Jugendanwaltschaft

In der Pubertät überfordert: «Für viele Jugendliche kommt die Lehre zu früh»

Dass Kriminalität und Arbeitslosigkeit zusammenhängen, sieht Barbara Altermatt, die Leitende Jugendanwältin des Kantons Solothurn, auch bei den Lehrstellen: Wer keine hat oder die Lehre abbricht, landet häufiger bei ihr.

Dass Kriminalität und Arbeitslosigkeit zusammenhängen, sieht Barbara Altermatt, die Leitende Jugendanwältin des Kantons Solothurn, auch bei den Lehrstellen: Wer keine hat oder die Lehre abbricht, landet häufiger bei ihr.

Der Beginn der Berufslehre ist ein grosser Umbruch im Leben vieler Jugendlicher. Die Leitende Jugendanwältin Barbara Altermatt plädiert für mehr Zeit und weniger Druck. Jugendliche müssten zuerst genau wissen, was sie können und was nicht.

Überhaupt nicht jeder, der eine Berufslehre abbricht oder keine Lehrstelle findet, landet früher oder später bei der Solothurner Jugendanwaltschaft. Trotzdem: Im Alltag der Leitenden Jugendanwältin Barbara Altermatt spielt die Lehre eine Rolle. Der Umbruch in ihrem Leben kann dazu führen, dass Jugendliche Straftaten begehen. «Diejenigen Jugendlichen, die wissen, was sie können, haben es einfacher», sagt Altermatt.

Hunderte Solothurner Jugendliche haben ihre Lehre begonnen. Wie lange dauert es, bis die Jugendanwaltschaft dies spürt?

Barbara Altermatt: Im Moment herrscht Aufbruchstimmung. Viele Jugendliche haben eine Stelle und haben sich gefreut, mit der Lehre zu beginnen. Die erste Klippe kommt nach drei Monaten, die zweite im Februar, wenn das erste Zeugnis von der Gewerbeschule kommt. Es zeigt sich dann, dass es nicht nur Ansprüche des Lehrbetriebs gibt, sondern dass man auch noch in der Schule Leistung erbringen muss. Das ist nicht immer einfach.

Warum ist dieser Lehrbeginn so einschneidend?

Schwierig ist es für alle, auch für das familiäre Umfeld. Ohne Begleitung und Unterstützung schafft man dies eigentlich nicht. Es ist schliesslich ein spezieller Übergang: Mit 15 oder 16 bist Du in der vollen Ablösung von daheim. Man ist mit vielem beschäftigt, unter anderem eine eigene Persönlichkeit zu werden. Man schiebt weg, was von Erwachsenen kommt. Und was passiert nun? In der Lehre musst Du Dich als erstes jensten Chefs unterordnen. Man muss sich ganz stark auf Erwachsene einlassen, um eine gute Ausbildung hinzulegen. Im Betrieb sind plötzlich alle ein wenig Chef – ausser ich. Da muss man sich zuerst zurechtfinden.

Eine Lehre hat auch mit dem Selbstwertgefühl zu tun.

Ganz sicher. Man muss sich zeigen und Bewerbungen schreiben. Wir haben immer wieder Jugendliche, bei denen wir herausfinden, dass sie Bewerbungen geschrieben, aber gar nicht abgeschickt haben. Man getraut sich nicht. Man hat Angst vor dem Resultat, das es geben könnte. Es wartet ja niemand auf Dich.

Wo liegen Hürden?

Dass gewisse diesen Übergang nicht schaffen, hat durchaus seine Gründe. Die neun Schuljahre steht man meist durch. Nachher ist Neuland. Es geht sehr schnell. Viele Jugendliche waren sich nicht bewusst, was es heisst, in eine Lehre zu gehen. Sie denken: Das kommt dann schon gut, ich habe ja eine Stelle. So ist es leider nicht. Man muss sich selbst kennen lernen.

Ein Beispiel?

