Kantonales Aktionsprogramm

In der Schule über Essstörung reden: «Das betrifft viele von uns»

Heidi Schenker erzählt der Klasse an der Kanti Olten ihre Geschichte.

Heidi Schenker erzählt der Klasse an der Kanti Olten ihre Geschichte.

Die Menschen im Kanton Solothurn sollen sich gesund ernähren, Essstörungen früh erkennen und verhindern können: im Rahmen eines kantonalen Programms finden Schulbesuche dazu statt. Das Beispiel aus Olten.

Damals schwankte ihr Gewicht zwischen 38 und 80 Kilo. Heute ist Heidi Schenker immer noch schlank, aber gesund. Damals, das war, als die heute 40-Jährige eine Essstörung hatte, rund zehn Jahre lang kämpfte sie zuerst mit Anorexie, dann mit Bulimie, dann mit Essattacken. Heute ist sie Mutter und arbeitet als Coach in der eigenen Praxis, spezialisiert auf Essstörungen. Heute redet sie ganz offen über ihre Geschichte. An diesem Tag tut dies die Oberdörferin an der Kantonsschule Olten. Wie die Lehrerin steht Schenker vor der Klasse – es ist aber überhaupt nicht wie normaler Unterricht. 14 Schüler sitzen an den zu einem U aufgestellten Pulten, es ist mucksmäuschenstill. Alle Blicke sind auf Schenker gerichtet, die erzählt, von den zehn Jahren mit Essstörung.

Sie spricht von Klinikaufenthalten, Ergänzungsnahrung, einer abgebrochenen Ausbildung zur Krankenschwester, in welcher sie all das Wissen um Gesundheit gar nicht auf sich selbst anwenden konnte. Und davon, dass erst einige Jahre Psychotherapie und einige Zeit im Ausland dem Ganzen ein Ende bereiteten. 2008 kommt Schenker zurück in die Schweiz. 2010 wird sie Mutter. Nochmals einige Jahre arbeitet sie als Therapeutin mit Betroffenen. Darüber zu reden, das ist ihr ein grosses Anliegen.

Kantonales Aktionsprogramm

Das will der Kanton mit einem Präventionsprogramm ermöglichen. Vorurteile sollen abgebaut werden, Störungen früh erkannt und verhindert werden. Bis 2020 läuft das kantonale «Aktionsprogramm Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit» in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsförderung Schweiz. Die Vision des Kantons: «Die Solothurner Bevölkerung ernährt sich ausgewogen und gesund, bewegt sich regelmässig, ist über die wichtigsten und häufigsten psychischen Erkrankungen informiert und weiss, wo sie entsprechend Hilfe erhält.»

Es gibt verschiedene Programme für verschiedene Altersgruppen. Eines davon: Die Schulbesuche zum Thema Essstörung. Trialogische Schulbesuche – das heisst, drei Personen führen gemeinsam vier Unterrichtslektionen durch; eine angehörige Person, eine Fachperson, eine ehemalige oder nach wie vor Betroffene. 54 dieser Schulbesuche gab es in diesem Jahr schweizweit, 4 im Kanton Solothurn mit Heidi Schenker als ehemals Betroffene. Darüber zu reden, das sei das Wichtigste, sagt Schenker.

Mehr als Theorie

Dazu gehört, dass während der vier Lektionen nicht nur jemand vor der Tafel steht und Theorie herunterrattert. Sondern die Schüler ein Stück weit mit ihren Fragen selbstbestimmen, was in der Stunde besprochen wird. Immer wieder strecken die Jugendlichen der 14-köpfigen Klasse die Hände in die Luft und stellen Fragen – teils sehr persönlich. Was sie sich damals gewünscht hätte, im Umgang mit anderen. Schenker geht zwischen den Pulten umher, überlegt kurz, redet dann weiter. Damals hätte sie sich gewünscht, dass man sie – als «Knochengerüst» – aus dem Fitnessstudio geschmissen hätte, wo sie regelmässig rudern ging, dass man ihr gesagt hätte, sie brauche Hilfe und kein Fitnesstraining. Man dürfe sich von niemandem distanzieren wenn die Krankheit auftauche. «Der Mensch ist immer ein Mensch, nicht nur sein Krankheitsbild.» Weitere Fragen: Wie das in der Schwangerschaft gewesen sei, was sie als Mutter dazu sage, dass man Störungen auch weitergeben könne, wie die Beziehung der jungen Heidi Schenker zu den Eltern war. Manche siezen sie, andere fragen: «Wie war das für Dich?» Schenker beantwortet alles.

«Das ist mal etwas anderes als Unterricht», sagen drei Schülerinnen in der Pause. Die 17-jährige Noa Rohner erzählt, es sei spannend, verschiedene Blickwinkel auf das Thema zu erhalten. Auch sie kenne Leute – vor allem «von früher» – die mit einer Essstörung kämpften. Auch Klassenkameradin Melanie Walser, 18, findet es wichtig, nicht nur die Theorie des Themas zu kennen, sondern wirkliche Erfahrungen mitzukriegen. Auch sie kenne jemanden, der von einer Essstörung betroffen sei. «Es betrifft Viele», schliesst sich die 19-jährige Lea Rippstein an. Sie kenne die Sichtweise einer Angehörigen – einer Kollegin – die eine Schwester mit Essstörung habe. Deshalb, sind sich die drei einig, sei eines eben wichtig: Darüber zu reden.

Mehr Infos und die Module des Aktionsprogramms: www.so.ch 

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