von unterwegs an den Kardiologen übermittelt.
Das Wichtigste dabei: Blick in den Medikamentenschrank.
Feuerlöscher, Sauerstoffflaschen, Helme usw.
Beat Walser im Ambulanz-Fahrzeug
Der Autopulse führt die Herzdruckmassage automatisch und über lange Zeit durch.
Vakuum-Schiene
Perfusor
Absaugvorrichtung

Beat Walser, Betrieblicher Leiter Rettungsdienst der Solothurner Spitäler.

Hanspeter Bärtschi

Alte Fahrzeuge im Export

Eine Viertelmillion kostet ein Ambulanzfahrzeug wie es die Solothurner Spitäler bestellt haben ohne medizinische Ausrüstung und Gerätschaften. Diese machen nochmals rund 100 000 Franken aus. «Das Auto wird komplett nach Kundenwunsch unter Berücksichtigung der Euro-Norm ausgebaut», sagt Kurt Huber. «Kein Auto ist gleich.»

Zwar bestellen die Solothurner Spitäler vier tupfgenau gleiche Autos, damit alle Mitarbeiter jederzeit alles am richtigen Platz finden. Regional gesehen gibt es in der Schweiz aber zahlreiche Unterschiede. «In der Romandie gibt es oft einen Durchgang in die Fahrerkabine und statt eines Sitzes hinten eine Längsbank für die Rettungssanitäter», sagt Huber und drückt mit dem Knie auf den hydraulischen Tragentisch, der nachgibt. Er lässt sich elektrisch rauf und runter bewegen. Zusätzlich zur Luftfederung des gesamten Fahrzeugs verfügt auch die Liege noch über einen sogenannten Schwebemodus.

Die meisten Ambulanzen in Gretzenbach stammen von der Marke mit dem Stern. Zufall? Nicht nur wegen der sprichwörtlichen Zuverlässigkeit werden Mercedes bestellt. Ein Grund ist das Automatikgetriebe, das es in dieser Konfiguration mit Allrad und der notwendigen Nutzlast nicht bei vielen Herstellern gibt.

Sechs bis acht Jahre und 200 000 bis 300 000 Kilometer legt eine Ambulanz in der Schweiz in der Regel zurück, bis sie ersetzt wird. Dann ist ihr Leben aber noch nicht vorbei. Die Fahrzeuge werden exportiert, teils nach Europa, teils in Krisengebiete wie Syrien oder den Irak.