Eine Problemzone kann sein, dass man die völlig falsche Berufsvorstellung hatte. Es gibt diejenigen, die sich quasi in einer Scheinwelt bewegt haben, die mit etwas Glück oder ein paar guten Tagen zu einer Lehrstelle gekommen sind. Dann aber merken sie, dass sie die Anforderungen gar nicht erfüllen können. Wenn jemand ein schlechter, vielleicht knapp mittelmässiger Sek-B-Schüler und der Zielberuf das KV ist, da muss man sich nicht wundern, wenn es Absagen hagelt.

Oder?

Oder man hatte den Kollegen, dem es gefällt. Oder man war sich nicht bewusst, dass eine Ausbildung mit Kritik verbunden ist. Man wusste nicht, auf was man bei der Lehrstellensuche achten muss. Denn nicht nur der Beruf muss stimmen. Auch das Umfeld und die Menschen dort müssen einigermassen stimmen. Viele sind eigentlich überfordert. Wenn sie schnuppern, sind sie 14 oder 15. Wer geht schon mit extrem offenen Augen durchs Leben in dieser Phase?

Es ist früh.

Ich wage zu behaupten, dass es für einen grossen Teil zu früh ist. Zu früh, weil die Lehre nach meinem Dafürhalten eine Doppelbelastung ist. Die Jugendlichen müssen in der Schule und im Betrieb bestehen. Es ist wie wenn wir Erwachsene neben unserem Job noch eine satte Weiterbildung machen.

Es bräuchte mehr Zeit?

Wohin zieht es die Leute heute? Den Mädchen rät man zur Fachangestellten Betreuung. Eine 15-Jährige in der Betreuung, Guten Morgen! (klopft auf den Tisch). Das ist ein «armer Cheib». Es wäre besser, wenn man einige in Teilbereichen zuerst mitlaufen lassen würde. Vielen täte es besser, wenn man einen Praxisteil vorausnehmen würde, bevor man in den Schulbereich geht, damit sie zuerst einmal in einem Betrieb ankommen und nicht gleich von allen Eindrücken überrollt werden.

Das würde länger dauern.

Man kann schon sagen, ein weiteres Jahr zieht ins Land. Aber es ist ein Jahr, in dem man viele Erfahrungen machen kann. Den Dreisatz verliert man nicht in einem Jahr. Manchmal kann auch ein Zwischenjahr hilfreicher sein, als auf Biegen und Brechen irgendeine Lehrstelle zu finden, in der es einem nicht wohl ist.

Was könnte die Schule anders machen bei der Vorbereitung?

Gut ist, wenn die Schule Zeit lässt für längere Schnuppereinsätze, wenn sie mehr erlaubt als 2, 3 Tage. Wenn ich nur schön höre: 2 Tage Schnuppern und man erhält eine Lehrstelle. Da muss man sich schon kennen. Oder es ist ein Glücksfall, dass es klappt.

Und?

Selbstkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung sind mehr und mehr von Bedeutung, weil der Beruf im Laufe des Lebens immer häufiger wechselt. Der Mensch aber bleibt. Die menschlichen Kompetenzen gilt es deshalb zu fördern, etwa die Selbsteinschätzung. Es gibt durchaus gute Ansätze in Schulen, wo eigengesteuertes Lernen gefördert wird, wo die einzelnen Jugendlichen merken, wo sie als Einzelpersonen stehen und nicht nur im Verband. Man kann schon sagen: Solange ich besser bin als mein Kollege, bin ich gut. Aber mein Kollege kommt halt nicht mit zur Lehrstelle. Wenn die Selbstkompetenz klappt, hat man gute Chancen.

Es kommt auf die richtige Selbsteinschätzung an?

Wer eine Lehrstelle sucht, steht vor Fragen wie: Was kann ich wirklich? Kann ich durchhalten, wenn es schwierig ist? Kann ich eine langweilige Arbeit tun, wenn der Chef dies sagt? Woher nehme ich die Motivation? Diejenigen Jugendlichen, die wissen, was sie können, haben es viel besser als diejenigen, die noch nicht begriffen haben, dass sie in der Entwicklung sind und noch nicht ganz alles können.

Spüren Sie auch Veränderungen in der Lehre?

Die grosse Veränderung war, als man die Anlehre aufgehoben hat. An ihre Stelle kam die Attestausbildung, die einen Zacken zugelegt hat. Für viele, die wirklich wenige Fähigkeiten vorweisen können, ist die Attestausbildung bereits eine grosse Herausforderung. Das andere ist, ob man will oder nicht: Die Ansprüche in den Betrieben nehmen nicht ab. Es ist immer ein grosser Aufwand, Lernende auszubilden. Der Betrieb muss laufen, möglichst effizient und gut. Dieser Druck kommt auch bis zu den Lernenden. Sie müssen funktionieren wie andere Mitarbeiter auch.

Es gibt zu wenig niederschwellige Angebote?

Ja, Und das beschränkt sich nicht nur auf die Jugendlichen. Welche einfachen Jobs gibt es grundsätzlich in der Arbeitswelt noch, mit denen man etwas verdienen kann? Insofern ist es logisch, dass es auch Ausbildungsgänge, die ein niederschwelliges Angebot hatten, nicht mehr gibt.

Wer kommt zu Ihnen: der Lehrabbrecher oder derjenige, der gar keine Lehrstelle findet?

Grundsätzlich kommt nur zu uns, wer ein Delikt begangen hat oder unter dringendem Tatverdacht steht. Wir haben es mengenmässig häufiger mit Jugendlichen zu tun, die Abbrüche haben als mit Jugendlichen, die den Einstieg nicht geschafft haben. Es ist schwierig mit Abbrüchen. Sie verlieren das wenige an Selbstwert, dass sie noch hatten auf einen Schlag. Alles wie: Ich bin jemand, ich habe einen Job, ich gehöre dazu, der Stolz über das Arbeitsgewand, das eigene Geld. Wenn man an den Bancomaten geht, kommt etwas raus: Alle diesen guten Gefühle fallen dahin. Dann kommen die grossen Zweifel.

Dann …

Wenn dieser Status wegfällt: Da muss man einsehen: Es hat auch etwas mit mir zu tun. Das dauert manchmal.

Zwischen Lehrabbruch und einem Delikt, das zum Gang zur Jugendanwaltschaft führt, gibt es ja einen Zwischenschritt. Wo liegt er? Sie haben mal gesagt: «Wenn sonst nichts geht, ein Delikt kann jeder.»

Wie alle anderen Menschen gewöhnen sich Jugendliche auch relativ schnell an eine neue Struktur. Sie umgeben sich mit Leuten, die auch nicht arbeiten. Frei ist frei, da geniessen wir das Leben. Man kann ausschlafen. Man steht mittags auf, gamt, schaut, was die Kollegen machen, geht in den Ausgang. Viele wollen sich dann spüren oder wollen, dass etwas läuft. Das ist eine gefährliche Geschichte. Wenn sie nichts zu tun haben, machen sie sonst etwas. Nicht dazugehören, das Gefühl, zu dumm zu sein, das führt zu Frust und zum Willen, den Selbstwert auf die Schnelle zu steigern. Dann braucht man jemanden, der schwächer ist. Es sind nicht die intelligentesten Delikte, die geschehen.

Gibt es spezielle Delikte?

Es gibt keine typischen Delikte, aber man ist grundsätzlich bereit, Delikte zu begehen, die einem das Gefühl geben, zu etwas in der Lage zu sein. Auch wenn es nur für fünf Minuten ist. Dies können Vermögensdelikte, Diebstähle, oder Sachbeschädigungen an Automaten sein.

Es gibt mehr Lehrstellen als Lernende.

Und es geht trotzdem nicht auf. Bei den geburtenstarken Jahrgängen hat man viele Lehrstellen aus dem Boden gestampft. Jetzt hat man ein zu grosses Angebot für die Anzahl Interessenten. Aber es löst das Problem nicht. Es muss passen und die Entwicklung einer Person muss eben vorhanden sein.

Was können die Eltern beitragen?

Die Begleitung der Eltern ist ganz, ganz wichtig. Sie müssten ihr Kind am besten kennen und müssten am meisten Interesse haben, dass das Kind etwas findet, das ihm realistischerweise entspricht. Man kann als Eltern nicht einfach feststellen: Unser Kind ist schnuppern gegangen, es war positiv. Eltern sollten konkret nachfragen, mit dem Kind sprechen, wie es ihm gegangen ist, wo es seine Fähigkeiten zeigen konnte, wo es ihm weniger gut gegangen ist.

Das geschieht nicht immer?

Da gibt es grosse Unterschiede. Vielleicht will man auch nicht immer genau hinschauen, weil man froh ist, eine Lehrstelle zu haben. Das Suchen ist ja für alle, auch für Eltern, ein grosser Aufwand. Aber die Eltern sollen die Möglichkeiten des Kindes wirklich realistisch einschätzen und dies auch kundtun. Nicht im Sinne von: Das schaffst du nicht. Aber: Wo hast Du deine Fähigkeiten? Das fällt vielen Eltern schwer, oder sie üben Druck aus, dass ein sauberer und gut bezahlter Beruf her muss. Weil: «Lernen kann man ja alles». Aber viele Jugendliche wissen schon, dass sie nicht alles können.

Bei einem Abbruch?

Wenn es nicht klappt, sollte die Begleitung nicht aufhören. Die Abbrüche führen häufig dazu, dass die ganze Familie überfordert ist. Das Bild stimmt nicht mehr. Wenn man vorher keine Ahnung hatte, wie man das Kind stützen kann, ist es nachher auch nicht einfach. Aber man sollte es nicht hinnehmen, dass das Kind nichts mehr tut. Viele Eltern motivieren wir deshalb auch, das Daheim unbequemer zu gestalten. Da habe ich manchmal schon den Eindruck: Ja, wenn der Lehrbeginn im nächsten Sommer etwas weit entfernt liegt, ruht man als Familie noch etwas aus, was sehr ungünstig ist. Denn es wissen alle: Jetzt suchen die Neuen bereits.

Was kann der Lehrmeister tun?

Den Kontakt pflegen: Mit der Schule reden und mit den Eltern Gespräche führen, sodass die Jungen merken: Es gibt um mich herum ein Netz, da kann ich keine Einzelteile gegeneinander ausspielen. Eltern, die auch schon mal mit dem Lehrmeister geredet haben, kaufen es ihrem Kind nicht sofort ab, wenn es sagt: Der Lehrmeister ist «ein Löu». Jugendlicher, Familie, Schule und Lehrbetrieb: Diese vier müssen lückenlos miteinander kommunizieren.

Sie müssen als Jugendanwältin einerseits strafen.

Das machen wir auch.

Gleichzeitig hat die Sozialarbeit grosses Gewicht bei der Jugendanwaltschaft.

Das sind zwei sich ergänzende Themen. Wir haben Jugendanwälte und Sozialarbeiterinnen. Strafschiene und Sozialarbeit laufen parallel. Die Strafe ist in vielen Fällen der Weckruf, dass jetzt andere Zeiten anbrechen. Dann muss man vom Fleck kommen. Ich kann nichts, ich bin nichts: Diese Perspektivlosigkeit kommt nicht gut. Eine Tagesstruktur, eine Ausbildung, ein Job: Das ist Prävention Nummer 1. Wenn man sie so weit hat, dass sie dies können, ist es nicht mehr so gefährlich. Das Problem ist, sie dorthin zu bringen. Man muss Probleme suchen. Wenn man dranbleibt, sich nicht zufriedengibt mit einer Antwort, finden sie bald einmal keine Ausreden mehr. Manchmal ist es für Jugendliche auch einfacher, bei uns die Karten auf den Tisch zu legen. Es kann schwieriger und mit Ängsten verbunden sein, dies innerhalb der Familie zu tun.

Wie gehen Sie vor?

In einer ersten Phase geht es immer und die Delinquenz: Was war? Dass man weiss, wo die Person steht. Wo liegen Deine Fähigkeiten und Schwierigkeiten? Wenn man dies mal hat und die Jugendlichen auf das Thema einsteigen, den Panzer ablegen, dann kann man sie mit gutem Gewissen losschicken. Man muss zuerst den Knüppel lösen. Wir haben es zu 95 Prozent mit Jugendlichen zu tun, die eigentlich wollen. Wenn man sie mal konfrontiert hat oder die Wahrheit auf den Tisch gebracht hat, sind sie durchaus bereit, etwas zu beweisen. Sie machen es. Die Frage ist nur, wie schnell.

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